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“Es war ein blöder Zufall” – Dieb verscherbelt unabsichtlich eine Meistergeige

Sieben Jahre lang spielte Leon auf einer geliehenen 275.000-Euro-Geige. Dann stahl sie ein Dieb – und hatte keine Ahnung, was er in den Händen hielt.

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Nicht zu ersetzen: eine Geige des italienischen Baumeisters Nicolo Gagliano. Illustration: © Elif Kücük / ze.tt

Leon*

Wenn du eine italienische Meistergeige spielen möchtest, brauchst entweder sehr viel Geld oder sehr viel Talent. Nehmen wir an, du hast Letzteres und übst hart, seit du sechs Jahre alt bist. Wie viele andere Nachwuchsmusiker*innen weißt du, dass du einmal im Jahr nach Hamburg fahren kannst, um dort dein Talent unter Beweis zu stellen. Du spielst vor der Fachjury des Deutschen Musikinstrumentenfonds. Wenn du sie überzeugst, bekommst du ein besonderes Instrument geliehen – etwa eine Geige von Stradivari. Für dich ist es eine Ehre, darauf spielen zu dürfen.

Du trägst zugleich große Verantwortung. Die Instrumente, die der Fonds verleiht, sind selten und sehr, sehr teuer. Der Versicherungswert der rund 200 Instrumente, die der Fonds verwaltet, liegt im zweistelligen Millionenbereich. Du solltest also aufpassen, dass dir dein Instrument nicht abhanden kommt. Den finanziellen Verlust mag die Versicherung übernehmen, den künstlerischen kann sie nicht ersetzen.

Der Fonds verleiht die Instrumente, damit sie regelmäßig gespielt werden. Man sagt, sie verlören sonst an Qualität. Er will aber auch deutsche Klassiktalente fördern – und du bist eines von ihnen. Seit 2012 spielst du auf einem Instrument des Fonds. Deine Geige ist laut Versicherungsschein 275.000 Euro wert. Für dich ist sie ein wichtiger Teil deines Lebens. Du verbringst viele Stunden mit ihr, oft alleine, manchmal dort, wo du Unterricht hast: in der Musikschule Berlin-Mitte. Auch heute bist du wieder dort, natürlich mit deinem Instrument. Du bist 26 Jahre alt und es ist der 11. März 2019.

Markus*

Der 11. März 2019 ist ein Scheißtag. Das Koks, das du rauchst, ballert nicht. „Es macht nicht mal satt“, wie du dazu sagst. Also gehst du ins Drogencafé am Nettelbeckplatz in Wedding. Dort triffst du zufällig Alpay*, den du vom Automatenspielen kennst. Auch er hat schlechtes Zeug gehabt und ihr beschließt, gemeinsam loszugehen. Ihr wollt irgendwas stehlen, es dann verkaufen, um Kohle für Stoff zu haben. In Mitte wollt ihr ein Fahrrad klauen, aber findet kein unabgeschlossenes. Dann seht ihr dieses Gebäude, die Tür unten ist offen. „Musikschule“ steht da. Durchs Treppenhaus kommt ihr in die dritte Etage und findet dort eine weitere offene Tür. Ihr geht hinein, da liegt eine Tasche, eine Jacke und eine Geige. Erstmal in den Taschen wühlen. Kein Geld, kein Handy. Dann eben die Geige. Du packst sie. Jetzt nichts wie weg.

Treppen runter und schnell über den Hof, an einer Baustelle vorbei. Du siehst nicht, wie die Überwachungskamera Bilder von dir aufzeichnet. Auf ihnen ist zu sehen, wie du die Geige in der Hand hältst wie einen Stock. Auch an der S-Bahn-Station Friedrichstraße filmen dich Kameras. Pech außerdem, dass dir in der S-Bahn, mit der ihr türmt, eine Mitarbeiterin der Musikschule gegenübersitzt. Sie spricht dich nicht an, aber wundert sich, warum da jemand eine Geige ohne Hülle unter die Jacke gestopft hat. Sie prägt sich dein Gesicht und deine Kleidung sehr gut ein.

Zurück am Nettelbeckplatz versuchst du, die Geige schnell zu Kohle zu machen. Du willst nur dein Gramm Koks. Dein Problem ist, dass du keine Ahnung von Instrumenten hast. Wenn du ein MacBook klaust, was du schon getan hast, ist es einfach. Da weißt du, was es wert ist. Aber eine Geige? Auf den ersten Blick ist da kein Zettel und kein Name zu sehen. Am Brunnen am Nettelbeckplatz fragst du rum, wer eine Geige kaufen will und wenig später sitzt du mit jemand in einem Dönerladen, den du nur den „Jugo“ nennst und auch nicht persönlich kennst. 250 Euro willst du von ihm haben. Am Ende bekommst du 200. Du gibst Alpay die Hälfte und kaufst dir von den restlichen 100 Euro Koks.

Ein paar Tage später fängt die Polizei ihre Fahndung an. Sie sucht dich und Alpay mit den Fotos aus den Überwachungskameras. Weil du auf Bewährung bist, tauchst du lieber ab. Es ist ja nicht das erste Mal, das du Scheiße gebaut hast. In deinem Leben reihen sich die Delikte aneinander wie die Perlen einer Kette. Insgesamt 20 Straftaten sind im Register vermerkt. Seit 1994 hast du in regelmäßigen Abständen geklaut, gestohlen, geprügelt. 41 Jahre bist du jetzt alt und seit du 15 bist, prägen Drogen dein Leben. Die säufst, kiffst und kokst. Zwei Ausbildungen hast du angefangen, beide abgebrochen. Jetzt lebst du von Hartz-IV und beschaffst dir das Geld für die Drogen vor allem durch Diebstähle.

Es war alles ein blöder Zufall.

Geigendieb Markus

Im Januar, etwa neun Monate nach der Tat, schnappt dich schließlich die Polizei. Als im Mai vor Gericht über dich verhandelt wird, gestehst du die Tat. Du sagst: „Wenn in der Jacke oder Tasche Geld gewesen, wäre die Geige noch da. Es war alles ein blöder Zufall.“ Du erzählst, dass du nach deiner letzten Haftstrafe eine Therapie gemacht hast, aber dann in der falschen Einrichtung gelandet bist. Ruckzuck warst du zurück in alten Mustern. Die Richterin stellt dir darum keine gute Prognose aus. Sie glaubt dir, dass du keine Ahnung hattest, was du da gestohlen hast. Trotzdem sagt sie: „Es ist ein Jammer, dass die Geige jetzt irgendwo ist und niemand weiß, wo. Man kann nur hoffen, dass sie irgendwann wieder auftaucht.“ Dein letzter Satz vor dem Urteil: „Es tut mir leid, was ich getan habe.“ Nach einer halben Stunde Beratung erhältst du dein Urteil: zweieinhalb Jahre Gefängnis.

*alle Namen geändert, ze.tt hat Leon und die Stiftung kontaktiert. Beide wollten sich nicht zum Fall äußern.

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