Eines Tages lebe ich ohne Pille – aber noch nicht heute

Weil sie sich jeden Monat krankmelden muss, fängt unsere lesbische Autorin* mit 19 an, die Pille zu nehmen. Für ze.tt wirft sie einen ehrlichen Blick auf eine verhängnisvolle Verbindung, die nach wie vor anhält.

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Dank Pille kann unsere Autorin schmerzfrei leben. Trotzdem plagen sie Zweifel. Foto: Joanna Nix / Unsplash | CC0

Jeden Morgen fällt mein Blick kurz nach dem Aufwachen zuerst auf Dich. Ich schaue Dich an, betrachte mich im Spiegel und halte kurz inne. Ist es aus zwischen uns? Vielleicht morgen, in einem Monat, einem Jahr. Aber heute noch nicht, antwortet meine innere Stimme.

Ich war noch nie gut in Trennungen. Im Verlassen, im Gehen, im Seinlassen. Auch wenn ich in meinem tiefsten Inneren weiß, dass es irgendwann soweit sein wird. Sein muss. Aber nicht heute. Also drücke ich Dich. Du gibst das wohlbekannte Geräusch von dir und verschwindest in meinem Mund. Ich spüle Dich mit all meinen Zweifeln runter und atme auf. Die Entscheidung für oder gegen Dich – abermals vertagt.

Kenne ich Dich überhaupt?

Du bist meine längste intime Beziehung. Mein halbes Leben bist Du schon bei mir. Und doch frage ich mich schon länger, ob ich Dich überhaupt kenne. Du hast schon ein paar Mal Deinen Look und Deinen Namen geändert, doch im Kern bist Du dieselbe geblieben. Immer wieder lese und höre ich, was Du bei anderen Frauen anrichtest. Aber bei uns ist doch bisher im Großen und Ganzen alles in Ordnung. Oder mache ich mir was vor?

Als mein Frauenarzt uns verkuppelt hat, hatte ich keine Ahnung, auf was ich mich einlasse. Ich hatte nur die Hoffnung, dass mit Dir alles besser wird. So haben es andere Frauen damals erzählt. Also habe ich Dich nicht in Frage gestellt, auf mein Bauchgefühl – oder war es eher Wunschdenken? – gehört und Dich in mein Leben gelassen.

Was folgte, war für mich, die ich bis dahin alle drei Wochen aus meinem normalen Leben fiel und nicht mehr funktionierte, Glück pur: Wir haben uns auf Anhieb verstanden und ich sah nur noch rosa. Du hast mir die unerträglichen Schmerzen und andere Unpässlichkeiten genommen, meinem Leben einen Rhythmus gegeben. Ja, Du hast mich befreit. Anfangs haben wir uns eine Woche im Monat nicht gesehen, später, als Du Dich weiterentwickelt hattest, warst Du fast immer da. Was für eine Erleichterung! Nach vier Jahren mit qualvollen Lebensunterbrechungen konnte ich endlich beides: spontan sein und Pläne machen.

Was wir haben, kann eigentlich nicht gesund sein

Mit Dir ist plötzlich alles möglich. Nur zwei Wochen im Jahr traue ich mich heute, ohne Dich zu sein. Inzwischen sagen Studien, dass wir wohl auch diese Auszeit nicht mehr brauchen, aber das erscheint mir irgendwie ungesund. Auch wenn ich gar nicht mehr richtig weiß, was Gesundheit in unserem Fall eigentlich bedeutet. Obwohl mir mein Verstand durchaus sagt, dass das, was wir haben, eigentlich nicht gesund sein kann.

Doch selbst die Angst vor dem Krebs, die mich zwischenzeitlich fast in den Wahnsinn trieb, ließ ich mir wieder ausreden. Es könne mich mit oder ohne Dich erwischen. Warum also die monatliche Qual wieder auf sich nehmen, wenn am Ende doch nichts gewiss ist? Und doch, meine Zweifel sind da. Jeden Tag. Schließlich hinterfrage ich auch sonst alles im Leben. Nur Du bist irgendwie ein blinder Fleck. An Dir trainiere ich mein sonst nicht vorhandenes Talent zur Verdrängung.

Und doch, meine Zweifel sind da. Jeden Tag. Schließlich hinterfrage ich auch sonst alles im Leben. Nur Du bist irgendwie ein blinder Fleck.

Es ist doch nur eine Tablette

Meine Freundinnen fragen, warum ich es nicht einfach lasse, wenn mir nicht ganz wohl mit Dir ist. Aber sie stecken nicht drin. Nicht in meinem Körper, nicht in meinem Kopf. Sie können nicht verstehen, wie viel ich riskiere, wenn ich Dich aufgebe. Das kann nur eine Frau, die dasselbe durchgemacht hat. Es ist doch nur eine Tablette, sagen sie. Es ist viel mehr als das, sage ich. Genauso, wie ein Schluck aus der Flasche oder ein Zug an der Zigarette nicht nur das ist, was es ist. Es ist ein verzweifeltes Sehnen nach einem Lebensgefühl, das wir nie ganz für uns haben können. Nicht ohne Konsequenzen.

Es ist ja nicht so, dass ich nicht versucht hätte, von Dir loszukommen. Doch jedes Mal, wenn ich beim Frauenarzt meine Bedenken äußere, zerstreut er meine Zweifel. Und er ist nicht der Einzige. Bisher waren sich alle einig: Was die Medizin zusammengebracht hat, darf meine Skepsis nicht trennen. Zumindest nicht, wenn ich weiterhin so leben will wie jetzt. Die Angst vor dem Schmerz und vor dem Kontrollverlust treibt mich in Deine Arme. Denn ginge es um die Verhütung, gäbe es zahllose gesündere Alternativen zu Dir. So aber bleibst Du angeblich meine einzige Option.

Wobei – ich erinnere mich, wie ich einmal meinen Arzt schockierte, als ich nach einer Totaloperation fragte. Schließlich sind Kinder kein Thema für mich. Ich weiß, es klingt paradox: Ich wäre diesen radikalen Schritt wohl gegangen, um diesen für mich nutzlosen Vorgang weiblicher Natur ein für allemal loszuwerden. Aber den von außen betrachtet einfachsten Schritt, Dich einfach abzusetzen, gehe ich nicht. Denn wenn ich mich trenne, dann für immer. Ausprobieren ist nicht, ich halte nichts von Beziehungspausen. Und was, wenn ich es ohne Dich mit den Schmerzen, den Verdauungs- und Rückenproblemen und dem ganzen anderen Scheiß nicht aushalte? Wer garantiert mir, dass wir uns noch verstehen, wenn ich Dich zurückhaben will?

Fehlerfrei bist Du nicht

Ja, ich gebe es offen zu: Du hast mir die Macht über meinen Körper gegeben, die ich nun nicht mehr hergeben will. Ich will weiter den Takt vorgeben. Klebe an meinem Thron wie eine alte Monarchin, die um den hohen Preis ihrer Stellung weiß, der aber noch nicht hoch genug ist, um abzutreten. Manchmal wünsche ich mir, Du würdest mir das Leben unbequemer machen, mir mehr Schmerz zufügen, damit ich mich leichter trennen kann. Wir brauchen den Schmerz, um uns zu verändern. Aber Du liegst nur da. Weißt um Deine Vorzüge und wie sehr ich sie brauche. Und dafür verabscheue ich Dich. Denn fehlerfrei bist Du nicht.

Du hast mir die Macht über meinen Körper gegeben, die ich nun nicht mehr hergeben will.

Im Laufe der Jahre bin ich mit Dir buchstäblich durch dick und dünn gegangen. Doch egal, wie viel ich gewogen habe, meine vom Wasser aufgequollenen Oberschenkel werde ich nicht los. Wie ein Mahnmal hängt das aufgeschwemmte Gewebe an mir und ich kann nichts dagegen tun, außer Dich loszuwerden. Aber was ist schon das bisschen Wasser gegen all die Tränen, die ich vor Deiner Zeit vor lauter Schmerz vergossen habe?

Du findest das widersprüchlich? Dann schau Dich mal an: Du sorgst für Wasser in den Beinen und für Dürre im Intimbereich. Wie eine eifersüchtige Plage drängst Du Dich zwischen mich und die Frauen, die ich liebe. Ersparst mir nicht einmal den peinlichen Moment, wenn ich ihnen erklären muss, warum meine Erregung allein nicht ausreicht, um mich ihnen schmerzlos hinzugeben. Und zu allem Überfluss hast Du mir auch noch meine weibliche Empathie genommen. Nur wenn ich tief in meiner Erinnerung krame, kann ich die Stimmungsschwankungen, Heißhungerattacken und Unlust meiner Freundinnen begreifen. Nachempfinden kann ich sie kaum noch.

Mein Leben in flauschigem Pastell

Diese Extreme, das Auf und Ab, die kräftigen Farben, die das weibliche Leben eigentlich ausmachen – ich sehe sie, aber ich fühle sie nicht mehr. Ich führe ein Leben in flauschigem Pastell. Alles ist schön, sicher und bequem. Dank Dir gibt es keine unvorhersehbaren Ausreißer, keine bösen Überraschungen. Hormone im Gleichschritt. Tagein, tagaus. Das passt mir als Sicherheitsfreak zwar gut. Aber Du raubst mir damit auch die unerwartet bunten Momente jenseits des Horizonts, die unbändige Lebensfreude, die ich mir im Ringen mit der inneren Dumpfheit meines Körpers mühsam erkämpfen muss.

Was sagt es über mich und mein Selbstvertrauen aus, wenn ich Panik davor habe, mir in meiner natürlichen Weiblichkeit zu begegnen? Werde ich ohne Dich ein anderer Mensch sein? Mehr Frau sein? Werde ich mich noch lieben können, wenn mich schon in den beiden Wochen, in denen ich Dich links liegen lasse, bisweilen vor meinem eigentlich normalen Körpergeruch ekele? Du hast mich in ein beinah geruchsloses, reines Wesen verwandelt. Und als meine Ex-Partnerin sagte, dass sie sich trennen würde, wenn sie mich nicht mehr riechen könne, wusste ich: So lange diese Beziehung andauert, wird auch unsere andauern. Zu groß war das Risiko, sie zu verlieren. Nun ist sie schon drei Jahre weg. Ich aber halte noch immer an Dir fest.

Ein erster Schritt auf meinem Weg in die Freiheit

Dabei liebe ich Dich schon lange nicht mehr. Aber ich bilde mir ein, Dich zu brauchen. Ein Leben ohne Dich ist für mich nicht vorstellbar. Mit keiner anderen hatte ich es so schön im Griff wie mit Dir. Denn auf Dich, meine Bequemlichkeitsdroge, ist Verlass. Mich auf das Abenteuer Zyklus einzulassen? Noch undenkbar. Wie abhängig ich von Dir bin, wollte ich lange nicht sehen. Es mir nun bewusst zu machen, ist ein erster Schritt auf meinem Weg in eine selbstbewusste Freiheit. In ein Leben, in dem ich nicht mehr alles vorhersehen, planen, kontrollieren kann. Und trotzdem keine Angst vor morgen habe, weil ich weiß, dass ich zurechtkomme und mein Körper mir nichts Böses will.

Wie abhängig ich von Dir bin, wollte ich lange nicht sehen. Es mir nun bewusst zu machen, ist ein erster Schritt auf meinem Weg in eine selbstbewusste Freiheit.

All den jungen Mädchen möchte ich zurufen: Lasst euch niemals mit jemandem verkuppeln, den ihr nicht richtig kennt. Lasst euch nicht von der schönen Fassade blenden, sondern schaut dahinter und überlegt euch genau, ob ihr euch auf diese Verbindung einlassen möchtet. Ja, hinterher sind wir immer schlauer. Aber was hilft das schon, wenn wir mitten im Gefühlschaos stecken?

Meine Lieblingskünstlerin Alexa Feser singt: „Mut ist ein Ja in einer schwierigen Zeit, sich zu entscheiden, ganz ohne Sicherheit.“ Diesen Mut, Ja zu mir zu sagen und Nein zu Dir – er fehlt mir bislang. Es ist die Angst vorm Ungewissen, vor dem Danach, die mich in dieser toxischen Beziehung hält. Noch. Ich bin mir sicher: Eines Tages lebe ich ohne Dich. Aber noch nicht heute.

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*Die Autorin möchte anonym bleiben, deshalb erscheint dieser Text unter Pseudonym. Der richtige Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

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