Esther Bejarano: „Wenn ich sehe, wie Neonazis auf den Straßen marschieren dürfen, wird mir schlecht“

Der Tag der Befreiung jährt sich zum 75. Mal. Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano fordert, dass der 8. Mai zum bundesweiten Feiertag erklärt wird. Ein Interview

Esther Bejarano turns 95
Esther Bejarano überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. Foto: © Axel Heimken / dpa

„Wir wollen uns nicht gewöhnen an Meldungen über antisemitische, rassistische und menschenfeindliche Attacken in Berlin und anderswo.“ Das schrieb die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees Esther Bejarano im Januar in einem offenen Brief an die Regierenden und „alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen“. Sie fordert darin, dass der 8. Mai ein Feiertag in Deutschland wird. Das sei seit Jahrzehnten überfällig.

Die heute 95-jährige Esther Bejarano überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. In Auschwitz musste sie im Mädchenorchester Akkordeon spielen, die Musik rettete ihr damals das Leben, wie sie heute oft erzählt. Nach Kriegsende zog es sie erst nach Palästina. In den 1960ern kehrte sie jedoch nach Deutschland zurück und lebt seitdem in Hamburg.

Seit Jahren setzt sie sich für Antifaschismus und gegen das Vergessen der NS-Verbrechen ein, besucht bundesweit Schulen, um mit Schüler*innen über die Shoa zu sprechen, macht Musik und liest aus ihrer Autobiografie Erinnerungen. Im April startete sie gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – dem Bund der Antifaschisten, deren Ehrenvorsitzende sie ist – die Petition 8. Mai zum Feiertag machen. Knapp 80.000 Menschen haben diese bereits unterschrieben.

Im Gespräch mit ze.tt erzählt Esther Bejarano, woher sie die Kraft für ihre Aufklärungsarbeit nimmt, warum ihr die aktuelle politische Lage viele Sorgen bereitet und wie sie vor einigen Jahren Teil einer Rapcrew wurde.

ze.tt: Frau Bejarano, wie haben Sie den Tag der Befreiung 1945 erlebt?

Esther Bejarano: Ich wurde von Amerikanern und Russen gemeinsam befreit. Zuerst war ich von Auschwitz nach Ravensbrück geschickt worden, um Zwangsarbeit für Siemens zu leisten. Anschließend musste ich mich von Ravensbrück aus auf den Todesmarsch begeben. Auf dem Weg habe ich in einem Konzentrationslager in Malchow sieben Mädchen wiedergetroffen, die mit mir in Auschwitz waren. Von da an liefen wir gemeinsam. Nach knapp fünf Tagen haben wir gehört, wie ein SS-Mann zu einem anderen sagte, es dürfe nicht mehr geschossen werden. Für uns war das ein Zeichen, dass der Krieg bald zu Ende sein müsste. Wir waren in Mecklenburg und befürchteten, dass sie uns bis zur Ostsee führen würden, um uns zu ertränken. Wir Mädchen wollten da nicht mitmachen und sind geflüchtet.

Und dann?

Als wir durch einen Wald marschierten, versteckte sich jede einzeln hinter einem Baum. Dort haben wir ausgeharrt, bis die ganze Kolonne weitergezogen war. Das war schon Anfang Mai. Wir liefen zu siebt weiter, bis wir auf eine Gruppe US-Soldaten trafen. Sie erklärten uns, dass die Nazis noch nicht aufgegeben hätten und jede*n in ihrer Nähe erschießen würden. Sie boten uns an, uns in die amerikanische Zone zu bringen. Von dort sind wir nach Ludwigslust in Mecklenburg gekommen und wurden von einem Bauern aufgenommen. Aber wir wollten nicht mehr in Deutschland bleiben. Wir waren ja auch noch nicht frei.

Es gibt viele Leute, die meinen, wir dürften eine Kapitulation nicht feiern. Schließlich habe Deutschland den Krieg verloren. Ein Wahnsinn ist das.

Esther Bejarano

Wie ging es für Sie weiter?

Am Morgen hat der Bauer uns geweckt und gesagt: ‚Links runter sind die Amerikaner, rechts die Russen‘. Aber wir brauchten uns gar nicht so große Gedanken zu machen, wohin wir gehen. Denn auf der linken Seite kamen zwei US-Panzer die Straße runtergefahren. Wir sind ihnen entgegengelaufen. Sie hievten uns hoch und fragten, wer wir seien. Als wir ihnen unsere KZ-Nummern auf dem linken Arm zeigten, haben sie uns umarmt. Gemeinsam fuhren wir in das kleine Städtchen Lübz, dort luden sie uns in ein Restaurant ein. Sie wollten, dass wir ihnen von unseren Erlebnissen im KZ erzählen. Ich habe ihnen erzählt, dass ich in Auschwitz im Mädchenorchester Akkordeon spielen musste. Einer der US-Soldaten sprang auf und brachte mir eins.

Plötzlich haben wir auf der Straße einen großen Krach gehört. Die Rote Armee kam einmarschiert. US-Soldaten und Russische Soldaten umarmten sich und schrien: ‚Der Krieg ist aus! Hitler ist tot!‘ Ein russischer Soldat stellte ein riesengroßes Bild von Adolf Hitler auf dem Marktplatz auf und zündete es gemeinsam mit einem US-Soldaten an. Hitlers Bild brannte lichterloh und alle, die dort waren, tanzten drum herum. Ich stand mit meinem Akkordeon daneben und habe Musik gemacht.

Die gesamte Welt wurde am 8. Mai vom Hitlerfaschismus befreit.

Esther Bejarano

Das ist ein unglaublich kraftvolles Bild.

Ich werde das nie vergessen. Das war eine wunderbare Befreiung. Eine richtig schöne Erinnerung. Ich glaube, es fand am 6. statt und nicht am 8. Mai, aber das ist egal. Die Hauptsache ist, dass wir alle Anfang Mai befreit wurden. Nicht nur die Menschen, die in den KZs waren, sondern auch viele andere Gefangene und alle Menschen überhaupt. Die gesamte Welt wurde an diesem Tag vom Hitlerfaschismus befreit. Deswegen muss der 8. Mai als Fest der Befreiung unbedingt in Deutschland eingeführt werden.

Es gibt andere Länder, die das bereits getan haben.

Ja, in Frankreich, in Holland und in Belgien beispielsweise. Andere Länder, die besetzt wurden, feiern den 8. Mai als Befreiungstag. Nur hier in Deutschland machen sie das nicht.

Warum?

Es gibt noch sehr viele Leute, die meinen, wir dürften eine Kapitulation nicht feiern. Schließlich habe Deutschland den Krieg verloren. Ein Wahnsinn ist das.

Glauben Sie, dass auch die fehlende Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg damit zu tun hat?

Natürlich, nach 1945 gab es überhaupt keine wirkliche Entnazifizierung. Bundeskanzler Konrad Adenauer hat unzählige Nazis, die Verbrechen begangen haben, wieder in die Regierung geholt. Viele Nazis konnten ins Ausland flüchten und wurden dort für das, was sie getan hatten, nicht belangt. Offiziell gab es plötzlich keine Nazis mehr. Dabei sind die wieder auf ihre alten Posten gegangen. Darum haben wir auch heute wieder so viele Nazis in Deutschland. Es ist eine rote Linie, die sich seit 1945 bis heute durch unsere Gesellschaft zieht.

Die AfD im Bundestag ist eine Schande für Deutschland.

Esther Bejarano

Wir haben mit der AfD heute wieder eine rechtspopulistische Partei in den Parlamenten.

Die AfD im Bundestag ist eine Schande für Deutschland. Es gibt aber noch mehr: die NPD, Pegida. Das sind rechtslastige Parteien und Organisationen, die die Demokratie kaputt machen wollen. Sie wünschen sich wieder einen großen, starken Mann, so wie Hitler. Wenn ich sehe, wie Neonazis auf den Straßen marschieren dürfen und den Hitlergruß zeigen, wird mir schlecht. Ich kann nicht verstehen, dass die Regierung nichts dagegen tut.

Wird in Deutschland zu viel geschwiegen?

Definitiv. Den Schüler*innen in den Schulen sage ich immer: ‚Ihr tragt überhaupt keine Schuld daran, was damals geschah. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst wissen, was damals geschah, damit so etwas nie wieder passieren kann.‘ Ich kann mich genau daran erinnern, als sie meinen Vater abgeholt haben. Unsere Nachbar*innen, mit denen wir nie Schwierigkeiten hatten, standen hinter ihren Gardinen. Anstatt rauszukommen und etwas zu sagen, haben sie zugeguckt. Keine*r hat sich gewehrt. Die meisten haben mitgemacht.

Und heute?

Wer heute ältere Leute fragt, bekommt als Antwort: ‚Ach, wir haben gar nicht gewusst, was da alles passiert ist.‘ Wenn das so weitergeht, wenn die Leute jetzt wieder schweigen, dann haben wir bald die gleiche Situation wie damals. Das möchte ich nicht erleben. Deshalb müssen die Menschen jetzt aufstehen und sagen: ‚Mit uns nicht.‘ Wir müssen die Nazis abschaffen.

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Es gibt in letzter Zeit vermehrt Diskussionen über Rechtsextremismus und Linksextremismus in Deutschland.

Wissen Sie was? Dass die im selben Atemzug genannt werden, ist eine Beleidigung! Nach 1945 haben Neonazis und rechtsextremen Täter*innen unzählige Morde verübt und tun es bis heute. Das Gleiche kann nicht von den Linken gesagt werden. Beide in einen Topf zu werfen, ist falsch. Die Linke bemüht sich, dass unsere Demokratie erhalten bleibt. Das sehen viele Menschen nicht.

Lange Zeit haben Sie nicht über das Geschehene gesprochen. Was hat Sie dazu bewegt, mit der öffentlichen Aufklärungsarbeit zu beginnen?

Ende der 70er hatte ich eine kleine Boutique in Eimsbüttel. Vor der Tür hatte die NPD eines Tages einen Infostand aufgebaut. Die haben Slogans voller Ausländer*innenfeindlichkeit und Antisemitismus gezeigt. Wie früher. Auf der anderen Seite kamen dann Demonstrant*innen, die sich gegen diese Nazis gestellt haben. Die Polizei hat sich vor die Nazis gestellt. Das hat mich geärgert. Ich bin rausgegangen, habe einen Polizisten am Revers gepackt und ihn gefragt, was er da mache. Ob er nicht wisse, was für Menschen das seien.

Daraufhin hat er mir gedroht, dass er mich verhaften würde, wenn ich ihn nicht losließe. Ich habe erwidert, dass er das ruhig machen könne. Schließlich hätte ich Schlimmeres erlebt. Ich war in Auschwitz. Der Polizist ist ausgewichen und meinte, es habe in Russland auch Konzentrationslager gegeben. Anschließend kam auch einer von den Nazis zu uns und meinte zum Polizisten, er müsse mich verhaften, es seien nämlich nur Verbrecher*innen nach Auschwitz gekommen. Da wurde mir bewusst, dass ich anfangen muss, meine Geschichte zu erzählen.

Es gibt nur noch wenige Zeitzeug*innen. Die meisten sind schon tot.

Wie finden Sie immer wieder die Kraft, über das Grauen, das sie erlebt haben, zu sprechen und zu schreiben?

Ich muss das machen, weil ich eingesehen habe, wie wichtig es ist. Es gibt nur noch wenige Zeitzeug*innen. Die meisten sind schon tot. Ich habe das Glück, dass ich noch lebe und die Möglichkeit habe, aus meinem Buch zu lesen. Ich kann immer noch auf der Bühne stehen und singen. Ich war früher Koloratursopranistin, habe dahingehend in Israel eine richtige musikalische Ausbildung gemacht und aus vielen Opern Arien gesungen. Das geht zwar heute nicht mehr, aber ich kann noch singen und meine Botschaft an die Leute bringen. Meine Lieder sind wichtig zur Aufklärung.

Woher kommt Ihre Liebe zur Musik?

Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Mein Vater war Kantor in verschiedenen jüdischen Gemeinden und hat wunderbar Klavier gespielt. Er wollte, dass wir Kinder auch alle ein Instrument spielen, deshalb habe ich mit dem Klavierspielen begonnen. Wir hatten immer ein offenes Haus und viele Leute, die zu uns gekommen sind, mit denen wir gemeinsam Musik gespielt haben. Das ist mir von klein auf mitgegeben worden.

Seit einigen Jahren arbeiten sie auch mit der Rap-Gruppe Microphone Mafia zusammen. Wie kam das zustande?

Kutlu Yurtseven von Microphone Mafia hat sich über meinen Sohn bei mir gemeldet und gefragt, ob ich an einem Projekt teilhaben möchte. Er ist dann bei uns zu Hause vorbeigekommen und wir haben gemerkt, dass wir viele Sachen gemeinsam haben. Was mich am meisten gefreut hat, war, dass in dieser Gruppe drei Religionen und drei verschiedene Altersgruppen vertreten sind. Es gibt einen Türken und einen Italiener. Der Türke ist Moslem, der Italiener ist Katholik und wir sind Juden. Wir zeigen den Menschen, dass man mit allen Menschen zusammenleben und sich gut verstehen kann. Man muss es nur wollen.

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