„Es ist nicht wie in den Filmen, es ist viel härter“: So sieht das Leben im Gefängnis aus

Der Fotograf Igor Čoko fotografiert das Leben von Inhaftierten in einem serbischen Gefängnis. Ein Interview

Schaut man auf die Webseite des Fotografen Igor Čoko, sticht sein Slogan sofort ins Auge: „Hard boiled stories“, also etwa hartgesottene Geschichten, ist dort zu lesen. Denn Igor, der in Serbiens Hauptstadt Belgrad lebt, versteht sich selbst als Dokumentarfotograf und Anthropologe. Mit Hilfe seiner Kamera ergründet er das Leben auf der Straße, nähert sich Menschen und sozialen Gruppen, die von der Gesellschaft oftmals stigmatisiert und verurteilt werden.

Auch sein Fotoprojekt Behind The Bars, auf Deutsch etwa Hinter Gittern, beschäftigt sich mit Menschen, die einerseits zwar von einem Gericht für ihre Straftaten verurteilt wurden, andererseits aber auch häufig von der Gesellschaft verurteilt werden: Gefängnisinsassen. Über drei Jahre begleitete Igor die Inhaftierten des Zellenblocks 5-1 im Bezirksgefängnis Belgrad und porträtierte ihr Leben. Herausgekommen ist eine Fotoreihe, die visuelle Geschichten von Nähe, Narben, Härte und auch Schwäche erzählt. In einem schriftlichen Interview hat Igor uns über das Projekt und seine Erfahrungen, die er bei der Arbeit im Gefängnis machen durfte, berichtet.

ze.tt: Wie entstand das Projekt Living Behind Bars?

Igor Čoko: Ich habe an dem Projekt fast drei Jahre lang gearbeitet. Es war eine Kooperation mit dem Gefängnis von Belgrad. Dort gibt es ein regelmäßiges Kunstangebot, das 2014 vom Therapiedienst des Bezirksgefängnisses Belgrad ins Leben gerufen wurde. Ziel des Projekts ist es, die Freizeit der Inhaftierten mit kreativen Herausforderungen wie zum Beispiel Theater, Malerei, Sport oder Musik zu füllen. Es ist der Versuch, die Leere zu durchbrechen, in der die Gefangenen leben, während sie ihre Strafe absitzen.

Worum geht es bei Living Behind Bars?

Es gibt so viele Fragen und so viele Tabus über Strafgefangene und das Leben in einem Gefängnis. Was passiert hinter Gittern, hinter den verschlossenen, schweren Eisentüren einer Gefängniszelle? Ist es dort genauso, wie wir es aus vielen Filmen kennen? Oder nicht? Wenn du das Leben der Gefangenen untersuchst, dann triffst und fühlst du eben diese Kraft der anderen Ebene. Wo das Stückchen Himmel über dem Hinterhof die einzige Freiheit ist, welche die Gefangenen sehen. Und zwar für lange Zeit.

Ich habe meine Story im gesperrten Zellenblock 5-1 gemacht, wo die Gefangenen 22 Stunden eingesperrt sind.

Igor Čoko

Das Bezirksgefängnis Belgrad ist das größte seiner Art im Balkangebiet und liegt ein paar Meilen stadtauswärts von Belgrad. Es gibt dort eine Gefängnis- und eine Haft-Abteilung. Im Gefängnisbereich sitzen über 300 Personen ihre Strafe für ganz unterschiedliche Verbrechen ab. Ich habe meine Story im gesperrten Zellenblock 5-1 gemacht, wo die Gefangenen 22 Stunden eingesperrt sind. Zwei Stunden können sie an der frischen Luft verbringen. Die Story zeigt das Leben im Gefängnis ohne zensierte Details oder unkenntlich gemachte Identitäten. Das echte Leben hinter Gittern, so wie es ist.

Was sollen die Betrachter*innen der Fotos verstehen?

Vorab: In 99 Prozent der Fälle sind die Menschen aus einem Grund im Gefängnis. Dort sind keine Unschuldigen. Aber nicht alle Inhaftierten sind Kriminelle. Mein Ziel war es, sie als Menschen mit Empathie und Gefühlen zu zeigen, um die Vorurteile zu beseitigen, welche die Gesellschaft um sie herum erschafft. Lasst uns die andere Seite ihrer Persönlichkeit betrachten, ihre Lebensumstände, wie hart, roh und zäh sie sind … Weißt du, das Leben ist unberechenbar, jeder Mensch kann aus irgendwelchen Gründen im Gefängnis landen. Und ein Gefängnis ist definitiv kein Ort, an dem man Zeit verbringen möchte.

Dennoch gibt es einige von ihnen, die ihr Leben nun mal so leben, die hier eher leben möchten als in der offenen Gesellschaft. Aber schlussendlich verdienen sie alle eine weitere Chance, wie Menschen behandelt zu werden, nicht nur wie Inhaftierte. Glaub mir, wenn du einige Grenzen durchbrichst und kreative, intellektuelle Fähigkeiten bei ihnen weckst, die zuvor versteckt waren, weil niemand da war, der sie verstanden hat, ist die Rückmeldung fantastisch. Da ist eine Anerkennung, anerkennende Worte und Respekt bei ihnen, den man draußen, im echten Leben, so nicht mehr finden kann.

Wie hast du mit den Gefangenen gearbeitet? Wie sind die Fotos entstanden?

Es war notwendig, die Story als ein Langzeitprojekt anzulegen, denn es handelt sich dabei um einen langwierigen Prozess. Offiziell braucht man rechtlich gesehen ihre schriftliche Erlaubnis, um sie zu fotografieren. Das ist der technische Aspekt. Aber Fotografieren ist nicht einfach nur Draufhalten und Abdrücken. Man muss ihre Zeit respektieren, ihre Bedürfnisse, ihre Lebensumstände; man muss ihre Energie spüren, man muss ihr Leben leben, du musst bei ihnen sein. Die Fotos sind letztendlich nur ein Klick am Ende dieses Zusammenwirkens, eine Art Aufnahme in die Gesellschaft der Inhaftierten.

Was hast du aus dem Projekt gelernt?

Es war ein fantastisches Erlebnis. Es war toll, zu sehen, wie sie sich selbst auf den Fotos betrachteten, weil sie die ersten waren, die die Fotos nach dem Ende des Projekts zu Gesicht bekamen. Es ist gut, sie vernünftig zu behandeln, denn wir sind nicht hier, um sie für ihre verübten Verbrechen zu verurteilen. Es ist notwendig, ihnen eine Chance zu geben, die Vorurteile zu beseitigen. Ich bin froh, dass Menschen auf der ganzen Welt einen Einblick in ihr Leben bekommen, dass sie ihre Geschichten fernab der Vorurteile gehört haben. Also nein, es ist nicht wie in den Filmen. Es ist viel härter.


Weitere Arbeiten von Igor Čoko findet ihr auf seiner Webseite und auf Instagram.