Es kann nicht sein, dass „schwul“ noch immer als Schimpfwort benutzt wird

Ein Gerichtsurteil regt zum Nachdenken über den Umgang mit dem Wort „Schwuchtel“ an. Ein Kommentar

Gay O.K., aber nicht als Schimpfwort. © Getty Images / Patricia De Melo Moreira

Das Amtsgericht Kamen verurteilte vergangenen Freitag einen jungen Mann zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten, weil dieser einen Altenpflege-Azubi als Schwuchtel beleidigt haben soll. Das ist ein gutes und wichtiges Zeichen.

Mal ganz davon abgesehen, dass es natürlich nie in Ordnung ist, einer anderen Person nach Lust und Laune irgendwelche Beleidigungen an den Kopf zu werfen, sollten wir wir uns wirklich fragen, wie schnell uns etwa das vermeintlich harmlose Adjektiv schwul in einem negativen Kontext über die Lippen kommt. Hausaufgaben sind voll schwul, das Lied von Band XY ist ja mal mega gay und der Neue ist so eine richtige Schwuchtel.

Ich möchte Menschen, die diese und ähnliche Wörter benutzten, nicht grundsätzlich Homophobie unterstellen, dennoch müssen wir unseren Sprachgebrauch endlich überdenken.

„Geh mir aus dem Weg, du scheiß Schwuchtel!“

Ein Beispiel: Ich ging an einem sommerlichen Freitagabend durch Berlin-Kreuzberg, überquerte gerade eine Ampel und wurde plötzlich von einem großen Kerl im weißen Tanktop absichtlich angerempelt, gefolgt von: „Geh mir aus dem Weg, du scheiß Schwuchtel!“ Ich blieb mitten auf der Straße stehen, ein bisschen ungläubig, ein bisschen fassungslos. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Mich umdrehen und irgendwas hinterherrufen? Weitergehen und so tun, als wäre das gerade nicht passiert? Hinterherlaufen und den Kerl zur Rede stellen?

Stattdessen blieb ich einfach nur eine Weile mitten auf der Kreuzung stehen, bis mich das Hupen eines Autos aus meinen Gedanken riss und ich bemerkte, dass die Fußgängerampel schon längst wieder auf rot umgesprungen war. In dieser Situation war ich ohnmächtig und habe ich nichts gemacht. Ich habe mir die Beleidigung gefallen lassen.

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Das Wort Schwuchtel war hier ganz bewusst gewählt und zielte auf meine sexuelle Orientierung ab. Mich hat das sehr getroffen. Nicht weil ich mir meiner sexuellen Orientierung nicht sicher wäre, sondern einfach, weil ich nicht derart beleidigt werden möchte. Wir müssen lernen, dass Wörter wie schwul, Lesbe oder behindert keine Schimpfwörter sind, sondern zustandsbeschreibende Worte. Wer, warum auch immer, irgendwie das Gefühl hat, mich unbekannterweise und einfach so beleidigen zu müssen, soll mich lieber Arschloch oder Vollidiot nennen. Das wären wenigsten standesgemäße Beleidigungen.

Kein schönes Gefühl

Versuchen wir, uns mal kurz in folgende Situation reinzudenken: Wir sind ein Teenager, vielleicht so 13 oder 14 Jahre alt, uns unserer sexuellen Orientierung nicht ganz sicher, fühlen uns vielleicht zum eigenen Geschlecht hingezogen. So weit so gut. Wie würden wir uns fühlen, wenn Menschen um uns herum das Wort schwul in einem beleidigenden Kontext verwenden? Wenn alles, was nervt, plötzlich schwul ist? Oder wenn zwei Typen, die Arm in Arm auf einem Foto posieren, den Hashtag #nohomo unter das Bild setzen, um ganz deutlich zu machen, dass auf dem Bild eine reine Männerfreundschaft zu sehen ist und auf gar keinen Fall irgendwas, das nur im entferntesten Sinne mit Homosexualität zu tun haben könnte? Richtig: Es gibt uns das ungute Gefühl, nicht in Ordnung zu sein. Einen Makel zu haben, falsch zu sein.

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Werfen wir einen kurzen Blick in den Duden: Dort wird als letzte von drei möglichen Bedeutungen angeführt, dass schwul in der Jugendsprache „Verdruss, Ärger, Abneigung hervorrufender Weise schlecht, unattraktiv, uninteressant“ bedeuten kann – immerhin mit dem Hinweis, dass es häufig als diskriminierend empfunden werde.

Woher kommt das? Mir würde niemals in den Sinn kommen, einer anderen Person ihre Heterosexualität zum Vorwurf zu machen. „Das Seminar ist so furchtbar hetero“ oder „Die Dozentin ist ja voll die Hete“ habe ich persönlich noch nie gehört.

Ein richtiges Signal

Für manch einen mag das eingangs erwähnte Urteil des Amtsgerichts mit drei Monaten für einen „Schwuchtel“-Ruf vielleicht etwas übertrieben wirken. Ich empfinde dieses Urteil jedoch für ein wichtiges Signal. Es könnte dazu beitragen, dass Menschen kurz innezuhalten und zu reflektieren, wie sie selbst mit diesen Worten, die eigentlich lediglich eine sexuelle Orientierung oder einen gesundheitlichen Zustand beschreiben sollen, umgehen. Und zwar noch bevor sie diese in diffamierendem Kontext verwenden.

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Mir ist es noch immer unangenehm, dass ich bei meiner Begegnung auf der Ampelkreuzung zu perplex war, um angemessen zu reagieren. Mein erster Impuls war, mich umzudrehen und der Person diverse Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Aber das wäre auch nicht richtig, nicht angebracht gewesen.

Wenn ich mittlerweile jedoch Schulkinder im Bus höre, die das Kantinenessen mega schwul fanden, dann versuche ich ihnen zu erklären, warum es vielleicht zum Kotzen geschmeckt hat, aber sicherlich nicht schwul war. Und wenn mir jemand erzählt, dass die dicke Lesbe Beth Dito ja jetzt ein Solo-Album herausgebracht habe, erzähle ich der Person, dass einfach Beth Dito ein Solo-Album herausgebracht hat – und erkläre, dass ich solche Beschreibungen nicht dulden möchte, ganz egal wie flapsig sie sind.

In solchen Situationen muss ich mir oft anhören, dass ich da zu sensibel sei, mich nicht so anstellen solle. Das hat damit nichts zu tun. Sexuelle Orientierung ist nichts, für das jemand beleidigt werden darf. Basta.