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„Es ging immer nur um sie“ – so setzt du Grenzen in toxischen Freund*innenschaften

Manche Menschen saugen den allerletzten Tropfen Energie und tun dir einfach nicht gut. Wie es gelingt, Abstand zu gewinnen.

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"Wenn ich mal keine Zeit hatte, verstand sie das nicht." Foto: Dustan Woodhouse / Unsplash | joto / photocase.de

Am Anfang ihrer Freundinnenschaft hatten Andrea (32) und Luisa* jede Menge zu reden und zu lachen. „Bis heute habe ich keine neue Freundin gefunden, mit der ich mich intellektuell so sehr auf dem gleichen Level fühle oder deren Sinn für Humor so sehr meinem entspricht“, erzählt die in Berlin lebende Fotografin Andrea.

Die beiden Frauen kannten sich schon länger flüchtig, sind sich 2017 auf einem Event begegnet, fanden sich super – und trafen sich regelmäßig. Luisa war nicht nur lustig, sondern auch charismatisch, ehrgeizig und hatte laut Andrea auch „eine sehr sensible Seite, die viele gar nicht bemerken“.

Doch nach und nach kippte die Freundinnenschaft der beiden ins Ungesunde.

Luisa fing an, Andreas restlichen Freund*innenkreis hart zu kritisieren: „Sie hat alle meine Freunde und Freundinnen als asozial betitelt und sich geweigert, dazuzukommen, wenn wir unterwegs waren“, erzählt Andrea. Und die Freundinnenschaft drehte sich immer mehr um Luisa. „Wenn ich mal nicht konnte, weil ich gerade Probleme hatte oder ähnliches, zeigte sie kein Verständnis. Es ging im Endeffekt immer nur um sie. Wenn sie gerufen hat, musste ich springen.“ In die umgekehrte Richtung funktionierte das nicht, sagt Andrea: „Sie hat mich oft einfach stehengelassen.“

Es ging im Endeffekt immer nur um sie.

Andrea

Zwar hätten Außenstehende durchaus bemerkt, dass Andrea Luisa quasi hinterherlaufen und jederzeit alles für sie stehen und liegen lassen würde – doch die wollte davon nichts hören: „Ich gebe nicht viel auf Gerede, deshalb hat mich das nicht interessiert.“

Wie toxisch die Freundinnenschaft zu Luisa mit der Zeit geworden war, das hat sie selbst gar nicht wahrgenommen, wie sie heute sagt: „Lange fühlte sich für mich alles normal an und ich habe nicht gemerkt, welche ungesunde Dynamik unsere Freundinnenschaft hat.“

Daran erkennst du toxische Freund*innenschaften

Dass sich eine Freund*innenschaft oft schleichend und deshalb nahezu unmerklich ändert, bestätigt auch die Münchner Psychologin, Psychotherapeutin und Buchautorin Dr. Bärbel Wardetzki, die sich in ihrer Arbeit unter anderem mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, Beziehungsproblemen und Kränkungserlebnissen befasst: „Manchmal dauert es sehr lange, bis jemand wirklich merkt, dass die Beziehung nicht gut ist.“

Ob und inwieweit eine Freund*innenschaft toxisch sei, das ließe sich vor allem an einem ausgeprägten Ungleichgewicht erkennen. „Jemand tut viel für die Freundin oder den Freund, aber bekommt nichts, wenn er oder sie selbst etwas braucht“, so beschreibt Dr. Wardetzki den Rahmen einer toxischen Freundschaft. „Man fühlt sich nicht verstanden und muss sich immer die Geschichten der oder des anderen anhören. Die eigene findet kaum Gehör.“ Genau so, wie es auch bei Andrea und Luisa war.

Manchmal dauert es sehr lange, bis jemand wirklich merkt, dass die Beziehung nicht gut ist.

Psychotherapeutin Dr. Bärbel Wardetzki

Dazu könne laut der Psychologin in einer solchen Freund*innenschaft noch das Gefühl auftreten, nicht gut genug zu sein und dem Gegenüber nicht auszureichen. „Das muss gar nicht verbal ausgedrückt werden, sondern passiert mehr atmosphärisch“, sagt Dr. Wardetzki.

Das Ende einer Freundinnenschaft

Eines Tages ging es bei Andrea nicht mehr: „Ich konnte es schlichtweg nicht mehr ertragen, sie zu treffen“, erzählt sie. „Ich konnte ihre ewigen Monologe über sich selbst nicht mehr ertragen und auch nicht die Dynamik in unserer Freundschaft.“ Es kam zum großen Krach.

Andrea war auf dem Lollapalooza-Festival in Berlin, zoffte sich heftig mit ihrer damaligen Affäre, verlor eine andere Freundin auf dem Festivalgelände und hatte einfach einen extrem miesen Tag: „Ich war mit den Nerven am Ende. Ich habe ihr abgesagt, weil ich einfach nach Hause musste. Es ging mir nicht gut“, sagt sie. Doch statt Verständnis zu zeigen, fing Luisa an, Andrea massive Vorwürfe zu machen und sie zu beschimpfen: „Sie sagte, ich wäre nicht empathisch, würde immer nur an mich denken und es wäre das Letzte, wie ich mich verhalte.“

Ich konnte ihre ewigen Monologe über sich selbst nicht mehr ertragen und auch nicht die Dynamik in unserer Freundschaft.

Andrea

Nach diesem Streit gab es zunächst einen Kontaktabbruch. Nach ein paar Wochen hätte sie noch mal versucht, die Freundinnenschaft zu kitten, sagt Andrea – vergebens: „Da war es schon nicht mehr zu retten. Ich glaube, ich hatte mich in der Zwischenzeit zu weit von ihr entfernt.“ So kam es zum Ende einer Freundinnenschaft, die mit so viel lachen begonnen hatte.

So setzt du Grenzen in toxischen Freund*innenschaften

Der Versuch, eine toxische Freund*innenschaft aufrechtzuerhalten oder zu reparieren, kann durchaus funktionieren. Allerdings nur dann, wenn beide tatsächlich offen dafür sind, an ihrer Freund*innenschaft zu arbeiten. Genau daran hapere es laut Dr. Wardetzki jedoch häufig. „Das Beste ist natürlich immer, offen zu sein und die Probleme anzusprechen. Schwierig wird es, wenn das Gegenüber keine Bereitschaft zeigt, darauf einzugehen“, sagt die Psychologin.

Und das liegt leider in der Natur der Sache. In toxischen Freund*innenschaften ist eben eine*r, der*die deutlich mehr nimmt. Die entscheidende Anschlussfrage lautet daher: Willst und kannst du dir so eine Freund*innenschaft trotz allem leisten, möchtest du daran festhalten?

Falls ja, kann es im ersten Schritt sinnvoll sein, Abstand einzuführen und dadurch die emotionale Nähe und Intensität vorsichtig herunterzufahren. Das sorgt dafür, dass Meinungsverschiedenheiten nicht so schnell eskalieren.

Außerdem wichtig: sachlich und bestimmt bleiben und in Auseinandersetzungen von der oft rein persönlichen Ebene wegkommen. Ein Beispiel: „Ich verstehe, wie wichtig es dir ist, dass ich auf deine Geburtstagsparty komme. Mir ist das auch wichtig und ich würde gerne kommen, aber es geht mir nicht gut und ich brauche dringend Ruhe. Lass uns das nachholen, wenn es mir besser geht. Ich lade dich ein.“

Wenn das Gegenüber dann gekränkt, egoistisch, manipulativ, verständnislos oder verletzend reagiert, ist das kein gutes Zeichen.

Du kannst auch versuchen, mit einer innerlich ausgestreckten Hand deutlich zu machen, dass und wie sehr dich dieses Verhalten belastet: „Ich habe dich sehr gern und du liegst mir am Herzen, aber das tut mir weh. Wie können wir das lösen?“ Doch wie gesagt: Es gehören zwei dazu.

Ich habe dich sehr gern und du liegst mir am Herzen, aber das tut mir weh. Wie können wir das lösen?

Langfristig ist es für die eigene psychische Gesundheit und das seelische Gleichgewicht enorm wichtig, Grenzen in toxischen Freund*innenschaften zu setzen. „Man sollte dann Grenzen setzen, wenn man spürt, dass die Freundschaft nicht gut tut. Oder wenn man unter dem Verhalten der anderen Person leidet“, meint Dr. Wardetzki. „Das erfordert natürlich Mut, weil eine Freundschaft auch daran scheitern kann, wenn das Gegenüber sich durch die Grenze gekränkt fühlt.“

Und dann kann es trotz aller Liebe doch Zeit sein, die Freund*innenschaft zu beenden, wie Dr. Wardetzki sagt: „Man sollte ehrlich zu sich selber sein und sich eingestehen, dass die Freundschaft nicht erfüllend ist und viele Probleme schafft.“

Grenzen setzen lernen ist ein Prozess

Das beherzigt auch Andrea. Heute ist sie vorsichtiger, schaut bei Freund*innen viel genauer hin. „Ich achte mehr auf ein gleichberechtigtes Verhalten in Freundschaften und auf einen respektvollen Ton“, sagt sie. „Und auch mehr auf kleine Zeichen. Ich mag es nicht, wenn Menschen lügen oder lästern. Da schrillen jetzt bei mir alle Alarmglocken. Sowas fällt nämlich immer irgendwann auf einen selbst zurück.“

Auch, wenn die Erfahrung mit Luisa an sich schmerzhaft war, habe sie viel daraus gelernt, sagt Andrea: „Ich konnte alle meine anderen Probleme in Freundschaften seitdem wesentlich respektvoller klären oder es gar nicht erst dazu kommen lassen.“

Sie weiß inzwischen, wie wichtig Grenzen in toxischen Freund*innenschaften sind: „Jetzt erkenne ich langsam erst den Unterschied zwischen gesunden und ungesunden Beziehungen. Doch das war ein Prozess, für den ich zwei, drei Jahre gebraucht habe und auch immer noch Zeit brauche.“

Ob die beiden heute wieder Kontakt haben? „Nein“, sagt Andrea. „Und das werden wir auch nicht.“

* Name geändert

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