Erstes Kind aus der Familie, das studiert? Warum beruflicher Erfolg trotzdem schwierig ist

Nur acht Prozent der Menschen in Deutschland, die einen sogenannten bildungsfernen Hintergrund haben, erlangen einen Masterabschluss. Um im Job später erfolgreich zu sein, reicht der aber meist nicht.

Wenn Arbeiter*innenkinder Karriere machen wollen, dann reicht studieren allein nicht aus

Wir übernehmen und verinnerlichen soziale Verhaltensweisen lange bevor wir einen Fuß ins Gymnasium, geschweige denn in die Uni setzen können. Foto: Priscilla Du Preez / Unsplash | CC0

Nichts Dummes sagen, nicht auffallen, mithalten können. Und bloß nicht allzu verwundert wirken, wenn die Menschen um eine*n herum von der letzten Buchveröffentlichung ihres Vaters erzählen, so als wäre es das Normalste auf der Welt. Oder davon, wie es denn so sei, alle vier Jahre in ein neues Land zu ziehen, weil die Eltern von irgendeiner Behörde nach Frankreich, China oder in die USA beordert wurden.

Wer aus einem sogenannten bildungsfernen Elternhaus stammt, kann sich an solche oder ähnliche Gedanken und Situationen aus dem ersten, zweiten, dritten oder auch fünfzehnten Semester vermutlich auch Jahre später noch gut erinnern. Und an den Moment, in dem man das erste selbstgehaltene Unireferat tatsächlich überlebt, ohne dass jemand fragt, wie man sich denn eigentlich in diesen Seminarraum verlaufen konnte. Genauso wie an den surrealen Augenblick, in dem das in den eigenen Händen gehaltene Unizeugnis mit Stempel und allem Drum und Dran bezeugt, dass es mit der Bildungsferne nun offiziell vorbei sein würde.

Dass man sich ab sofort zu den glücklichen acht Prozent zählen kann, die trotz Nichtakademiker*innen-Eltern den formalen Aufstieg in Form eines Masterabschlusses geschafft haben. Herzlichen Glückwunsch. Nur was, wenn das alles immer noch nicht ausreicht?

[Außerdem auf ze.tt: Wie ich es als Arbeiterkind vom Dorf nach Oxford schaffte]

Small Talk, selbstbewusstes Präsentieren, zur richtigen Zeit das richtige Fremdwort einstreuen

„Du kannst den Jungen aus dem Ghetto holen, aber nicht das Ghetto aus dem Jungen”, soll der große Philosoph aka der schwedische Fußballnationalspieler Zlatan Ibrahimović gesagt haben. Natürlich ist niemand automatisch auf ewigen Misserfolg programmiert, nur weil er*sie nicht von akademisch gebildeten Eltern erzogen wurde. Erziehungsberechtigte ohne Unidiplom sind nicht zwangsläufig die schlechteren Eltern – natürlich nicht. Der Begriff bildungsfern umfasst ein weites Feld. Er kann den Staplerfahrer ebenso meinen wie die Hausfrauen-Mutter ohne Ausbildung oder den Taxifahrervater.

Dennoch lässt es sich nur schwer leugnen: Unsere Kindheit prägt uns.“

Wir übernehmen und verinnerlichen soziale Verhaltensweisen lange bevor wir einen Fuß ins Gymnasium, geschweige denn in die Uni setzen können. Und gerade auf diese Verhaltensweisen kommt es bei dem Verlauf einer Karriere oftmals mehr an als auf alles andere. Small Talk, selbstbewusstes Präsentieren, zur richtigen Zeit das richtige Fremdwort einstreuen, Netzwerken – all das kann schon während des Studiums von Bedeutung sein. In der Zeit nach dem Uniabschluss spielt es jedoch eine noch größere Rolle – und ist gerade bei Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen für den Karriereweg letztendlich oftmals wichtiger als jedes Unizeugnis, jede 1,0 und jedes überlebte Referat.

Ehrfurcht vor Titeln

Wer am elterlichen Küchentisch nie ganz selbstverständlich politische Diskussionen führte und die erste Person mit Doktortitel tatsächlich erst an der Uni kennenlernte, der*die hat möglicherweise eine größere Hemmschwelle sich bei Konferenzen, in Raucher*innenpausen oder bei Häppchen und Wein in den diskursiven Zweikampf zu begeben oder intellektuellen Grüppchen-Small-Talk zu führen, als Leute, die im entsprechenden Milieu großgeworden sind. (Unangebrachte) Ehrfurcht vor Titeln, die berühmte Angst etwas Dämliches zu sagen, ja ganz einfach Berührungsängste, die sich auch nach Jahren des Studiums oft nur schwer ablegen lassen – all das macht das für den Karriereerfolg so maßgebliche Networking nicht gerade leichter.

Kaum Professor*innen mit nicht-akademischen Background

Die aus einem Arbeiter*innenhaushalt stammende Informatikerin Dagmar Waltemath, die an der Uni Rostock forscht, berichtete beispielsweise in einem Interview mit der Wochenzeitung ZEIT, dass Arbeiter*innenkinder mehr Aufwand und Kraft darauf verwenden müssten, sich ein paar wesentliche Verhaltensregeln unter Wissenschaftler*innen anzutrainieren. Sie müssten erst lernen, sich zu präsentieren. Sie selbst habe beispielsweise erst mit der Zeit begriffen, dass die wichtigsten Minuten bei Konferenzen die Kaffeepausen seien. Früher sei sie zudem ständig in Situationen geraten, die ihr unangenehm waren. „Ich erinnere mich zum Beispiel an eins meiner ersten Konferenzdinner. Damals fühlte ich mich wie in einer Szene des Films Pretty Woman: Es lagen unzählige Bestecke auf dem Tisch, und ich fragte mich: Habe ich jetzt den falschen Löffel in der Hand, um die Suppe zu essen? Natürlich sagt einem das im Zweifel keiner, aber gucken wird jeder.”

Es lagen unzählige Bestecke auf dem Tisch, und ich fragte mich: Habe ich jetzt den falschen Löffel in der Hand, um die Suppe zu essen?“ – Dagmar Waltemath

Waltemaths Erfahrungen dürften kein Einzelfall sein – und nicht jede*r schafft es, sich in der akademischen Welt durchzusetzen. Eine 2013 in der Fachzeitschrift Soziale Welt erschienene Studie der Soziologin Christina Möller machte beispielsweise einen Trend zur „sozialen Schließung der Universitätsprofessur“ aus. So würden 38 Prozent der zwischen 2001 und 2010 in NRW neu berufenen Professor*innen aus der höchsten sozialen Schicht stammen, nur zehn Prozent aus der niedrigsten. Unter den Professor*innen sei die soziale Selektion sogar noch schärfer. Der Anteil der Professor*innen mit sogenannter niedriger sozialer Herkunft liege derzeit bei nur sieben Prozent, während es unter den Männern immerhin fast doppelt so viele (13 Prozent) seien. Vorbilder an der Uni für künftige Erstakademikerinnen: Fehlanzeige.

Förderung für Berufseinsteiger*innen? Gibt es nicht

Und während es zwar belastbare Zahlen zu Studierenden, Bachelor- und Masterabsolvent*innen sowie zu Doktorand*innen aus Nichtakademiker*innenfamilien gibt, weiß eigentlich niemand so genau, wie es für diejenigen, die den Sprung vom bildungsfernen Elternhaus in die akademische Welt geschafft haben, nach dem Uni-Abschluss, außerhalb der Uniblase, weitergeht. Hier mangelt es auch an gezielten Förderinitiativen.

[Außerdem auf ze.tt: Hey ihr verwöhnten Großstadtkinder, hört endlich auf, so zu tun, als ob ihr „arm und asozial“ wärt ]

Während es für Studierende aus Nichtakademiker*innenelternhäusern mittlerweile spezielle Unterstützungsangebote gibt, wie etwa das vor zehn Jahren von Katja Urbatsch gegründete Informationsnetzwerk Arbeiterkind.de, sind Absolvent*innen auf sich alleine gestellt. Vielleicht wäre es also an der Zeit eine ähnliche Initiative für Erstakademiker*innen ins Leben zu rufen. Auch wer die Uni erfolgreich hinter sich gelassen hat, kann schließlich Unterstützung bei den ersten, zweiten oder dritten Karrieresprüngen und den damit verbundenen sozialen Anforderungen oftmals mehr als gut gebrauchen.


von Jessica Kliem auf EDITION F

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