„Es geht um Stunden“ – Mission Lifeline will Geflüchtete aus Moria ausfliegen

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist eine humanitäre Katastrophe. Der Verein Mission Lifeline plant nun eine Luftbrücke nach Berlin. Wir haben mit dem Sprecher Axel Steier gesprochen. Ein Interview

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Eine Familie im Camp Moria. Foto: Manolis Lagoutaris / AFP / Getty Images

Das ehemalige Militärgefängnis Moria auf der griechischen Insel Lesbos war mal vorgesehen für 3.000 Geflüchtete. Mittlerweile befinden sich 20.000 in dem Lager. Es ist völlig zugemüllt, Nahrung, Decken und Strom fehlen, Menschen sind krank und können nicht adäquat versorgt werden. Ein möglicher Coronavirus-Ausbruch in dem unter Quarantäne stehenden Camp hätte entsetzliche Folgen.

Und so hatte der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) vor einigen Tagen angekündigt, mithilfe von zivilgesellschaftlichen Organisationen Menschen aus Lesbos auszufliegen. Die Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) hatte zudem erklärt, schnelle Lösungen für die Unterbringung zu finden. Doch bislang konnten keine Geflüchteten ausgeflogen werden.

Der Dresdener Verein Mission Lifeline hat nun verkündet, genug Gelder für zwei Evakuierungsflüge aus Lesbos gesammelt zu haben. Wir haben mit Axel Steier, Sprecher von Mission Lifeline, gesprochen:

ze.tt: Wie ist die Lage in Moria aktuell?

Axel Steier: Man muss es sich vorstellen wie ein paar Fußballfelder, auf denen sehr eng 20.000 Menschen leben. Die Zelte sind überbelegt, die hygienische Situation verdient ihren Namen eigentlich nicht. Wasserversorgung fällt immer wieder aus. Viele Leute sind krank, haben zum Beispiel die Krätze, aber auch psychische Probleme. Dazu kommt die Sorge vor dem Coronavirus, da müssen wir einen Massenanfall von Patient*innen erwarten. Derzeit arbeiten nur drei Ärzt*innen vor Ort, die könnten viele ernste Corona-Patient*innen auf einmal gar nicht behandeln.

Ist diese aktuelle Lage auch der Grund, warum Sie jetzt aktiv werden und nicht auf Maßnahmen der EU oder der Bundesregierung warten?

Exakt. Es geht um Stunden, um Tage und nicht um Wochen. Der Beschluss der GroKo vom März, minderjährige Geflüchtete aufzunehmen, wurde auch an die EU übertragen, damit mit der höchsten Priorität gehandelt wird. Es wird derzeit vieles mit hoher Priorität behandelt, zum Beispiel der Austausch von Intensivpatient*innen zwischen EU-Ländern, aber im Hinblick auf Moria muss man leider sagen: Da wird anders priorisiert.

Zwei Flüge haben sie schon finanziert, wie viele Menschen können sie damit evakuieren?

Das kommt auf die Regulierungen an. In eine Boeing 737-400 passen circa 150 Menschen im Normalfall, aber wenn die Flugsicherheitsbehörden dort auch social distancing verlangen, können wir vielleicht in zwei Maschinen nur etwa 80 Menschen auf einmal ausfliegen.

Wer entscheidet, wer in den Flieger darf?

Die griechischen Behörden können das auf Basis von Informationen entscheiden, die auch andere beisteuern. Dabei wird wohl nach Prioritäten entschieden, die auch vom UNHCR (dem UN-Flüchtlingshilfswerk) entwickelt worden sind.

Welche Hürden stehen denn jetzt noch im Weg?

Griechenland muss die Leute fliegen lassen und die europäischen Länder müssen die Leute ins Land lassen. Ein Flugzeug haben wir, zwei Flüge sind finanziert. Wenn wir zweimal geflogen sind, hoffen wir, dass es danach mit weiteren Flügen weitergeht.

Wenn Corona dort ausbricht, wird man nie in der Lage sein, dem Herr zu werden.

Wer entscheidet in Deutschland über die Einreise?

Berlin ist zuerst auf Grundlage eines Rechtsgutachtens davon ausgegangen, dass jedes Bundesland selbst entscheiden kann und die Ausreise nur bilateral mit Griechenland abstimmen müsse. Aber seit gestern heißt es nun, dass die Rechtslage wohl doch eine andere ist und das Bundesinnenministerium die Erlaubnis erteilen muss. Was also jetzt gelten soll, wird von der Politik noch diskutiert.

Haben sie einen Zeitplan für die Evakuierung?

Na ja, vorgestern. Also seitdem es angekündigt war, müsste man damit rechnen, dass es passiert. Aber es ist noch nichts passiert. Die Flugzeuge stehen rum, von unserer Seite aus haben wir einen Vorlauf von einem bis zwei Tagen.

Sammeln Sie schon weitere Gelder?

Wir sammeln weiter. Alle Gelder, die wir nicht in die Evakuierung stecken, werden dann an lokale Hilfsorganisationen vor Ort weitergegeben. Aber wir hoffen, dass die Regierungen die Evakuierung selber übernehmen werden und die Kosten tragen. Die Gelder, die wir sammeln, sind ja ein solidarisches Zeichen von Bürgerinnen und Bürgern. Aber man muss sagen, dass es eigentlich zu spät ist. Es sind ja auch noch 18.000 bis 20.000 Menschen auf den anderen Inseln. Die müssten eigentlich alle raus.

Gerade auch im Hinblick auf das Coronavirus?

Wenn Corona dort ausbricht, wird man nie in der Lage sein, dem Herr zu werden. Jetzt könnte man noch günstig handeln, aber wenn dann erstmal Intensivpatient*innen ausgeflogen werden müssen, wären es pro Patient*in 30.000 Euro – derzeit sind es vielleicht 1.000 Euro pro Person.

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