Evan, 18 – „Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht available bin“

Der 18 Jahre alte Evan ist in Indien geboren und in Berlin aufgewachsen. Er fühlte sich in der Schule oft unter Druck gesetzt und denkt zu viel darüber nach, was andere von ihm halten.

In der Serie Youthhood porträtieren wir junge Menschen zwischen 17 und 20 Jahren. Sie erzählen bei ze.tt, wovor sie Angst haben, wie ihr erster Kuss war, wie sie arbeiten wollen und was für sie Familie bedeutet. Sie alle sind als Digital Natives groß geworden und leben in urbanen Räumen, in denen die Mietpreise stetig steigen. Wir wollen wissen, wie es ihnen geht.

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Foto: Ralf Obergfell

Steckbrief

Name: Evan Sri
Alter: 18
Schule: Berlin Bilingual School
Geburtsort: Neu Delhi
Wohnort: Berlin
Gender: Männlich

ze.tt: Evan, wie bist du aufgewachsen?

Evan: Ich wurde 2001 in Neu Delhi geboren und habe da bis 2003 gelebt. Dann sind meine Eltern und ich nach Berlin gezogen. 2005 wurde meine kleine Schwester hier geboren. Mein Vater ist Pressefotograf und meine Mutter hat für eine sehr lange Zeit auf mich und meine Schwester aufgepasst. 2007 wurde ich in die Berlin Kids International School, eine Privatschule, eingeschult. Die Schule war zunächst nur eine Grundschule und wurde später zum Gymnasium ausgebaut. Ich war Teil der ersten Klasse und konnte sehen, wie die Schule sich von Anfang an entwickelt. Ich bin sozusagen mit der Schule mitgewachsen, es war ein tolles Erlebnis, Teil dieser Entwicklung gewesen zu sein.

In welchen Momenten legst du dein Handy beiseite?

Ich habe mein Handy fast immer bei mir. Es gibt Momente, in denen ich mein Handy für eine Weile ausmachen will, aber den Eindruck bekomme, dass ich immer available sein muss, also bleibt es an. Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht available bin. Zum Beispiel: Was wird passieren, wenn jemand aus der Familie oder meinem Freundeskreis dringend Hilfe braucht und ich nicht helfen kann, weil mein Handy aus war? Das ist natürlich eine Übertreibung, aber so denke ich manchmal.

Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht ‚available‘ bin.

Evan Sri, 18

Oder wenn meine Freunde oder Familie dringend mit mir reden müssen, oder wenn ich mich mit Freunden treffen will, für all das muss mein Handy an sein. Während meines Abiturs beim Lernen, um mich nicht ablenken zu lassen, hatte ich mein Handy allerdings aus. Oder auch jetzt, wenn ich Bewerbungen für Unis schreibe, habe ich mein Handy aus. Wenn ich ein Buch lese oder mich mit Freunden treffe, lege ich mein Handy auch schon mal beiseite. Generell lenkt mich mein Handy schon ab.

Wie siehst du die Welt 2050?

Viele Probleme werden in der Zukunft durch die Entwicklung von neuen Technologien gelöst werden. Durch medizinischen Fortschritt werden wir wahrscheinlich viele Krankheiten heilen können, die heute unheilbar sind. Dadurch wird die Lebenserwartung höher und höher werden. Also wenn es um Gesundheit geht, wird sich unsere Situation in Zukunft deutlich verbessern. 

Wir werden aber auch Probleme haben, die direkte Folgen dieses Fortschritts sind. Zum Beispiel, wie wir mit persönlichen Daten, Social Media und künstlicher Intelligenz umgehen. Wie Daten genutzt werden, um Wahlergebnisse zu verändern oder Wähler zu manipulieren. Das hat große Auswirkungen auf die Demokratie, Politik und Konsum.

Ab wann sind Menschen für dich alt?

Physisch gesehen sind Menschen für mich alt, wenn sie in ihren 60ern sind, aufgrund der grauen Haare und Falten. Es gibt eine gewisse Langsamkeit und Vergesslichkeit, die ich mit „alt“ assoziiere. Ich finde aber, es kommt auf das emotionale Alter der Person an, ihre Persönlichkeit und die Beziehung, die man selbst zu der Person hat, ob man diese wirklich als alt wahrnimmt. Bestimmte Eigenschaften bezeichne ich als jung, zum Beispiel: Neugierde, Leidenschaft und Aktivität. Wenn ich solche Eigenschaften in anderen erkenne, dann fällt es mir schwerer, die als alt zu bezeichnen. 

Wovor hast du Angst?

Ich denke manchmal zu viel darüber nach, was andere Menschen von mir halten. Ich möchte, dass andere einen guten Eindruck von mir haben. Ich fühle mich schon seit meiner Kindergartenzeit so. Vielleicht liegt das daran, weil ich schüchtern bin. Besonders gegenüber Menschen, denen ich neu begegne, bin ich zurückhaltend. Ich öffne mich erst, wenn ich Vertrauen verspüre. Dann bin ich selbstbewusster und weniger schüchtern.

Ich denke manchmal zu viel darüber nach, was andere Menschen von mir halten.

Evan Sri, 18

Was gibt dir Hoffnung?

Die Idee, dass man sich persönlich immer weiter entwickeln kann. Jeder entwickelt sich charakterlich, das gibt mir Hoffnung.

Wie gehst du mit Einsamkeit um?

Es ist okay, sich manchmal einsam zu fühlen. Ich denke, Einsamkeit ist ein Gefühl, das jeder fühlen kann, selbst wenn man viele Freunde hat. Ich war noch nie in einer Situation, in der ich mich komplett alleine gefühlt habe. Ich verbinde Einsamkeit auch nicht unbedingt mit alleine sein. Ich kann zum Beispiel alleine sein, mich aber nicht alleine fühlen. Ich kann aber auch mit anderen Menschen sein und mich einsam fühlen. Zum Beispiel, wenn ich auf einer Party ohne meine Freunde bin und es keinen Spaß macht, dort zu sein, dann gehe ich.

Es ist okay, sich manchmal einsam zu fühlen.

Evan Sri, 18

Wie möchtest du arbeiten? 

Mir gefällt es, mit anderen zusammen zu arbeiten, weil sich die Leute im Team aufeinander verlassen und untereinander koordinieren können. Natürlich hängt es auch davon ab, mit welchen Personen ich zusammenarbeite: Manchmal sind Gruppenmitglieder sehr aktiv und engagiert, dann macht es Spaß. Aber wenn die Gruppe leise und unkommunikativ ist, dann wird es ein bisschen anstrengend.

Homeoffice klingt als Arbeitsplatz attraktiv, aber ich finde, dass man zwischen Arbeit und Freizeit Grenzen ziehen sollte, also wäre das wahrscheinlich nichts für mich. Ich will wissen, was meine konkreten Arbeitszeiten und meine konkreten Freizeiten sind. Wenn die beiden zu vermischt sind, dann wird es richtig stressig und das will ich vermeiden. Ich befürworte das bedingungslose Grundeinkommen, weil es Leuten mehr Möglichkeiten gibt, ihre Lebenskosten zu sichern.

Was setzt dich unter Druck?

Die Erwartungen meiner Familie, aber auch meine eigenen. Ich glaube, dass ich mich schon seit längerer Zeit sehr viel unter Druck gesetzt habe, um gute Noten in der Schule zu bekommen, weil ich früher dachte, dass meine Eltern das wollten. Als sie damit größtenteils aufhörten, war ich es von mir immer noch gewohnt, mich selbst unter Druck zu setzen, um gute Zensuren zu bekommen, also wurde das für mich zu einer Priorität. 

Wie war dein erster Kuss?

Diese Frage ist mir zu persönlich und ich würde sie lieber nicht beantworten.

Was bedeutet für dich Familie?

Familie sind für mich Menschen, die füreinander sorgen. Also meine Eltern, meine Schwester und meine besten Freunde würde ich als Familie bezeichnen. Es gibt Verwandte, denen ich nicht unbedingt sehr nah bin. Ein Großteil meiner Familie lebt in Frankreich, Amerika und Indonesien. Meine Verwandten aus Amerika habe ich zum Beispiel noch nie getroffen, also stehe ich denen nicht nahe. Meine Verwandten aus Indonesien hingegen habe ich schon getroffen, diesen stehe ich näher. 

Homeoffice klingt als Arbeitsplatz attraktiv.

Evan Sri, 18

In welchen Momenten fühlst du dich nicht ernst genommen?

Wenn ich mir Sorgen über bestimmte Dinge mache, zum Beispiel mein Aussehen. Meine Familie sagt dann, dass ich damit aufhören soll, und in solchen Momenten fühle ich mich nicht so ernst genommen, aber ich weiß, dass sie recht haben, also ist es keine große Sache.

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig glücklich gefühlt?

Als ich endlich mit der Schule fertig wurde, weil die letzten zwei Jahre super stressig waren, aber jetzt ist das alles vorbei. Ich verspürte eine Befreiung und Erleichterung, dass ich nach 13 Jahren nicht mehr zur Schule gehen muss. Ich habe Schule zwar nicht gehasst, aber man will das nicht jeden Tag machen. Mittlerweile bewerbe ich mich auf einen Studienplatz in den Niederlanden und Schottland, weil ich in Englisch studieren möchte.


Teil 1: Sebastian, 19 – „Manchmal fühle ich mich einsam, wenn ich auf einer Party bin“
Teil 2: Feline, 17 – „Über meinen ersten Kuss habe ich mir viel zu viele Gedanken gemacht“
Teil 4: Pauline, 17 – „Alle zwei Tage höre ich dumme Kommentare von Männern“
Teil 5: Felix, 20 – „Ich bin mal im Kleid zu einer Familienfeier gegangen und war barfuß in der Schule“
Teil 6: Nesrien, 19 – „Mein größter Traum ist es, eine eigene Strandbar im Süden zu eröffnen“
Teil 7: Mattis, 17 – „Ich wollte nie ein Scheidungskind sein“
Teil 8: Lilli, 19 – „Ich finde es schlimm, dass in Berlin so viel Kiez zerstört wird“