„Essen ist viel zu billig“ – Das könnt ihr gegen Lebensmittelverschwendung tun

Unnötige Lebensmittelverschwendung und riesige Müllberge: Sophia Hoffmann möchte mit ihrem Buch Zero Waste Küche wachrütteln und zeigen, wie nachhaltiges Kochen funktioniert. Ein Interview

Unnötige Lebensmittelverschwendung und riesige Müllberge: Sophia Hoffmann möchte mit ihrem Buch Zero Waste Küche wachrütteln und zeigen, dass es auch anders geht. Ein Interview

"Wenn ich einen angeschlagenen Apfel sehe, denke ich nicht über die braune Stelle nach, sondern über die 80 Prozent intaktes Fruchtfleisch", erklärt Sophia Hoffmann. Foto: Annabell Sievert

Obwohl weltweit über 800 Millionen Menschen Hunger leiden, landen jährlich 1,6 Milliarden Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Sie werden verschwendet. Jedes dritte Lebensmittel wird nicht verzehrt, sondern entsorgt. Allein in Deutschland werden 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeworfen, vieles davon noch vollkommen genießbar. Und wer jetzt denkt, ein Großteil dieser Lebensmittelverschwendung geht auf die Industrie zurück: falsch gedacht. Mehr als ein Drittel, nämlich 7,23 Millionen Tonnen Lebensmittel, werden in Privathaushalten in die Mülltonne geworfen.

Die Gründe für das Verschwenden, für das achtlose Wegwerfen sind vielfältig: Mindesthaltbarkeitsdaten sorgen für Unsicherheiten, Lebensmittel, die nicht mehr ganz so frisch aussehen, werden vorsorglich entsorgt, oder es wird ganz banal zu viel eingekauft. Die Berliner Köchin und Aktivistin Sophia Hoffmann will sich das nicht länger anschauen: Sie ist Befürworterin der Zero-Waste-Bewegung, einer Art Nachhaltigkeitsphilosophie, in der es unter anderem darum geht, auf Verschwendung hinzuweisen und dagegen vorzugehen. Im Interview zu ihrem dritten Buch Zero Waste Küche erklärt Sophie, die schon lange vegan lebt, warum das Thema Lebensmittelverschwendung sie so beschäftigt, und verrät, wie jede*r ganz einfach etwas gegen die Verschwendung tun kann.

ze.tt: Zero Waste – was bedeutet das eigentlich?

Sophia Hoffmann: Zero Waste heißt für mich: kein Müll. Aber auch: keine Verschwendung. Deshalb ist es einerseits Müllvermeidung im Sinne von Verpackungsmüll, aber es bedeutet eben auch alles, was man konsumiert, aufzubrauchen. Das sind die beiden Grundbausteine.

Nachfragen, sich informieren und die Augen aufhalten.

Sophia Hoffmann

Was können wir als Verbraucher*innen dazu beitragen?

Wir haben zwar nicht die Alleinverantwortung, da muss auch die Politik was unternehmen. Aber wir als Konsument*innen haben die Macht zu entscheiden, wo und was wir einkaufen. Es macht einen Unterschied, wenn wir in kleinen Biomärkten einkaufen, wo es regionale und unverpackte Produkte gibt, oder wenn wir uns eine Bio-Kiste bestellen. Oder wenn wir dann mal den angeschlagenen Apfel kaufen, der bestenfalls auch noch runtergesetzt ist. Das haben wir in der Hand. Man kann aktiv nach solchen nachhaltigen Angeboten gucken, auch einfach mal nachfragen, sich informieren und die Augen offen halten.

Und passiert das denn auch?

Ich habe das Gefühl: Vielen ist klar, dass sich etwas ändern muss. Aber es passiert wenig. Es tut sich langsam was, aber eben auch wirklich nur langsam.

Muss die Politik da nicht auch mehr unternehmen? In Frankreich oder Tschechien müssen Supermärkte zum Beispiel Lebensmittel per Gesetz an karitative Organisationen spenden.

Es wäre auch an der Zeit, dass die Politik da mehr macht. Angela Merkel hat vor Kurzem ein Statement zum Thema Lebensmittelverschwendung abgegeben. Das ist schon einmal ein toller Schritt, wenn die Bundeskanzlerin mal in die Kamera sagt, wie viele Liter Wasser für ein Stück Rindfleisch verbraucht werden. Das ist ein wichtiger Schritt, aber eben auch noch zu wenig. Es gibt mittlerweile Anreize für Menschen und Unternehmen, die was ändern wollen, aber ich denke, es wäre auch gut, restriktiv zu arbeiten – das tut dem Einzelhandel und den Akteuren dann wirklich weh.

Wo könnte man denn da ansetzen?

Ein riesiges Thema ist das Mindesthaltbarkeitsdatum, MHD. Da tut sich langsam was. Mein Freund Matthias Beuger, Gründer des Instituts für Lebensmittelwertschätzung hat das Mindestverzehrfähigkeitsdatum, MVD, eingeführt und hat bereits erste Unternehmen an Bord, die das umsetzen, aber dies geschieht aus reinem Goodwill. Es ist dringend notwendig, dass die Regierung da mehr vorschreibt. Es gibt eine Studie, laut der 30 Prozent der Konsument*innen Lebensmittel wegwerfen, weil das MHD überschritten ist – egal, ob es noch essbar ist oder nicht. Sie vertrauen dann blind auf dieses Datum. Das muss sich ändern.

Und wie sollten wir deiner Meinung nach mit dem MHD umgehen?

Ganz einfach auf das Bauchgefühl vertrauen: Wenn ein Lebensmittel nicht schimmelt oder eine Fäule hat, dann kann man die schlechte Stelle – bei einer Kartoffel zum Beispiel den Trieb – auch einfach großzügig wegschneiden. Wir haben wahnsinnige Angst davor, dass Lebensmittel sofort gesundheitsschädlich sind, sobald das MHD abgelaufen ist. Ganz oft schmecken sie dann aber einfach nur nicht mehr ganz so intensiv, aber das heißt nicht, dass sie für uns schädlich sind.

Und wie findet man das am besten heraus?

Ganz oft funktioniert dieser Trick: riechen, probieren, und wenn es nicht mehr schmeckt, dann muss man es ja nicht essen. So, wie man es früher gemacht hat. Die Werbeindustrie verkauft uns die Botschaft, dass alles immer frisch sein muss. Dadurch haben wir auch eine verquere Idee davon, was frisch ist. Die Idee, dass Aufbackbrötchen, die dreimal am Tag mit Backtriebmittel im Automaten gebacken werden, frisch sein sollen, ist natürlich Quatsch. Das ist ein Wegwerfprodukt.

Wir kaufen viel zu viel.

Sophia Hoffmann

Probieren ist das eine, aber wie können wir Verschwendung von vornherein vermeiden?

Ganz wichtig: weniger einkaufen. Wir kaufen viel zu viele Lebensmittel. Wir sind zu solch einer ständigen Angst erzogen, dass uns etwas ausgeht. Da ist es eine gute Erfahrung, auch mal tatsächlich was ausgehen zu lassen, und einfach mal eine Inventur in der eigenen Küche machen. Die Vorräte durchgehen und gucken: Was habe ich denn eigentlich noch übrig? Dann kann man diese Reste aufbrauchen.

Und dann sollten wir natürlich besser einkaufen: gutes Obst im Bioladen, eine Handvoll und kein riesiges Netz. Da schmeißt man dann auch nichts weg.

Nicht jede*r kann es sich leisten, in Biomärkten einkaufen zu gehen.

Meine provokative These: Essen ist viel zu billig. Die Tatsache, dass wir 18 Millionen Tonnen im Jahr wegschmeißen, ist ein Luxusproblem. Wenn Essen zu teuer wäre, dann könnten wir uns das nicht leisten. Da muss man mal über Wertschätzung nachdenken. Wenn man bewusst einkauft, sich vielleicht ein bisschen Gedanken über die Planung macht, wenn man regional, saisonal kauft, auf reduzierte, angeschlagene Produkte zurückgreift, dann kann man sich meiner Meinung nach in Bio-Qualität ernähren.

Wir geben für so viel Scheiß Geld aus.

Sophia Hoffmann

Es kann sein, dass es ab und zu ein bisschen mehr Zeit erfordert, zum Beispiel, wenn man Hülsenfrüchte wie Kichererbsen einweicht. Aber man kann auch mit kleinem Budget gesunde, hochwertige Lebensmittel kaufen. Wir geben für so viel Scheiß Geld aus: für Klamotten, für Fernreisen, für neue Handys, für Unterhaltungselektronik, da haben wir ja offenbar irgendwie das Geld. Ich finde, man sollte an der Stelle das eigene Budget überdenken.

Du plädierst also für mehr Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln?

Ich glaube: Wissen ist Macht. Wenn wir uns mehr darüber bewusst sind, was unser Essen ist, dann gehen wir hoffentlich auch anders damit um. So gibt es Lebensmittel bei uns, die wir fast täglich konsumieren: Bananen, Kaffee, Schokolade, das ist totaler Standard. Das ist aber eine Industrie, in der auch ganz viele Menschen ausgebeutet werden. Kinderarbeit und moderne Sklaverei sind dort keine Ausnahme. Das hat man vielleicht mal mit einem Ohr gehört, will man vielleicht auch nicht hören, aber das ist ein ganz wichtiges Thema. Denkt mal darüber nach, wo die herkommen und wie die hergestellt werden.

Von der Theorie zur Praxis: Was kann ich konkret tun, um nachhaltiger zu leben?

Ich glaube, wenn jemand wenig Übung hat, hilft es, einen Plan machen. Es sind so kleine, einfache Dinge. Ein Tipp: mehr Hülsenfrüchte essen. Das ist billig, vielseitig – aus Kichererbsen kannst du Hummus machen, sie in den Salat machen, ein Curry kochen. Oder im Sommer, wenn Erdbeerzeit ist: Man kauft eine Schale, da sind dann einige schon angematscht und wenn man die dann stehen lässt, sind die abends verschimmelt. Deshalb sollte man sich die Zeit nehmen, die einmal kurz sortieren und die angematschten in den Mixer oder ins Tiefkühlfach zu packen. Die sind dann super in Smoothies oder im Müsli. Das kostet dann vielleicht ein paar Minuten, aber das sind eben diese kleinen Schritte, die man sich angewöhnen kann, und die nicht super kompliziert sind. Oder bei Brot: einfrieren. Einfach lernen, sowas ein bisschen mehr mitzudenken.

Was darf denn in der eigenen Zero-Waste-Küche auf keinen Fall fehlen?

Ich habe immer Hülsenfrüchte da. Und Getreide: sowas wie Reis, Hirse, Buchweizen, trockene Grundzutaten. Und ich habe immer Nüsse da und Samen, zum Beispiel Sonnenblumen- oder Kürbiskerne. Oder Senf und Gewürzsoßen, das wird de facto nicht schlecht: Senf, Miso, Currypaste … damit kann man immer etwas zaubern.

Und ohne welche Utensilien gehst du nicht auf Reisen?

Coffee-to-go-Becher, Wasserflasche, Lunchbox, oft auch ein kleines Stoffsäckchen. Wenn man sich mal ein Brötchen kauft, kann man das da reinpacken lassen und auf die Papiertüte verzichten. Das ist eine Sache der Gewohnheit. Beim ersten Mal denkt man sich: Oh, die schauen mich jetzt komisch an, aber da kann man auch schon Verpackung sparen. Und wenn man sich zum Beispiel an einem Imbiss etwas mitnimmt, dann am besten fragen, ob sie es direkt in die Lunchbox packen können. Das ist fast nie ein Problem. Anfangs ist das eine Überwindung und dann wird es eine Gewohnheit.

Was sind denn einfache, simple Zero-Waste-Rezepte?

Ein Faulheits-Kochrezept: Sachen in den Ofen schmeißen. Ofengemüse ist immer lecker, auch wenn es ein bisschen müdes Gemüse ist. Einfach ein bisschen Olivenöl, Rosmarin, Gewürze und ab in den Ofen. Oder eine schnelle Linsensuppe. Man kann rote oder gelbe Linsen nehmen, die sind ja schnell weichgekocht, vielleicht ein paar Spinatblätter und man hat in zehn Minuten eine Suppe.

Also schauen, was man hat und das dann entsprechend verwerten?

Ich bin eine große Verfechterin des Selberkochens. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir das gesellschaftlich anders bewerten. Ich glaube, dass uns das von der Industrie und von einem kapitalistischen Gesellschaftssystem eingeredet wird, dass wir keine Zeit haben zu kochen, und dass Kochen fürchterlich anstrengend ist. Ich finde jedoch, dass das etwas total Entspannendes und Soziales ist. Wir müssen dahin zurückkommen, dass wir uns Zeit dafür nehmen und Freude daran haben. Was machen wir denn in der Zeit, die wir sparen, wenn wir nicht kochen? Vor dem Computer rumhängen.

Und was machen die Kochmuffel unter uns?

Kochen lernt man nur, indem man kocht. Da misslingt auch mal was, und das ist normal, das ist part of the process. Das anzunehmen und nicht immer Perfektion zu erwarten ist wichtig. Das ist wie beim Sex: trial and error.


Das Buch „Zero Waste Küche“ von Sophia Hoffmann ist 2019 im ZS Verlag erschienen. Mehr über Sophia und ihre Arbeit findet ihr auf Facebook, Instagram, YouTube und auf Sophias Website.