Erste Gebärmuttertransplantation geglückt: Das Ende der Unfruchtbarkeit?

Rund drei bis fünf Prozent aller Frauen können keine Kinder bekommen, weil ihnen die Gebärmutter fehlt oder deren Funktion eingeschränkt ist. Das könnte sich nun ändern. Die erste Gebärmuttertransplantation ist geglückt. Ein Erfolg?

Ein eigenes Baby – dank Gebärmuttertransplantation © jUliE:p / photocase.de

Ein Ärzteteam aus Tübingen hat im Oktober 2016 etwas bislang einmaliges in Deutschland geschafft: Sie haben einer 23-jährigen Patientin eine Gebärmutter transplantiert. Das Organ wurde ihrer eigenen Mutter lebend entnommen und der jungen Frau eingepflanzt. Diese ist bereits bei der Geburt ohne Uterus und ohne Vagina auf die Welt gekommen. Das ist gar nicht so selten. Mehr als 8.000 Frauen deutschlandweit leiden unter dieser Fehlbildung.

Wieso es dazu kommt, haben Forscher bislang noch nicht herausgefunden. Bemerkbar macht sich das Fehlen der Gebärmutter für junge Frauen oft erst ab einem Alter von etwa 14 Jahren, wenn die erste Periode ausbleibt. Sie haben zwar jeden Monat einen Eisprung, denn die Eierstöcke sind noch vorhanden und voll funktionsfähig, doch es kommt zu keiner Blutung. Diese Erkrankung nennt sich Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom – kurz MRKH.

Mehr als 400 solcher Fälle betreut Prof. Dr. Sara Brucker des Operationsteams, dem jetzt die Transplantation gelang, medizinisch und psychologisch seit Jahren. Der Befund geht oft einher mit dem Fehlen der Scheide. Diese können Brucker und ihr Team rekonstruieren. Nun hoffen sie, den Betroffenen darüber hinaus – durch weitere Gebärmuttertransplantationen – helfen zu können.

Die Spenderin muss selbst komplikationslos Kinder bekommen haben

Bevor es überhaupt zur Operation kommt, werden die Patientin und ihre Spenderin ein Jahr lang darauf vorbereitet. Neben den körperlichen Untersuchungen spielt an dieser Stelle auch der Geist eine Rolle. Die Transplantation konnte von der Ethikkommission der Klinik nämlich nur genehmigt werden, da die junge Frau stark darunter leidet, dass sie kein eigenes Kind bekommen kann. „Natürlich ist Adoption eine Möglichkeit, aber auch das ist in Deutschland ein sehr schwieriges Verfahren und es ist eben kein genetisch eigenes Kind.“, erklärt Prof. Dr. Sara Brucker. Allein sechs Institutionen musste die Ärztin überzeugen, um ihr Vorhaben in die Tat umsetzen zu dürfen. Aber auch die beiden Frauen mussten vor einer unabhängigen Ärztekammer erklären, die Operation freiwillig zu machen.

„Ich habe nach der Veröffentlichung, über die erste Spende ganz tolle Anfragen von Frauen bekommen. Diese haben gesagt, dass sie ihre Gebärmutter nicht mehr brauchen und sie gerne spenden würden. Das fand ich sehr berührend, dass es in der Gesellschaft diese Bereitschaft gibt, den Frauen zu helfen.“, erzählt Brücker.

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Doch das Lebendspende-Gesetz lässt das nicht zu. Lebend gespendet werden darf nur, wenn beide Personen eine jahrelange enge Bindung zueinander haben. Das kann ein Familienmitglied sein, aber auch die beste Freundin. Damit soll ausgeschlossen werden, dass Geld im Spiel ist oder die Spenderin auf einem anderen Wege gezwungen wurde.

Doch das gilt nicht nur für die Gebärmutter, auch für Niere und Leber. Wichtig ist in diesem Falle auch, dass die Spenderin selbst bereits komplikationslos Kinder bekommen hat. Deshalb ist es bislang auch so schwierig, das Organ einer toten Frau zu nehmen. Ihre Krankengeschichte ist, zumindest in Bezug mögliche Schwangerschaften, oft nicht detailliert genug.

Die Operation an sich ist ebenfalls kein Kinderspiel. Es wird parallel mit mindestens zwei Teams in zwei verschiedenen Sälen operiert. Neben den Gynäkolog*innen sind aber auch Gefäßchirurg*innen anwesend. Diese sorgen dafür, dass die Arterien und Venen möglichst weit entfernt vom Organ getrennt werden. Das ist eine Art Schutzmaßnahme, denn kommt es später zur Schwangerschaft, werden diese gedehnt und geraten dadurch ziemlich unter Spannung.

Bei zwei bis drei Milimeter großen Gefäßen ist das eine echte Sysiphos-Arbeit. Wird hier nicht sauber gearbeitet, kann das später zu Blutgerinnseln führen, die die Gefäße verstopfen. Im schlimmsten Fall müsste dann das neue Organ wieder entfernt werden. Erst wenn der Spenderin ihre Gebärmutter entnommen wird, laufen langsam die Vorbereitungen bei der Empfängerin. Das Einsetzen der Gebärmutter geht nämlich wesentlich schneller, als sie zu entnehmen.

Schweden ist Vorreiter

Den Frauen werden vor dem Eingriff Eizellen entnommen. Diese werden eingefroren. Akzeptiert der Körper das neue Organ dauerhaft und kommt es binnen eines Jahres nicht zu Abstoßungsreaktionen, können den Frauen dann befruchtete Eizellen eingesetzt werden. „Der Erfolg ist, streng genommen, erst das Austragen eines Kindes.“, sagt Brucker. Dass das möglich ist, hat der Gynäkologe Mats Brännström im schwedischen Göteborg bereits gezeigt.

Schon 2014 brachte seine Patientin Emelie Eriksson als erste Frau weltweit ein Kind in einer gespendeten Gebärmutter auf die Welt. Auch Eriksson hatte das Organ von ihrer Mutter bekommen. Mit Brännström steht Prof. Dr. Sara Brucker schon lange in Kontakt. Bereits vor über zehn Jahren brachte sie ihm bei, wie man Patientinnen ohne Scheide versorgt. Heute zeigt er seine Methode für Gebärmuttertransplantationen Ärzten und Ärztinnen in der ganzen Welt.

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Angefangen hat alles mit einer Pilotstudie von Brännström. Dafür nahm er neun Patientinnen auf, die alle eine Spenderin mitbrachten. Inzwischen wurden fünf Babys geboren, ein sechstes soll im Januar 2017 folgen. Doch es gibt nicht nur positive Bilanz:  Zwei Teilnehmerinnen der Studie hatten stärkere Abstoßungsreaktionen. Ihnen mussten die transplantierten Gebärmütter wieder entfernt werden. Generell haben die Untersuchungen gezeigt, dass bislang nur lebend gespendete Uteri zu einer Geburt geführt haben. Die Anzahl der weltweit gelungenen Transplantationen schätzen Expert*innen auf rund 20. Eine genaue Zahl zu Misserfolgen gibt es momentan nicht, wahrscheinlich ist aber, dass sie deutlich höher liegt.

Mehr als ein Organ

Prof. Dr. Sara Brucker ist erleichtert: „Mit der Gebärmuttertransplantation hat sich der Kreis geschlossen, denn wir ermöglichen diesen Mädchen mit der Scheidenanlage eine Frau zu werden und dann noch diesen Frauen, Mutter zu werden.“ Die Belastung für die jungen Mädchen, die ohne Scheide und ohne Gebärmutter aufwachsen, ist sehr hoch. Darüber öffentlich zu reden, fällt schwer. Sie fühlen sich nicht richtig als Frau und das ist vor allem in der Pubertät schwer zu verkraften.

Die Lehrerin und Autorin Edith Schuligoi sieht noch ein ganz anderes Problem. Ihr selbst wurden im Laufe ihres Lebens aufgrund von gutartigen Zysten beide Eierstöcke entfernt. Sie hatte mit den Folgen schwer zu kämpfen, denn mit dem Entzug der Hormone gingen etliche körperliche Beschwerden einher. Daraufhin hat Schuligoi sich mehr mit den inneren weiblichen Organen beschäftigt und ihre Zusammenhänge erforscht.

Für ihr Buch „Frauenkastration – Leben nach dem Verlust von Eierstöcken und Gebärmutter” sprach sie mit betroffenen Frauen. „Das Interessante ist, dass die Gebärmutter in der Körperidentität der Frau verwurzelt ist. Manche Frauen haben mir erzählt, sie hatten schon mit dem Kinderwunsch abgeschlossen, was kein Problem war. Aber kaum wurde ihnen die Gebärmutter entfernt, hatten sie auf einmal wieder das Bedürfnis, ein Kind zu bekommen. Auch der Orgasmus kann an Intensität verlieren.“, erklärt Schuligoi. Ihr ist es wichtig, dass die inneren ,weiblichen Organe nicht nur als Körperteile gesehen werden, die im Grunde nur für das Gebären gebraucht werden und dann im Alter an Wert verlieren. Auch beim Selbstwertgefühl und bei der Sexualität können sie eine entscheidende Rolle spielen.

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Dennoch, das Risiko für die Transplantierten ist groß. Daher ist das Verfahren auch so angelegt, dass die Frauen die Gebärmutter  nur solange behalten, bis ihre Familienplanung abgeschlossen ist. Danach wird das Organ wieder entnommen, damit sie nicht weiter Medikamente, sogenannte Immunsuppressiva, schlucken müssen, die alle Organempfänger einnehmen müssen.

Ob dieses Verfahren bald deutschlandweit zur Normalität wird, ist schwer zu sagen. Vor allem da die Operation mit hohen Kosten verbunden ist. „Wenn sich das durchsetzt, dann an zwei bis drei Zentren in Deutschland. Das wird jetzt nicht jede große Uniklinik machen. Zumal die Voraussetzungen oft nicht da sind. Sie müssen ein Transplantationsteam haben und sie müssen wissen, wie sie die Patientinnen vorbereiten “, erklärt Prof Dr. Sara Brucker. Nach der ersten Operation sollen nun vier weitere in Tübingen folgen. Das Brucker dies machen darf, liegt an dem gelungenen ersten Durchlauf. Der 23-Jährigen Patientin geht es gut und auch ihre Mutter ist wohlauf.