Deshalb verzichten diese Frauen auf die Chance, 25.000 Euro Preisgeld gewinnen zu können

Weil der Veranstalter eines Wettbewerbs für junge Designer*innen sich öffentlich rassistisch und sexistisch äußert, traten Hagar Rieger und Lisa Mann von ihrer Nominierung zurück – obwohl der erste Preis mit 25.000 Euro Preisgeld dotiert ist.

Die Universität der Künste Berlin unterstützt die zwei Studentinnen Lisa Mann und Hagar Rieger in ihrer Entscheidung.

Die Universität der Künste Berlin unterstützt die zwei Studentinnen Lisa Mann (links) und Hagar Rieger (rechts) in ihrer Entscheidung. © privat

Hagar Rieger und Lisa Mann, die an der Universität der Künste in Berlin einen Master in Modedesign absolviert haben, hatten es beide unabhängig voneinander in die letzte Runde des Euro Fashion Awards geschafft. Der Wettbewerb gehört zu den höchst dotiertesten Preisen für Nachwuchsdesigner*innen in Deutschland. Damit hatten Hagar und Lisa neben neun weiteren Kandidat*innen die Chance 25.000 Euro Preisgeld für ihre Entwürfe zu gewinnen. Als Hagar und Lisa feststellten, von wem der Preis vergeben wird, traten sie dennoch von ihrer jeweiligen Nominierung zurück. Winfried Stöcker, der Besitzer des Kaufhauses Görlitz, das den Euro Fashion Award verleiht und finanziert, hat sich wiederholt auf verschiedenen Plattformen rassistisch und sexistisch geäußert.

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„Nachdem ich von Stöckers Haltungen erfahren habe, war für mich klar, dass ich von dem Wettbewerb zurücktreten muss“, sagt Lisa in einem Gespräch mit ze.tt. Sie hatte zum Bewerbungszeitpunkt viel mit der Vorbereitung ihrer Abschlussarbeit zu tun und habe sich deshalb im Vorfeld nicht ausführlich genug darüber informieren können, wer eigentlich hinter dem Preis stehe. „Ich kann jedem nur empfehlen zu recherchieren, wer einen Preis vergibt, um solche Überraschungen zu vermeiden“, sagt die Berliner Designerin.

Stöcker äußert sich abfällig über Geflüchtete und Frauen

Im Dezember 2014 äußerte Stöcker sich über „reisefreudige Afrikaner“ – tatsächlich meinte er Geflüchtete vom afrikanischen Kontinent. Gegenüber der Sächsischen Zeitung sagte er: „Die reisefreudigen Afrikaner sollen sich dafür einsetzen, dass der Lebensstandard in ihrem Afrika gehoben wird, anstelle bei uns betteln zu gehen.“ Die Sächsische Zeitung berichtet außerdem, dass der Unternehmer ein Benefizkonzert zugunsten Geflüchteter in seinem Kaufhaus verbot, da er den „Missbrauch des Asylrechts nicht unterstützen“ wolle.

Auf seinem eigenen Blog schreibt Winfried Stöcker im Dezember 2017 außerdem zur #MeToo-Debatte: „Die Mädchen könnten zurückhaltender gekleidet und weniger provozierend zum Casting gehen, dass die armen Regisseure auf dem Pfad der Tugend bleiben.“ In dem Blogeintrag sucht Stöcker die Schuld von sexuellen Übergriffen nicht nur bei den Betroffenen selbst, er geht noch einen Schritt weiter: „Und jetzt ein Aufruf an Euch Kollegen, die noch auf der Suche sind: Wir haben so viele nette Jungs und Mädchen in der Firma, geht ran, egal ob Ihr Vorgesetzte seid oder nicht, es kommt nur darauf an, dass Ihr das Mädchen oder den Jungen liebt. Und zeugt viele Kinder, dass wir dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen können.“

Der Unternehmer, der einst aus der DDR nach Westdeutschland floh, beteuert immer wieder, dass er kein Rassist und nicht frauenfeindlich sei, um dann erneut mit eben solchen Bemerkungen aufzufallen.

Das hohe Preisgeld hält viele davon ab, ebenfalls zurückzutreten

Ein Professor ihres Masterstudiengangs hatte die beiden Studentinnen auf die rassistischen und sexistischen Äußerungen des Preisgebers hingewiesen und sie auf einen Bericht des Tagesspiegels über Stöcker aufmerksam gemacht. „Ich bin über die Unterstützung der Universität der Künste sehr dankbar“, sagt Lisa. Sie erzählt, dass sie zurzeit aber vor allem im Zuspruch ihres Freundes- und Bekanntenkreis viel Rückhalt erfahre. Das Kaufhaus Görlitz hat sich bisher weder gegenüber Lisa noch gegenüber Hagar zu deren Rücktritt geäußert.

25.000 Euro sind viel Geld. Vor allem in einer Branche wie der Modeindustrie, wo die Stellen für Designer*innen sehr begrenzt sind und man viel Startkapital benötigt, um sich mit einem eigenen Label selbständig zu machen.

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Als Lisa und Hagar auch die anderen neun Teilnehmer*innen kontaktierten, bekamen sie mehrmals zu hören, dass das Preisgeld zu hoch und zu wichtig für die berufliche Zukunft sei, um aufgrund von Stöckers Aussagen von der Nominierung zurückzutreten.

Die in Äthiopien geborene und in Deutschland aufgewachsene Hagar sagt über sich selbst: „Ich komme aus einer total deutschen Familie. Ich befinde mich gerade zum allerersten Mal in einer Situation, in der ich merke, dass ich vielleicht doch anders von Stöckers Aussagen betroffen bin als andere.“

Hagar und Lisa bedauern, dass sie sich zum Rücktritt gezwungen sahen

„Hätte ich den Preis tatsächlich gewonnen, hätte ich mit dem Geld meinen Studienkredit abbezahlen können“, sagt Lisa. Hagar, die eine Tochter hat, hätte das Geld genutzt, um sich das erste Jahr ihrer Selbständigkeit zu finanzieren: „Das hätte mich extrem entlastet.“ In dem Gespräch mit ze.tt betonen die beiden Designerinnen immer wieder, wie schwer es in der deutschen Modebranche ist, einen so gut organisierten und so hoch dotierten Wettbewerb wie den Euro Fashion Award zu finden. Die Zusammenarbeit mit den Ansprechpartner*innen sei reibungslos verlaufen. Sie bedauern, dass sie sich aufgrund von Stöckers Äußerungen dennoch dazu gezwungen sahen, von der Nominierung zurückzutreten. Eine andere Möglichkeit hätten beide nicht gesehen. An ihrer Entscheidung zweifeln sie nicht, sagen Hagar und Lisa.

Transparenzhinweis: Auf Wunsch einer Protagonistin musste ein Zitat nachträglich entfernt werden.