Es ist okay, deinem Herzen zu folgen – auch im Job

Nicht alles, was du tust, muss Sinn ergeben – manches aber schon. Besonders im Job ist heute mehr als nur Gehalt gefragt. Aus guten Gründen.

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Bei wichtigen Entscheidungen solltest du auch im Berufsleben auf dein Herz hören. Foto: Daniel Monteiro / Unsplash | CC0

Schon im Kindergarten mehrsprachig, in der Schule die richtigen LKs und AGs, ab an die ideale Uni, die passenden Praktika und dann läuft’s mit der Karriere. Oder? Hm, nee. Erstens haben definitiv nicht alle diese Möglichkeiten, im Gegenteil. Davon abgesehen können sich berufliche Pläne und Jobvorstellungen im Laufe eines Lebens durchaus auch ändern. Es wäre sogar ziemlich schräg, wenn das nicht so wäre.

Vor allem jedoch: Was, wenn der ursprüngliche Plan nicht (mehr) glücklich macht? Wenn der gewählte Beruf sich irgendwann öde und schnöde anfühlt? Dann wird es Zeit, dem Herzen zu folgen. Und ja, das geht auch im Job.

Für die Studie Forging Pathways to Purposeful Work: The Role of Higher Education hat das Umfrage-Institut Gallup zum Beispiel 2019 unter anderem über 2.000 US-Hochschulabsolvent*innen befragt – und 95 Prozent davon haben angegeben, dass ihnen ein gewisser Sinn im Job wichtig ist.

Von denen, für die der Sinn im Job sogar sehr entscheidend war, ist es allerdings nicht mal der Hälfte geglückt, einen solchen Job zu finden. Und nur gut ein Viertel fand die tägliche Tätigkeit gut. Woran das liegen und was man dagegen unternehmen kann, erklärt Coachin, Karriereberaterin und Buchautorin (Spaßbremse Chef) Katrin Seifarth.

Was heißt hier überhaupt sinnvoll?

Am Anfang steht die Definition. Das Herz wünscht sich eine erfüllende, sinnvolle Tätigkeit? Schön und gut – dann gilt es zunächst herauszufinden, worin die individuelle Vorstellung von sinnvoll und erfüllend überhaupt besteht. „Sinn ist individuell verschieden“, sagt auch Katrin Seifarth.

Die meisten Menschen allerdings verstünden auf der beruflichen Ebene darunter, dass das Unternehmen, in dem sie arbeiten, im weitesten Sinne zu einer Verbesserung des Lebens oder der Gesellschaft beiträgt. Das fängt bei relativ nischigen Dingen an – beispielsweise Technologie, die Diagnosen erleichtert – und geht bis hin zu global agierenden NGOs. Mitunter gehe es auch bloß darum, im Unternehmen ein Ziel gemeinsam zu verfolgen und sich nicht in internen Reibereien zu verlieren.

„Und dann hat auch noch jede*r eine eigene Definition von Sinn“, sagt die Karriereberaterin. Da kommt der persönliche Wertekosmos ins Spiel. Die einen bräuchten beispielsweise Macht, Status und Ansehen, die anderen vor allem ein harmonisches Team oder Zeit für sich und die Familie. Wieder andere Freiheit und Entwicklung. Alles okay, man muss es sich halt bewusst machen.

Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft die Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Essen und Trinken zumindest für einen großen Teil der Menschen einigermaßen abgedeckt sind. „Es rücken soziale und Individualbedürfnisse mehr in den Fokus, zum Beispiel das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Anerkennung“, sagt Katrin Seifarth. „Es gilt nicht mehr one size fits all. Hier bekommen wir den Trend zur Individualisierung zu spüren.“

Wie findet man einen Job mit Sinn?

Einen sinnvollen und passenden Job zu finden, das ist laut Expertin allerdings nicht so leicht: „Viele wissen nämlich nur, was sie nicht wollen, wo sie nicht arbeiten wollen. Die wenigsten wissen, wie ihr Arbeitsplatz konkret aussehen soll. Das erlebe ich im Coaching tagtäglich.“

Wer für sich erarbeitet und definiert hat, wo die eigenen Prioritäten liegen, ist also schon mal eine Stufe weiter. Und kann klar umreißen, wie das Tagesgeschäft im Job und das Unternehmen – so es denn dazugehört – aussehen sollen. „Wenn ich meine Werte kenne, kann ich viel besser auswählen, welcher Arbeitgeber zu mir passt und welcher nicht,“ erklärt auch Seifarth. Und dann ist der Weg zum Herzensjob schon ein ganzes Stückchen kürzer geworden.

Ohne Mut und Vorstellungskraft geht es nicht viel weiter. Wer ungefähr weiß, was er*sie will, muss sich irgendwann auch trauen, das tatsächlich anzugehen. Zwar birgt der Versuch, Träume zu realisieren, immer auch die Gefahr, dass es nicht funktioniert und der Traum dann nicht mal mehr als Eskapismusfantasie dienen kann – aber, hier ein ganz radikaler Gedanke: Es könnte ja stattdessen auch wirklich klappen.

Konkret heißt das: Recherche. Wo geht das, wie geht das, welche Wege gibt es, welche Menschen kennen sich damit aus, wen kann man fragen? Wer genug Fragen stellt, wird auch Antworten finden. Und kann sich eine Schritt-für-Schritt-Liste basteln.

Menschen, die einen Sinn in ihrem Job sehen, sind übrigens auch aus Unternehmenssicht ein Gewinn – auch, wenn das zunächst eine Umstellung erfordert. „Früher konnten Unternehmen mit etwas mehr Geld locken. Heute müssen sie mehr bieten, damit Angestellte zufrieden und motiviert sind“, sagt Katrin Seifarth. „Und nur, wenn Mitarbeitende zufrieden und motiviert sind, rufen sie ihr volles Potenzial ab. Sind sie es nicht, machen sie Dienst nach Vorschrift und fahren mit angezogener Handbremse.“ Genau das könne sich im globalen Wettbewerb kein Unternehmen mehr leisten.

Mut zur Lücke

Große Sorgen wegen einer Lücke oder eines Bruches im Lebenslauf muss sich heutzutage niemand mehr machen, sagt die Expertin: „Jeder darf sich irren. Und solange man erklären kann, dass man etwas ausprobieren wollte, es aber nicht gepasst hat, wird das akzeptiert. Im Gegenteil: Es ist sogar gerne gesehen.“ Das sei ähnlich wie bei einer Beziehung, man würde ja auch nicht den*die erste*n Partner*in heiraten.

Nur von exzessivem Job-Hopping, weil ständig etwas nicht passt, würde Katrin Seifarth abraten: „Auch hier empfehle ich, sich der eigenen Werte bewusst zu werden, um eine bessere Auswahl zu treffen.“

Letztlich ist es natürlich vollkommen okay, einen Job nur oder überwiegend fürs Geld zu machen. Aber es gibt eben eine wachsende Zahl von Menschen, die sich eine sinnvolle Tätigkeit wünschen. Einen Beruf, der mehr ist als nur Zeit und Fähigkeiten gegen Kohle. Der das Herz erfüllt. Und das ist genau so okay. Mindestens.

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