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Einsamkeit: Wir haben verlernt, füreinander da zu sein

Die Art, wie wir leben, hat sich in den vergangenen 200 Jahren enorm verändert. Einsamkeitsexpertin Dr. Wlodarek erklärt, was hinter der Einsamkeit steckt.

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Bei Einsamkeit werden dieselben Hirnareale wie bei körperlichem Schmerz aktiviert. Foto: Dương Nhân / Unsplash | CC0

Zum Start unseres Membership-Modells ze.tt gr.een veröffentlichen für alle Mitglieder jede Woche einen Text zu unserem Themenspezial Einsamkeit. In fünf Beiträgen beleuchten wir für euch, wer sich wann und warum einsam fühlt, weshalb uns Einsamkeit krank machen kann und wie sich eine Gesellschaft verändert, wenn sich viele Menschen einsam fühlen. 

Wenn der Gestank nicht mehr auszuhalten ist, beschweren sich irgendwann die Nachbar*innen. Nicht, weil sie jemanden lange nicht mehr gesehen haben und sich fragen, wie es ihm*ihr geht. Fälle, in denen Menschen allein in ihren Wohnungen sterben und sie wochen-, monate- oder sogar jahrelang niemand vermisst – auch nicht die unmittelbaren Nachbar*innen – gibt es immer wieder. Ein erschütterndes Symptom unserer zunehmend individualisierten Lebensweise.

„Dass Einsamkeit typisch für unsere Zeit ist, liegt durchaus an den gesellschaftlichen Bedingungen“, erklärt auch die Diplom-Psychologin, Buchautorin und Einsamkeitsexpertin Dr. Eva Wlodarek. Denn im Grunde gedeiht Einsamkeit auf zwei Böden: dem persönlichen und dem gesellschaftlichen.

Die individuellen Gründe für Einsamkeit

Biologisch betrachtet sind wir hochsoziale Wesen und entsprechend verdrahtet; zwischenmenschliche Beziehungen und Interaktionen sind das, was uns ausmacht. Beziehungen zu anderen sind wichtig für unsere seelische und körperliche Gesundheit.

Einsamkeit entsteht, wenn das Urbedürfnis nach sozialer Interaktion und Bindung nicht befriedigt wird. Es ist unsichtbar, niemand kann es auf den ersten Blick sehen, aber das empfundene Leid ist profund und echt; es werden dieselben Hirnareale wie bei körperlichem Schmerz aktiviert – so tief ist das Bedürfnis nach Bindung und Kontakt in uns verankert.

Einsamkeit entsteht, wenn das Urbedürfnis nach sozialer Interaktion und Bindung nicht befriedigt wird.

Das ist ein evolutionsbiologischer Mechanismus: Wir sind soziale Säugetiere und unser Überleben war jahrtausendelang von der Gemeinschaft, unserem Rudel, abhängig. Der Schmerz, den wir durch Einsamkeit erleben, ist Motivation, sich anderen anzuschließen und so die Überlebenschancen zu erhöhen.

Nicht zu verwechseln sei Einsamkeit laut Expertin allerdings mit Alleinsein: „Alleinsein bedeutet, dass gerade niemand bei uns ist“, sagt Dr. Wlodarek. „Einsamkeit dagegen ist eine schmerzhafte Empfindung, man fühlt sich ausgeschlossen.“ Das könne sogar unabhängig davon sein, ob Menschen um uns herum sind oder nicht. „Als Grundgefühl kann Einsamkeit auch dann quälen, wenn wir einen Partner, Familie oder einen großen Bekanntenkreis haben“, so die Expertin.

Ursachen dafür liegen beispielsweise in der Persönlichkeit und Biografie. „Einsamkeit kann auch sehr alte Wurzeln haben. Ein grundlegendes Gefühl innerer Isolation ohne direkten äußeren Anlass stammt meist noch aus der Kindheit“, erklärt die Psychologin.“Frühe negative Erlebnisse können das Vertrauen in eine liebevolle, beschützende Umwelt zerstören und dazu führen, dass wir uns lebenslang verlassen fühlen.“ Dann können selbst Freundschaften oder Beziehungen wenig gegen die empfundene Einsamkeit ausrichten. Professionelle therapeutische Unterstützung kann beim Umgang damit allerdings helfen.

Auch persönliche Schicksalsschläge können zu Einsamkeit führen, wie Dr. Wlodarek erklärt: „Dazu gehören der Tod eines geliebten Menschen, eine schwere Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Trennung.“

Bei Einsamkeit werden dieselben Hirnareale wie bei körperlichem Schmerz aktiviert.

Trauer macht einsam, weil fast niemand dieses enorm persönliche, überwältigende Gefühl nachvollziehen kann und es sehr lange dauern kann, bis sich das trauernde Herz beruhigt. Manchmal hat das Umfeld nicht genug Geduld oder Verständnis. Oft haben Trauernde auch keine Kraft dafür, sich mit anderen auszutauschen, sich zu treffen und am sozialen Leben teilzunehmen oder sie wollen mit ihrer Trauer niemandem zur Last fallen. Die Folge: Rückzug und Einsamkeit. Besonders hart trifft das ältere Menschen, deren Lebenspartner*in stirbt und die wenig Kontakt zu anderen gepflegt und keinen intensiven Familienanschluss haben.

Recht ähnlich sieht es bei Trennungen aus – insbesondere dann, wenn es lediglich einen überschaubaren oder vor allem gemeinsamen Freundeskreis gab. Und Krankheiten können uns auch isolieren, vor allem, wenn das Verlassen der Wohnung schwierig ist.

Doch es gibt auch strukturelle, gesellschaftliche Gründe dafür, dass sich immer mehr Menschen einsam fühlen.

Die gesellschaftlichen Ursachen für Einsamkeit

Die Zahl der Menschen, die an Einsamkeit leiden, nimmt sowohl auf dem Land als auch in der Stadt zu. Das betrifft alle Altersgruppen. Kontakte zu anderen nehmen in unserer Gesellschaft ab und das liegt daran, wie wir leben. „Heute wird Einsamkeit durch die Anonymität in Großstädten, Einzelhaushalte und Mobilität im Job begünstigt“, sagt Dr. Wlodarek.

„Sicher war bei früheren Generationen auch nicht alles Gold, manche Konventionen und starre Regeln haben auch einsam gemacht“, so die Expertin. „Aber es gab eben auch große Familien und Ortsgemeinschaften, in denen man aufgefangen wurde.“ Orte, an denen man sich einfach kennt und irgendwie umeinander sorgt oder kümmert – ob nun Dorf- oder Hausgemeinschaft – waren ein wichtiges soziales Netz außerhalb der eigenen Familie und des Freundeskreises.

Doch durch den Prozess der Industrialisierung zum Beispiel veränderte sich die Art, wie sich Menschen in den westlichen Industriegesellschaften organisieren.

In der vorindustriellen Zeit gab es weniger und kleinere Städte, stattdessen lebte die Mehrzahl der Leute in größeren Familienverbänden und Dorfgemeinschaften; Arbeit fand häufig zu Hause oder lokal statt. Das brachte allerdings nicht nur positive Nähe mit sich – auch die soziale Kontrolle war logischerweise höher. Diejenigen, die sich freiwillig außerhalb der Norm bewegten oder bewegen wollten, und diejenigen, die sich unfreiwillig ausgeschlossen fanden, hatten es deutlich schwerer als heute.

Mit der Industrialisierung und der räumlichen Trennung von Wohnen und Arbeiten (in Fabriken, später Büros), gingen jedoch tiefgreifende soziale Veränderungen einher: Familien wurden zum Beispiel kleiner und viele zogen vom Land in die wachsenden Städte, um dort Arbeit zu finden. Dabei gaben sie ihr gewachsenes soziales Netz oft auf.

Auch heute ist im Job nicht selten örtliche Mobilität gefragt. Das fängt für einige schon bei der Auswahl des Ausbildungs- oder Studienortes an und zieht sich durchs gesamte Berufsleben. Arbeit gibt es immer noch vorzugsweise in Großstädten. Doch die schier unübersehbare Anzahl der Menschen, die dort lebt und die Unverbindlichkeit nachbarschaftlicher Kontakte durch häufige Umzüge lassen soziale Bindungen erodieren. Man kennt sich höchstens vom Paketannehmen. „Im Job wird Mobilität vorausgesetzt, man muss häufig umziehen. Sich dann immer wieder einen neuen Freundeskreis aufzubauen oder Kontakt mit dem alten zu halten, fällt schwer“, sagt auch Dr. Wlodarek.

Von den Singles und Geschiedenen fühlen sich mitnichten alle einsam.

Dazu kommt, dass es immer mehr Singles gibt. Und obwohl es natürlich äußerst begrüßenswert ist, dass Verpartnerung und Eheschließung eine freiwillige Liebesentscheidung und keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr sind, führt das dazu, dass mehr Menschen allein leben. „Die Statistik zeigt: Es gibt immer mehr Singlehaushalte“, erklärt Dr. Wlodarek. „Man trennt sich heute leichter als früher. Weil finanzielle und soziale Gründe meist wegfallen, steigt die Zahl der Scheidungen.“

Von den Singles und Geschiedenen fühlen sich mitnichten alle einsam – es leben aber eben auch längst nicht alle freiwillig und fröhlich allein, wie die Expertin meint: „Wer zurückbleibt, leidet und ist oft lange einsam.“

Social Media gegen Einsamkeit?

Ein zweischneidiges Schwert in Sachen Einsamkeit sind Instagram, Snapchat, Twitter, Facebook und Tinder. „Die sozialen Medien sind in puncto Einsamkeit Fluch und Segen“, meint die Einsamkeitsexpertin. Einerseits können wir darüber leicht Kontakte knüpfen, die nicht nur auf den virtuellen Raum beschränkt bleiben müssen, sondern auch im realen Leben stattfinden können. „Das ist besonders für diejenigen von Vorteil, die beruflich voll engagiert, neu in einer Umgebung oder durch Krankheit ans Haus gefesselt sind“, so Dr. Wlodarek.

Doch es gibt auch eine Kehrseite: „Die vielen Möglichkeiten verführen dazu, dass man sich nicht wirklich einlässt oder dass man sich ablenkt, anstatt die Einsamkeit konkret anzugehen“, sagt die Psychologin. Überwiegend flüchtige, unverbindliche Kontakte im DM-Fach, ein paar Dates, die oft schnell wieder aus dem Leben verschwinden – wenn man sich überhaupt trifft. Dass Dating-Apps Einsamkeit eher verstärken können, hat unlängst auch eine Studie gezeigt.

Und das wiederum führt uns zurück zur Biologie, besser gesagt: zu unserer neurologischen Verdrahtung. Das Gehirn braucht laut Forschung Mimik, Gestik, Blicke, Stimme und unmittelbaren Kontakt, um mit dem Gegenüber Nähe aufbauen und die soziale Interaktion erleben und bewerten zu können – Menschen brauchen echte soziale Nähe. Deshalb vermag Social Media dem Gefühl der Einsamkeit nur begrenzt entgegenzuwirken.

Das können wir tun

Klar ist: Wir werden nicht mit einem Handstreich die Struktur unserer Persönlichkeit geschweige denn die der Gesellschaft ändern können. Doch wir können nachhaltig im Kleinen daran arbeiten.

Wir können zum Beispiel einerseits lernen, uns um uns selbst und unsere inneren Bedürfnisse zu bemühen. Das fängt beim aufmerksam in sich hineinspüren an und kann eben bis zur Therapie gehen – je nach Disposition und Biografie. Wir können uns aber andererseits auch öffnen; Gelegenheiten für Begegnungen schaffen, mit anderen Menschen Kontakt aufnehmen, fragen, wie’s geht – kurz: Uns wieder mehr um andere kümmern. Zum Beispiel um unsere Nachbar*innen.


Hier lest ihr Teil 1: Warum wir uns alle einsam fühlen
Hier lest ihr Teil 3: Wenn Einsamkeit krank macht

In der nächsten und dritten Folge dieser Einsamkeitsserie geht es um die Frage: Welche Auswirkungen hat Einsamkeit auf unsere seelische und körperliche Gesundheit?

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