„Es geht um Leben und Tod“ – Wie sich ein Biobauer für die Aufzucht männlicher Küken einsetzt

Männliche Küken dürfen weiterhin getötet werden, um Betriebe finanziell zu schonen, urteilte das Bundesverwaltungsgericht. Biobauer Carsten Bauck zeigt, wie es anders geht.

Männliche Küken dürfen weiterhin getötet werden, um Betriebe finanziell zu schonen, urteilte das Bundesverwaltungsgericht. Biobauer Carsten Bauck zeigt, wie es anders geht.

Männliche Küken dürfen laut Urteil des Bundesverwaltungsgerichts weiterhin vergast, geschreddert oder zu Tiermehl verarbeitet werden. Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Rund 45 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland getötet. In den meisten Fällen werden sie vergast, manchmal auch geschreddert, weil die profitorientierte Landwirtschaft keine Verwendung für sie hat. Die Hähne legen keine Eier und setzen weniger Fleisch an als die Hennen. Das Tierschutzgesetz verordnet allerdings, dass niemand einem Tier „ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zufügen darf.

Am Donnerstag hat das Bundesverwaltungsgericht darüber geurteilt, ob das Töten männlicher Küken ethisch vertretbar ist. Laut dem Urteil ist das Töten weiterhin zulässig, zumindest bis Alternativen zur Verfügung stehen, um Betriebe von der ökonomischen Belastung der Aufzucht männlicher Küken zu entlasten. So eine Alternative könnten zum Beispiel Früherkennungssysteme sein, die das Geschlecht eines Kükens schon vor dem Schlüpfen erkennen.

Das Urteil findet Carsten Bauck erschreckend. Bauck betreibt einen Biobauernhof in Niedersachsen und ist Mitinitiator der Bruderhahn Initiative Deutschland„Es geht um Leben und Tod“, sagt er. „Stand jetzt ist aber die Praxis, dass das Tierschutzgesetz aus ökonomischen Gründen nicht vollzogen wird. Das finde ich dramatisch.“ Baucks Initiative setzt sich seit 2012 für die Aufzucht männlicher Küken ein, sogenannter Bruderhähne. Betriebe, bei denen auch männliche Küken aufgezogen werden, dürfen ihre Produkte mit dem Bruderhahn Siegel versehen. Die Eier dieser Betriebe sind für Verbraucher*innen vier Cent teurer. Mit diesem Aufpreis verlängern sie das Leben der Hähne um 20 Wochen. Nach der Aufzucht werden die Tiere geschlachtet und ihr Fleisch weiterverarbeitet.

Vier Cent für ein Hähnchenleben

Vier Cent mehr müssten die Verbraucher*innen für ein Ei zahlen, um die Tötung der Hühner zu verhindern. Doch die meisten Menschen seien nicht bereit, diese zu bezahlen, sagt Carsten Bauck. „Die meisten sind so an billige Preise gewöhnt, dass sie gar nicht einsehen, einen angemessenen Preis für Lebensmittel zu bezahlen.“

Außerdem fehle es vielen Verbraucher*innen an Reflexion: „Niemand will wissen, wie Tiere getötet werden. Und weil das niemanden interessiert, werden die Bedingungen immer schlechter.“ Auch eine vegetarische Lebensweise helfe nicht dabei, das Töten männlicher Küken zu verringern: „Jeder Verzehr von tierischem Eiweiß geht mit dem Tod von Tieren einher. Darum sollte ich als Mensch so fair sein und mich damit auseinandersetzen, wer unter welchen Umständen diese Tiere getötet hat.“ 

Zurück zum Sonntagsbraten

Von einer Früherkennung des Geschlechts im Ei hält Carsten Bauck allerdings wenig. Sie ist für ihn „die perfideste Täuschung der Kunden aller Zeiten“. Für den Landwirt bleibt die Frage, worin der Unterschied besteht, ein Tier aufgrund seines Geschlecht im Ei oder nach dem Schlüpfen zu töten. „Die Früherkennung verlagert das Problem weg von den Konsumenten.“ 

Ideal wäre für Carsten Bauck eine Rückkehr zum Zweinutzungshühner-System. Bis zu den Züchtungserfolgen in den 1950er Jahren kamen die Eier von den Hühnern und das Fleisch kam von den Hähnen. „Das Grundproblem ist, dass wir uns züchterisch total verrannt haben“, sagt Bauck. Durch Züchtungserfolge geben die Hennen inzwischen weit mehr Fleisch her als die Männchen. „Dadurch werden die Jungs überflüssig.“

Eine Rückkehr zu den landwirtschaftlichen Bedingungen der 50er Jahre hält der Landwirt allerdings für unrealistisch. Er hoffe eher auf den Menschenverstand der Verbraucher*innen. Mit seiner Initiative will er für ein Umdenken sorgen. Nachdem die Politik daran gescheitert ist, eine konsequentere Umsetzung des Tierschutzgesetzes zu fordern, hofft Carsten Bauck auf die Verbraucher*innen: „Erst nachdenken, bevor man kauft!“