Elefanten im Mittelalter: Wie malt man ein Tier, das man zuvor noch nie gesehen hat?

Vor hunderten von Jahren standen Künstler*innen öfter vor der Herausforderung, Tiere zu malen, die sie selbst noch nie gesehen hatten.

Stell dir vor, du bist ein Mönch oder eine Nonne im 13. Jahrhundert in Europa und hast noch nie einen Elefanten gesehen. Wie auch: Zoos wird es erst in ein paar hundert Jahren geben und durch nicht endende Kriege im Heiligen Land und im Mittelmeer ist an Handelsbeziehungen mit Asien und Afrika nicht zu denken. Einzig Entdecker*innen, wie zum Beispiel Marco Polo, bringen Kunde von merkwürdigen, grauen, riesigen Tieren mit nach Europa. Die beschriebene Größe und das Aussehen variieren dabei beträchtlich. Manche Quellen sprechen von Pferden mit Geweihen und Rüsseln, andere dichten Elefanten die Ausmaße mehrstöckiger Gebäude an.

Gigantische Wesen aus einer anderen Welt

Auf Europäer*innen im Mittelalter müssen Elefanten in Erzählungen wie gigantische Wesen aus einer anderen Welt gewirkt haben. Bis ins 13. Jahrhundert zeigten Darstellungen die friedfertigen Dickhäuter als fremdartiges Fabeltier mit schweineartigem Rumpf und paarigen Klauen, bei dem vor allem ein riesiger Rüssel und steil nach oben gerichtete Stoßzähne imponierten. Da man nicht wusste, wie dieses Tier tatsächlich aussah, mussten sich die Illustrator*innen  auf mündliche und schriftliche Überlieferungen verlassen. Den Rest erledigte die Fantasie.

So zeigen historische Illustrationen aus Frankreich etwa weite Ohren und gekrümmte Stoßzähne, wohingegen Elefanten in deutschen Abbildungen aus dem frühen Hochmittelalter gänzlich ohne Ohren und mit geraden Stoßzähnen gemalt wurden. Erst mit den Reiseberichten des späten Mittelalters verbesserte sich der Kenntnisstand. Bis dahin haben europäische Maler*innen wild voneinander abgemalt, da sich die Gelehrten lieber auf die Zeichnungen anderer Gelehrter verließen als aufs Hörensagen.

Als der Elefant die Alpen überquerte

Das Wissen über die Proportionen und das Aussehen von Elefanten verschwand mit dem Untergang des weströmischen Reichs im fünften Jahrhundert. 500 Jahre später galten Elefanten als mythische Wesen des Südens: Gelehrte zu jener Zeit kannten die Geschichten von Hannibal, dem karthagischen Heerführer, der mehrere Dutzend Elefanten und eine gigantische Armee über die Alpen geführt hatte, um Rom anzugreifen. Sie kannten auch die Geschichten von Alexander dem Großen, dem König Mazedoniens, der in seinem kurzen Leben ganz Vorderasien erobert und Elefanten bekämpfte, aber auch für sich nutzte.

Andere mythische Wesen wie Drachen kamen in Sagen vor, ließen sich von Held*innen wie Siegfried oder Beowulf erschlagen. Elefanten jedoch waren ebenfalls furchteinflößend und groß, aber gleichzeitig dem Menschen Untertan. Sie waren Nutztiere wie Pferde oder Kühe. Nur eben von so großen Ausmaßen, wie sie kein*e mittelalterliche*r Europäer*in sich vorzustellen vermochte.

Von Hannibal zu Benjamin Blümchen

Erst in der frühen Neuzeit, mit dem Aufkommen des Kolonialismus und des späteren Imperialismus, kamen Elefanten wieder nach Europa. König*innen hielten sie sich als Haustiere und Entdecker*innen zeichneten maßstabsgetreue, realistische Bilder der vierbeinigen Riesen.

Während Elefanten früher ganze Städte auf ihrem Rücken trugen, haben sie heute Angst vor Mäusen und backen „Törö-Torte“. Die moderne Popkultur feiert sie und jede Generation hat ihren eigenen Zeichentrick-Elefanten: So sind es Dumbo, Colonel Hathi, Benjamin Blümchen oder die Ottifanten, die –anders als das Kriegstier Elefant, das über die Alpen marschieren musste – heute aus Hörbüchern trompeten oder als Kuscheltier beim Einschlafen helfen.

Die Kommentarfunktion ist ausschließlich unseren Leser*innen von ze.tt gr.een vorbehalten.

Noch keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Dein Kommentar ist nur für andere Abonnenten sichtbar. Du erscheinst mit deinem bei Steady hinterlegten Namen und Profilbild. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Es kann ein paar Minuten dauern, bis dein Kommentar erscheint.