Es darf kein Problem mehr sein, in Führungspositionen schwanger zu werden

Die Debatte um die Babypause der neuseeländischen Premierministerin zeigt, dass erfolgreiche Frauen immer noch nicht schwanger werden dürfen. Ein Kommentar

Premierministerin Jacinda Ardern und ihr Lebensgefährte Clarke Gayford bei der Verkündung ihrer Schwangerschaft.

Premierministerin Jacinda Ardern und ihr Lebensgefährte Clarke Gayford bei der Verkündung ihrer Schwangerschaft. © Gettyimages

Eine Frau und ein Mann strahlen glücklich in die Kamera. Sie erwarten ein Baby, obwohl ihnen gesagt wurde, dass es schwierig werden würde, schwanger zu werden. Es ist ein glücklicher Tag für die beiden. Und hier sollte die Geschichte enden.

Tut sie aber nicht, denn die Frau hat einen besonderen Beruf. Sie ist Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, die vor Kurzem überraschend die Wahl gewann, weil sie eine Koalition mit New Zealand First und den Grünen auf die Beine stellte. Eine Frau mit politischem Gespür und Führungsanspruch – die sich freut, jetzt auch noch eine Familie gründen zu können.

Sie ist nach Benazir Bhutto, Pakistans ehemaliger Premierministerin, erst die zweite Frau in der Geschichte, die während ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt bringen wird. Über Männer gibt es solche Informationen nicht. Es scheint nicht relevant, ob sie während ihrer Regierungszeit Kinder bekommen oder nicht. 

Nachdem Arderns Schwangerschaft bekannt wurde, hagelte es harsche Kritik: Es sei Betrug an den Wähler*innen, Egoismus, Verantwortungslosigkeit. Sie solle sich gefälligst entscheiden: Premierministerin oder Mutter.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss gewährleistet werden, auf allen Ebenen

Eine solche Forderung ist problematisch, denn sie betrifft nicht nur Premierministerinnen, sondern Frauen in allen möglichen Führungspositionen, in der Politik, der Wirtschaft, dem Journalismus. Dass Frauen mittlerweile Betriebe und Staaten leiten können ist akzeptiert – aber nur dann, wenn sie sich dabei so männlich wie möglich verhalten. Eine Schwangerschaft, so scheint es, lässt alle alten Klischees wieder aufbrechen.

Wir in Deutschland haben uns seit vielen Jahren an eine Frau in der Rolle der Bundeskanzlerin gewöhnt. Aber um ehrlich zu sein, unterscheidet sie kaum etwas von ihren männlichen Pendants. Sie ist anerkannt, weil sie ihren Kollegen in nichts nachsteht. So kann sie die Nächte durchverhandeln, ohne sich um ihre Kinder kümmern zu müssen. Bei Jacinda Ardern wird das anders sein. Sie hat alle daran erinnert, dass sie eine Frau ist – mit einer Gebärmutter und einem Kinderwunsch.

[Außerdem auf ze.tt: Das ist die jüngste Regierungschefin der Welt]

Ihre Amtszeit wird anders verlaufen als die ihrer Vorgänger*innen. Sie wird ganze sechs Wochen in Elternzeit gehen, wie sie angekündigt hat. Doch lässt sie damit ihr Land im Stich? Lassen Frauen in Führungspositionen ihre Angestellten generell im Stich, wenn sie schwanger werden? Dass das nicht passiert, sollte nicht in Verantwortung der Frau liegen; sie sollte sich nicht zwischen Job und Mutterschaft entscheiden müssen. Es sollte im Gegenteil Strukturen geben, die eine Schwangerschaft im Job vorsehen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist wichtig, auf unterster wie auf oberster Ebene. Für Frauen wie für Männer.

Diese Erkenntnis ist kein reines Frauenthema. Ein männlicher Präsident, der in Elternzeit geht? Wieso nicht? Wenn das auf oberster Ebene möglich ist, wird es auch in der Gesellschaft Anerkennung finden. Männer wie Frauen können sich dann endlich trauen, ihren Beruf einmal ruhen zu lassen, um sich auf ihre Familie zu konzentrieren. Sie sollten sich darauf verlassen können, dass die Politik Strukturen schafft, die das erlauben. Und wer könnte das besser voranbringen als jemand, der*die gerade selbst erlebt hat, wie es ist, Familie und Beruf unter einen Hut bringen zu müssen?

Alle sollten das Recht haben, gleichzeitig eine Familie zu gründen und berufliche Verantwortung zu übernehmen

Wenn wir jemanden wählen, unsere Interessen auf höchster politischer Ebene zu vertreten, wählen wir auch immer ihre persönlichen Probleme, ihre Familie, ihre Krankheiten, ihre Stärken und Schwächen mit. Niemand ist jemals nur Politiker*in. Und als Vertreter*in des Volkes sollte auch niemand jemals nur Politiker*in sein. Wenn wir wollen, dass unsere Probleme Gehör finden, dann müssen wir darauf vertrauen können, dass unsere Volksvertreter*innen wissen, wovon wir sprechen.

Jede Frau und jeder Mann, egal in welcher gesellschaftlichen Position sollte das Recht haben, eine Familie zu gründen und gleichzeitig beruflich Verantwortung zu übernehmen. Frauen sind davon besonders betroffen, denn sie sind diejenigen, die schwanger werden können. Aber auch Männern sollte es freigestellt sein, sich gleichzeitig auf Beruf und Kinder konzentrieren zu können.

Erst wenn wir die dazugehörigen Möglichkeiten geschaffen haben, Familie und Beruf zu vereinbaren, werden wir alle uns wirklich freuen können für Jacinda Ardern und alle anderen Frauen in Führungspositionen, die sich darauf vorbereiten, ein neues Leben in ihrer Familie willkommen zu heißen.