Ersti-Wochen: So wehren sich Studi-Vertreter*innen gegen sexistische Kennenlernspiele

Während der Ersti-Wochen prägen erniedrigende Kennenlernspiele das Bild an vielen Unis. Und das, obwohl sich viele der organisierenden Fachschaften gegen Sexismus engagieren. Wie passt das zusammen?

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Entwürdigende Kennenlernspiele gehören häufig zu Orientierungswochen für Erstis dazu. Foto: Marius Fuhrmann / Collage: Elif Kücuk

Semesterstart an den Universitäten: Die einen fürchten sich bereits vor dem anstehenden Vorlesungsmarathon, die anderen freuen sich auf das nächste Halbjahr mit wilden WG-Partys. Die Orientierungswochen der Fachschaften und des jeweiligen Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) bieten Erstsemestern deswegen einen vielseitigen Einblick in den Hochschulalltag. Hier setzen sich die Neulinge erstmals mit den Studieninhalten und dem Studierendenleben auseinander.

Kneipentouren und Campus-Rallye gehören dabei genauso dazu wie witzig gemeinte Kennenlernspiele. Doch nicht selten haben diese einen entwürdigenden und diskriminierenden Charakter: Sie reduzieren Studierende auf das Geschlecht oder stellen sie bloß. Dabei sind es gerade die Fachschaften und die ASten, die sich für Gleichstellung und gegen Sexismus einsetzen.

Das kleine ABC der Hochschulpolitik

  • Der Allgemeine Studierendenausschuss ist ein Gremium aus Vertreter*innen des Studierendenparlaments der jeweiligen Universität. Er setzt sich gegenüber der Hochschule für studentische Belange ein.
  • Ein Fachschaftsrat, kurz Fachschaft genannt, besteht aus studentischen Vertreter*innen der jeweiligen Fakultät. Er setzt sich für die Interessen der Studierenden ihrer jeweiligen Fakultät ein und organisiert Partys und Veranstaltungen im Hochschulalltag.
  • Die Fachschaftskonferenz dient dem Austausch zwischen den verschiedenen Fachschaften und dem AStA.

Kleiderkette, Kartensaugen und Tampon-Spiele

Bei den Campus-Rallyes sind Spiele wie die Kleiderkette beliebt, bei der sich mehrere Teilnehmer*innen ihrer Klamotten entledigen und diese in einer Reihe auf dem Boden auslegen müssen. Sich dabei vollständig auszuziehen, bringt einen Vorteil, da die längste Kette gewinnt. Oft schreiben die Regeln auch die Teilnahme einer bestimmten Anzahl junger Frauen vor, die sich dann vor Fremden ausziehen sollen.

Beim Kartensaugen reichen die Beteiligten eine Spielkarte in einem Kreis reihum, erlaubt ist dabei aber nur, die Karte per Ansaugen an den*die Nächste*n weiterzugeben. Dabei wird mit dem Risiko kokettiert, dass die Karte herunterfällt und es unerwartet zu einem unfreiwilligen Kuss zwischen den Beteiligten kommt.

Bei einem anderen Spiel müssen sich Erstsemester-Studis Tampons umbinden und in eine stehende Flasche stecken. Möglich ist das aber erst, wenn sie sich so hinhocken, als würden sie sich tatsächlich einen Tampon einführen. Mit der Flasche, die zwischen den Beinen baumelt, müssen sie dann einen Parcours ablaufen. Oft kommt es vor, dass die jungen Menschen von Vertreter*innen der Fachschaftsräte oder anderen Erstsemestern gedrängt werden.

Mehrere studentische Institutionen an Rhein und Ruhr haben den Widerspruch zwischen dem Engagement gegen Sexismus und diskriminierenden Erstsemesterpraktiken erkannt. Sie wollen deswegen deutlich harmlosere Kennenlernspiele organisieren oder haben diese schon seit Jahren etabliert.

Wie viel Einfluss haben die ASten auf die Fachschaften?

„Beschwerden über Sexismus während der Orientierungswoche gab es in der Vergangenheit leider besonders dann, wenn Kleiderketten oder stark alkoholisierte Personen als normal wahrgenommen wurden“, sagt Dominic Jordan. Er gehört der Fachschaftskonferenz des AStA der Universität Düsseldorf an. „Wir mussten immer wieder Gespräche mit Fachschaften bezüglich Kleiderketten führen, die teilweise mit dem autonomen Frauenreferat des AStA und Gleichstellungsbeauftragten der Universität erfolgten.“

Die Fachschaftskonferenz hat sich deswegen schon vor einigen Jahren Regularien auferlegt, die den Alkoholkonsum begrenzen und die Art der Kennenlernspiele vorgeben sollen. „Die Selbstregularien untersagen Spiele, welche Nacktheit am Campus fördern, und benennen dabei explizit die Kleiderketten“, erklärt Jordan. „Wir haben uns dazu entschieden, da wir Kleiderketten und vergleichbaren Spielen sehr kritisch bis ablehnend gegenüber stehen. Wir empfinden, dass hier durch sozialen Druck gerade junge Personen, schlimmstenfalls alkoholisiert, zu Taten getrieben werden, welche sie unter anderen Umständen nicht durchführen würden“, sagt der Sprecher. Auch religiöse Menschen, deren Weltbilder Formen der Nacktheit in der Öffentlichkeit untersagen, sollen so nicht brüskiert werden.

Verstöße würden laut Jordan sogar sanktioniert: Halte sich eine der 31 Fachschaften nicht an die Regeln, darf sie in der Orientierungswoche des kommenden Jahres keine Veranstaltungen mehr ausrichten, die über die Erstellung der Stundenpläne hinaus gehen. Auch reine Trinkspiele, die die sozialen Aspekte nicht fördern, sind an der Düsseldorfer Uni untersagt.

Wir sind eine Anlaufstelle und kein Kontrollgremium.

Fachschaftskonferenz der Uni Bochum

An der Ruhr-Universität Bochum sind AStA und Fachschaftsreferat weniger gut über das Treiben der Fachschaften informiert. „Wir sind eine Anlaufstelle und kein Kontrollgremium“, heißt es aus dem Team der Fachschaftskonferenz. „Die Situation bezüglich der Orientierungswochen ist zudem uneinheitlich: Während viele Veranstaltungen weiterhin von den Fachschaften organisiert werden, gibt es auch einige, bei denen dies mittlerweile von den Fakultäten übernommen wird“, erklärt Lukas Meier, stellvertretender Vorsitzender des AStA.

Einheitliche Aussagen über die Programme der 47 Fachschaften an der Uni Bochum könne er jedoch nicht machen. „Beschwerden bezüglich des Verhaltens einzelner Fachschaften werden in der Fachschaftskonferenz diskutiert, die letzte große Diskussion um Sexismus gab es dort vor drei Jahren, als die Werbeplakate eines Fachschaftsrates als sexistisch empfunden wurden“, so Meier.

Wir können die Fachschaften nicht zwingen, bei ihren Veranstaltungen ein Awareness-Konzept zu erstellen.

Aylin Kilic und Carlotta Kühnemann

An der Universität Duisburg-Essen gehen viele Fachschaften wie in Düsseldorf dazu über, auf erniedrigende Kennenlernspiele zu verzichten. In diesem Jahr zog der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften nach, bei dem die Kleiderkette und der Tampon-Parcours in den vergangenen Jahren noch festes Ritual waren. Beschwerden über die bisherigen Spiele gab es laut den beiden AStA-Vorsitzenden Aylin Kilic und Carlotta Kühnemann nicht.

„Wir sind uns allerdings der Problematik der Spiele bewusst und auch viele Fachschaften verzichten deswegen auf diese. Wettkämpfe, in denen Studierende zu etwas gedrängt werden oder in denen sie in unangenehme Situationen gebracht werden, finden wir inakzeptabel.“ Ein Awareness-Konzept, bei dem Menschen, die sich belästigt oder unwohl fühlen, an Vertrauenspersonen wenden können, ist bereits seit Jahren Teil der AStA-Veranstaltungen. „Wir können die Fachschaften jedoch nicht zwingen, bei ihren Veranstaltungen ein Awareness-Konzept zu erstellen“, sagen Kilic und Kühnemann.

Spiele, die die Würde oder das Wohlbefinden unserer Studierenden angreifen, werden bei uns nicht gespielt.

Sabina Moser

AStA und Fachschaften der Hochschule Ruhr-West in Mülheim an der Ruhr arbeiten während der Orientierungswoche eng zusammen und veranstalten neben einer Campus-Rallye Flunkyball- und Bier-Pong-Turniere. „Wir wollen unseren Studierenden ein entspanntes Kennenlernen mit viel Spaß ermöglichen. Spiele, die in irgendeiner Weise die Würde oder das Wohlbefinden unserer Studierenden angreifen oder unseren Werten entgegenstehen, werden bei uns nicht gespielt“, sagt Sabina Moser, AstA-Referentin für Diversity.

Das Orga-Team sanktioniert konsequent: „Studierende, die gegen unsere Werte verstoßen, werden von der Veranstaltung sowie allen zukünftigen Veranstaltungen ausgeschlossen. Beschwerden über Sexismus oder Rassismus kamen bisher aber nicht vor“, sagt Moser.

In NRW streben immer mehr Angehörige der Allgemeinen Studierendenausschüsse und Fachschaften danach, auch zum Semesterbeginn ihre Wertvorstellungen beizubehalten – denn wie so oft gilt auch an der Hochschule: Der erste Eindruck zählt.