Ernst Palicek, Vengaboys und EsRAP: So klingt der Sommer in Wien

Musikalisch hat Wien nur Bilderbuch und Wanda zu bieten? Von wegen. Wir haben den Sommer in Wien in eine Playlist gepackt. Prost!

Ernst Palicek, Vengaboys und EsRAP: So klingt der Sommer in Wien

Mach es ihr gleich: Mucke an und ab ins Grüne wie in den Prater in Wien! Foto: Silvia Lanfranchi / Unsplash | CC0

Musik aus der österreichischen Bundeshauptstadt? Meistens nennen Menschen dann Falco, Bilderbuch, Wanda und vielleicht noch Yung Hurn. Doch Wien hat viel mehr Künstler*innen zu bieten.

Während man in der U-Bahn diesen Sommer so sehr schwitzt, dass dort ein Parfum getestet wird, lebt die Stadt in dieser Jahreszeit endlich mal auf. Die Menschen verstecken sich nicht mehr in ihren Wohnungen, gehen raus und haben Spaß. Sie sitzen im Burggarten, im Museumsquartier, an der Donau und im Freibad. Natürlich beschweren sie sich trotzdem über das Wetter. Trinken Spritzer (also Weißweinschorle) und dieser Sound tönt aus ihren Boxen:

Ernst Palicek: Trapschlager mit Tennissocken

Der Titel für die Sommerhymne in Wien geht seit fünf Jahren an Ernst Palicek. Er trägt Tennissocken in den Schlapfen (also Hausschuhe), besingt die Sommerbrise auf der Gloriette, Melange, 16er-Blech (also Bier), Pferdeleberkäse und die Bim (also Straßenbahn). Mallorca, Jesolo, alles super. Aber Wien ist besser. „Nix ist so sche, wie der Summer in Wien“, besäuselt er die österreichische Hauptstadt im Refrain. Ernst Palicek gehört der Crew des HANUSCHPLATZFLOW an, der auch Crack Ignaz und Yung Hurn entsprungen sind. „Niemand kann einen Haltungsschaden so ästhetisch auf dem Stephansplatz sporten wie er“, heißt es auf dem Musikblog von Red Bull über Palicek. Große Hits kamen nach diesem Song nicht mehr. Besser geht halt auch nicht.

Euroteuro und Ninjare di Angelo: Liebeserklärung an den Autogrill

Sommer, Sonne und endlich Zeit für Urlaub am Strand. Euroteuro und Ninjare di Angelo besingen zwar nicht Wien, aber ein Gefühl, das viele Österreicher*innen kennen. Der Urlaub beginnt für viele schon auf dem Weg nach Italien auf der Autobahn bei der Rast. So schrieben die Sänger*innen eine herrliche Liebeserklärung an die italienische Raststätte. In ihrer Sommer- und  Urlaubshymne werfen sie mit italienischen Begriffen um sich und schallern: „Ti amo, Autogrill. Amore, Autogrill“. Mit jedem gesungenen Gelati, Grappa, Zigaretti, Frizzante und Prosciutto ist man dem sehnlich erwarteten Urlaub in Italien ein Stück näher.

Vengaboys: Viva Ibiza!

Der Sound des 90er-Jahre-Tracks wird in Wien nun nach vielen Jahren wieder gespielt. Und zwar überall: in der Pizzeria, im Club oder im Supermarkt. Durch die Veröffentlichung der Ibiza-Tapes wurde aus dem fast vergessenen Hit eine Hymne des Protests. Im Wikipedia-Eintrag zum Lied wird die Ibiza-Affäre unter dem Punkt Popularity in Austria eigens erwähnt: „Nach der Enthüllung der Ibiza-Affäre im Mai 2019, die zum Rücktritt des österreichischen Vizekanzlers Heinz-Christian Strache führte, nutzten Demonstranten in Wien das Lied als Protestlied. In Folge wurde der Song wieder so populär, dass er es schaffte, wieder in die österreichischen Charts einzusteigen und sie sogar anzuführen.“ Die Band trat vor Kurzem sogar bei der wöchentlichen Donnerstagsdemo in Wien auf.

Wiener Linien: Back to the 80s

Die österreichische Band Minisex vertont ihren 80er-Hit Wir fahren mit dem Auto in Zusammenarbeit mit den Wiener Linien dieses Jahr neu. Jetzt trällern sie umweltbewusst: Wir fahren mit der U-Bahn. Minisex-Sänger Rudi Nemeczek sagt dazu: „Vor 36 Jahren war Autofahren vielleicht noch cool, aber wer benötigt denn heute noch ein eigenes Auto in der Stadt, bei diesem tollen Öffi-Angebot?“ In den sozialen Medien lachten einige über den Song. Aber er geht direkt ins Ohr und kommt auch nicht mehr raus. Noch beim Einschlafen hört man: „Und über uns die Straßen voll Stau, Stau, Stau!“

Mavi Phoenix: So cool ist nur sie

Die 23-jährige Oberösterreicherin Marlene Nader startete ihre Karriere noch vor ihrer Matura (also Abi) als Support-Act für Bilderbuch. Ihr Sound ist irgendwo zwischen Hip-Hop, Pop, R’n’B, Electro und Trap zu Hause. Mit ihrem Song Prime führte sie die FM4-Jahrescharts 2018 an. Mavi Phoenix zieht beneidenswert konsequent ihr eigenes Ding durch und ist darum mit niemandem so wirklich vergleichbar. Als könnte sie hellsehen, besang sie Ibiza bereits vor den Ibiza-Gates. Das ist natürlich Quatsch, es geht um viel wichtigeres, wie: Liebe, Herzschmerz und Trennung.

Toni Polster: Das beste Lied der Welt

Der ehemalige Fußballspieler ist nicht nur Rekordtorschütze der österreichischen Männernationalmannschaft, sondern auch ein grandioser Musiker. Sein Song Da Summer in Wien hat absoluten Kultcharakter. Auch das Video dazu, inklusive einem viel zu warm angezogenen, melancholischen Ex-Fußballspieler am Kahlenberg und seiner Band in 2000er-Outfits, sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Der Wiener Stadtblog 1000things nennt ihn den besten Song der Welt und schreibt: „Man muss kein großer Fan von Schlager sein, um zu bemerken, mit welcher Authentizität Toni performt, denn die Liebe ist real und intensiv.“ Toni Polster hat übrigens noch mehr auf Lager, auch sein Song Toni lass es polstern ist – wie wir in Österreich sagen – ein wahres Schmankerl.

RAF Camora: Palmen aus Plastik und Koks aus dem 15.

RAF Camora ist wohl einer der erfolgreichsten österreichischen Rapper jemals. Der als Sohn eines Österreichers aus Vorarlberg und einer Italienerin geborene Raphael Ragucci zog als Sechsjähriger nach Wien und wuchs dort im Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus auf. Er drehte einige seiner Musikvideos in der Stadt, in denen er mit seinen Boys auf Motorrädern und in schweren Autos durch die Straßen brettert. Dabei besingt er GOTHAM CITY 1150, was die Nummer seines Wiener Gemeindebezirks ist. Meistens geht’s um Koks oder Gras oder eben Palmen aus Plastik. Als RAF Camora im Frühling in Wien auftrat, bebte die Menge. Er holte Motorräder, Flammen und ein riesengroßes Fake-Krokodil auf die Bühne. Übrigens alle, die den Sound als Proll-Mucke abtun, haben bestimmt schon mal besoffen den Song Ohne mein Team mitgesungen und sich in den Armen ihrer Freund*innen gewogen.

Seiler und Speer: Sommerhit und Apres-Ski-Hit zugleich

Seiler und Speer ist eine österreichische Band aus Bad Vöslau in Niederösterreich, die aus dem Komiker und Schauspieler Christopher Seiler und dem Filmemacher Bernhard Speer besteht. Ihr Song Ham kummst hielt sich fünf Wochen lang auf Platz eins der Ö3 Austria Top 40 und stieg auch in die deutschen Charts ein. Plötzlich sangen alle ihren Song, auch die, die ihn gar nicht verstanden. Um das mal kurz klar zu stellen: Es geht um einen Typen, den seine Frau verlässt, weil er nie da oder ständig besoffen ist. Ham kummst ist sowohl Sommerhit als auch Après-Ski-Hit in einem – eine Art universelle Hymne für alle Besoffenen. Wer bestreitet, nach ein paar Spritzern nicht zumindest die Lippen dazu bewegt zu haben, lügt.

Hunney Pimp: Ehrlichkeit statt Proll

Maddah Rah kommt aus Oberösterreich, ist aber Wahlwienerin und darum gehört sie unbedingt in diese Playlist. Im Gegensatz zu anderen österreichischen Trap und Deutschrap Künstler*innen drehen sich ihre Songs nicht um Drogenexzesse oder schwere Autos, sondern um Schlaflosigkeit, Depression und Hilflosigkeit. Hunney Pimp spricht damit vielen Menschen aus der Seele und ist dabei auch noch verdammt cool.

My Ugly Clementine: They run the World

Eine Gruppe wie die von My Ugly Clementine gab es in Wien noch nie zuvor: Ein Zusammenschluss von musikalischen Ausnahmetalenten und wahren Supergirls. Sophie Lindinger wollte mit Frauen zusammenarbeiten, die sie bewundert, und startete das Ding. Die Sängerin ist bereits mit der Band Leyya extrem erfolgreich und auf dem besten Weg, die Welt zu erobern. Zusammen mit Kathrin Kolleritsch, Barbara Jungreithmeier und Mira Lu Kovacs starteten sie ein Projekt, das zwar noch ganz am Anfang steht, aber groß werden wird.

KeKe: Bricht mal eben die Männerdomäne Rap auf

Wer an Deutschrap aus Wien denkt, ist meistens bei RAF Camora oder Yung Hurn. Mit KeKe gibt es nun eine spannende Neuerscheinung in der Wiener Rapszene. KeKe ist eigentlich ausgebildete Jazzmusikerin, rappt mittlerweile aber zu modernen Beats und wichtigen Themen. In Interviews erklärt sie, dass sie mit ihrer Musik zeigen will, dass Frauen über alles rappen dürfen und sich nicht einschränken lassen sollen. Noch lebt die Künstlerin in Wien, auch wenn sie weiß, dass sie irgendwann das Land der Alpen verlassen wird. Darum Box an und mit KeKes Sound die Stadt beschallen, bis Berlin sie uns wegnimmt.

Granada: Scheiß auf Berlin!

Die österreichische Band, die sich nach einer Stadt in Spanien benannt hat, zählt schon jetzt zum Ur-Wiener-Sound, obwohl sie bis vor wenigen Jahren noch auf Englisch sang und eigentlich aus Graz kommt. Nun wird in Dialekt Musik gemacht und auch die Quetschn (also das Akkordeon) darf nicht fehlen. Ihre Songs drehen sich um den Wiener Gemeindebezirk Ottakring, Pina Colada oder den neuen Freund aus scheiß Berlin: „Grüße aus Graz nach scheiß Berlin“.

KREIML & SAMURAI: Ein echter Wiener

„Unsere positivste Seite ist die Negativität, drum is eh ollas fürn Oasch, trotz bester Lebensqualität“, so beschreibt das Hip-Hop-Duo die Lebenseinstellung von echten Wiener*innen. „Wir raunzen übers Wetter, wuascht obs schee is oder regn’t und keppeln über Themen, die da eh keiner versteht wie Fußball, Politik oder Sexualität.“ Und damit haben sie recht. Wiener*innen jammern wirklich immer und überall. Zum Wiener Sound gehören auf jeden Fall auch die Beschwerden, die fix kommen werden, wenn du die Musik dieser Playlist irgendwo in Wien laut hören wirst.

The Pussycat Dolls: Versprühen Bollywood Vibes in Wien

Okay, erwischt! The Pussycat Dolls sind weder Österreicher*innen, noch leben sie in Wien. Aber das Video zum Hit für den Film Slumdog Millionaire drehten sie 2009 im Tramwaymseum in Wien. Und die Pussycat Dolls sind damit nicht allein. Auch Robbie Williams, Kesha und Sarah Connor wählten für ihre Musikvideos die wunderschöne Stadt Wien aus.

HVOB: Techno zum Heulen schön

Das Elektronik-Duo HVOB (Her Voice Over Boys) macht Techno mit wunderschönen Melodien. Im dunklen Club auf der Tanzfläche verliert man sich dazu schnell in Melancholie und Trance. Anna Müller und Paul Wallner produzieren einen Sound, der nicht nur in Wien einzigartig ist. Mittlerweile ist das Duo auch kein Geheimtipp mehr, sondern weltbekannt. Einen Track nahmen sie übrigens gemeinsam mit dem Mumford & Sons-Gitarrist Winston Marshall auf. Ihre Interpretation des Hits der Band Bombay Bicycle Club Always Like This berührt selbst vereiste Herzen. Im Herbst touren die beiden durch die Vereinigten Staaten.

Cari Cari: Musik wie aus einem Tarantino-Film

Der Rolling Stone nannte Cari Cari die wichtigste Live-Entdeckung des Primavera Sound Festivals in Barcelona. Die Indieband besteht aus dem Duo Stephanie Widmer und Alexander Köck, die sich anhören wie die wiedervereinten The White Stripes. Cari Cari klingt so, wie man sich die Fahrt in einem Mustang durch die Wüste während des Sonnenuntergangs in einem feministischen Western vorstellt und sogar noch ein Stück besser. Und muss auf die Playlist jedes Roadtrips.

Der Nino aus Wien: Fast wie Falco

Falco findet ihr in diesem Artikel nicht, da ihr ihn eh schon alle kennt. Aber auch am Nino aus Wien kommt heute niemand mehr vorbei. Durch seinen Spinat Song beim Protestsongcontest des österreichischen Radiosenders FM4 wurde er erstmals bekannt. Seither ist er gefühlt auf jedem Stadtfest in Österreich auf der Bühne. Nino Mandl singt nicht nur, sondern schreibt auch. Er coverte die Wien-Hymne von Falco. Genauso übrigens die Electropop-Band Bunny Lake, ein Song, den du auf deiner nächsten Party spielen solltest.

The Beth Edges: Indie-Liebe

Ich kann es nicht mehr mit Sicherheit sagen, wie viele Freund*innen irgendwann in die Jungs der Indie-Band The Beth Edges verknallt waren. Ich gebe es gleich zu, ich war eine von ihnen. Nachdem meine Liebe für Björn Dixgård von Mando Diao unerwidert blieb (keine Ahnung, warum eigentlich), hängte ich neben ihr Plakat eines der Wiener Band auf. Ihr Sound klingt wie eine Mischung aus The Kooks, The Hives und eben Mando Diao. Geht immer, vor allem im Sommer.

MAKOSSA & MEGABLAST: Die urguten Ur-Wiener-DJs

Marcus Wagner-Lapierre alias MAKOSSA ist sowas wie der Pate der Wiener DJ-Kultur. Er begann in den frühen 80er Jahren mit dem Musikmachen und wurde 1995 Leiter der Musikabteilung von Österreichs berühmtem bundesweiten Radiosender FM4. Seine Samstagnachtshow war legendär. Mitte der 90er Jahre tat er sich mit einem Freund, Sascha Weisz aka MEGABLAST, zusammen. Hier zusammen mit der Sängerin Cleydys Villalon:

EsRAP: Wiener Rap mit Arabeske

Aufgewachsen sind die Geschwister Esra und Enes Özmen im alten Wiener Arbeiter*innenbezirk Ottakring. Seit acht Jahren machen sie deutsch-türkischen Rap, der ziemlich ungewohnt daherkommt. Im Gegensatz zur stereotypen Rollenverteilung steuert Esra die harten Reime bei, während ihr Bruder Enes mit seiner feinfühligen Stimme die melodischen Parts übernimmt. Mit Fragen nach der Identität, dem Fremdsein im eigenen Land als Kinder der dritten Generation und Rap als Widerstand verhandeln sie gesellschaftspolitische Themen. EsRAP macht Spaß und verändert die Welt. Auf jeden Fall in Wien.


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(P.S.: Alles von Andreas Gabalier wird es niemals auf diese Playlist schaffen.)

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