#europa22: Warum es problematisch ist, dass alle plötzlich einen EU-Pass posten

In den sozialen Netzwerken posten viele gerade Fake-EU-Pässe mit dem Hashtag #europa22. Wir erklären, was es damit auf sich hat und warum das durchaus streitbar ist. 

In den Sozialen Netzwerken posten viele zur Zeit Fake-EU-Pässe mit dem #europa22. Wir erklären, was es damit auf sich hat und warum das durchaus streitbar ist. Ein Kommentar

Ein EU-Pass – und alles ist gut? Screenshots: Twitter / Collage: ze.tt

Nein, es gibt nicht etwa einen neuen, gesamteuropäischen Pass: Auf Instagram, Twitter und Facebook teilen im Moment viele User*innen Fotos von einem Ausweis, der mit „EU Passport“ überschrieben ist. Nebst Passfoto, Geburtsjahr und Vor- und Nachname steht auf den Pässen „Staatsangehörigkeit: European“, die Gültigkeit des Ausweises wird mit einem Unendlichkeitszeichen vervollständigt. Doch was hat es mit diesen europäischen Pässen auf sich?

Schaut man sich die Pässe genauer an, wird schnell klar, wer hinter der Aktion steht: Die Webadresse www.bilderbucheuropa.love verweist auf die Wiener Indie-Pop-Band Bilderbuch, die es mit diesen Pässen geschafft hat, eine große, kostenlose Promo-Lawine für ihr neues Album Vernissage My Heart und den neuen Song Europa 22 loszutreten. Auf der Webseite der österreichischen Band können User*innen sich in wenigen Schritten einen Ausweis erstellen und diesen anschließend posten. Die Band schreibt dazu: „Ein Leben ohne Grenzen. Ein Freedom zu verschenken. Eine Freiheit, nicht zu denken.“

Es gibt auch kritische Stimmen

Nachdem prominente Persönlichkeiten wie etwa der Satiriker Jan Böhmermann, der Rapper Dendemann oder Autorin Sophie Passmann ihre EU-Pässe mit #europa22 posteten, folgten viele ihrem Beispiel. Doch es gibt auch kritische Stimmen, welche die PR-Aktion hinterfragen. So schreibt der User @DerJaZ auf Twitter: „Ich will kein #europa22 -Bürger sein, ich will Weltbürger sein. Jeder, der denkt, Nationalismus lasse sich mit Europa bekämpfen, vergisst die anderen Kontinente. Ich will nicht hinter einem von Lobbyismus geprägten Konstrukt stehen, das seine Außengrenzen mit Gewalt verteidigt.“

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#europa22

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Auch der User @MalcolmMusic pflichtet ihm bei und schreibt: „Man kann auch zur Wahl motivieren, ohne Euro-Stolz zu evozieren, ist eine zu schwierige Geschichte, als dass ich das feiern könnte #europa22.“

Denke ich an Europa, kommen mir nicht nur die guten Dinge in den Sinn: Eine lange Geschichte von Kolonialismus, von Imperialismus, von Kriegen und menschlichem Leid – ist das Schnee von gestern? Posten wir jetzt alle einfach lustig-bunte EU-Pässe mit kleinem glitzernden Hanf-Blatt drauf?

Ein bisschen zu einfach

Nein, so funktioniert das nicht. Grundsätzlich ist der Gedanke, gemeinsam an etwas zu arbeiten, gemeinsam etwas zu erreichen, gemeinsam für eine bessere Zukunft zu arbeiten, ein guter Gedanke. Doch schauen wir uns doch die Gegenwart an: Es gibt die tödlichen Grenzen der Festung Europa. Menschen ertrinken im Mittelmeer. Osteuropa, wo zum Beispiel in der Ukraine noch immer Krieg herrscht, wird vernachlässigt. Und was ist mit all den europäischen Ländern, die gar nicht zur EU gehören: zum Beispiel Albanien, Mazedonien oder Serbien? Viel zu oft wird Europa mit EU-Mitgliedschaft gleichgesetzt.

In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard erklärt Maurice Ernst, Sänger der Band Bilderbuch, dass es bei #europa22 gar nicht darum gehe, die europäische Idee in einem Song zu beschreiben. „Freiheit und Hoffnung, darum geht es“, erklärt er. Aber Freiheit für wen? Die Vorzüge des Europäisch-Seins, die beschworenen Privilegien sind bestimmten Menschen vorbehalten. Europa bedeutet leider nicht: Hurra, es gibt keine Grenzen mehr. Sondern Europa bedeutet auch, dass einige Menschen profitieren und viele andere ausgeschlossen werden – ganz egal, wie lange sie schon in einem EU-Land leben. Fehlt der richtige Pass, bist du eben auch kein*e Europäer*in.

Die Rechnung ist simpel: Die EU ist abhängig von Nationalität. Der Stolz auf einen europäischen Pass ist im Grunde genommen auch nur eine gewisse Form von Nationalstolz eines privilegierten Kreises, der sich pluralistisch und weltoffen gibt. Dieser Kreis kann das Versprechen von einem grenzenlosen Europa nicht einhalten.