eva.stories zeigt, wie der Holocaust auf Instagram ausgesehen hätte

Dieser Instagram-Account zeigt, wie es gewesen wäre, wenn ein junges jüdisches Mädchen während des Holocausts gepostet hätte.

Eva filmt auf Instagram, wie sie den Holocaust erlebt. Screenshot: eva.stories / Instagram

Am 17. April 2019 veröffentlichte der Instagram-Account eva.stories ein mehrteiliges, großes Bild: Darauf zu sehen ist eine Hand, vor Stacheldraht, die ein Smartphone in der Hand hält. Auf dem Display ist neben hebräischen Schriftzeichen ein Datum zu lesen: Der 1. Mai 2019, also der Holocaust-Gedenktag. Am 30. April folgt dann ein kurzes Teaser-Video, betitelt mit der Frage: „What If A Girl In The Holocaust Had Instagram?“, auf Deutsch also „Was wäre, wenn ein Mädchen während des Holocausts Instagram gehabt hätte?“

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Eva.Stories Official Trailer

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In dem knapp einminütigen Teaser stellt Eva sich ihren Follower*innen vor: „Hi, ich bin Eva. Willkommen auf meiner Seite. Folgt mir: Das ist mein Account, auf dem ich beiläufige Gedanken, Verliebtsein, meine BFFs teile“, erklärt sie. Es folgt ein kurzer Trailer, darin sind Menschen mit gelben Sternen auf ihrer Kleidung, Panzer, Männer in SS-Uniformen, rote Banner mit Hakenkreuz zu sehen. Denn der Account eva.stories erzählt die wahre Geschichte der jungen Jüdin Éva Heyman, die 1931 in Ungarn geboren, von den Nazis in das Konzentrationslager Ausschwitz deportiert und 1944 ebendort ermordet wurde. Ihre Geschichte schrieb Éva selbst in einem Tagebuch nieder. Ihre Mutter fand dieses später im ehemaligen Wohnhaus, aus dem die Familie vertrieben wurde. In Deutschland wurde es unter dem Titel Das rote Fahrrad veröffentlicht.

Auf Instagram an den Holocaust erinnern

Der Instagram-Account eva.stories bringt nun Evas Geschichte in Form von Instagram-Stories in die sozialen Medien und thematisiert somit den Holocaust, die grauenhaften Verbrechen der Nationalsozialist*innen und die Verfolgung von Jüd*innen im Dritten Reich, und bereitet diese ernsten Themen für eine junge Zielgruppe auf. Hinter dem Account stecken der Tech-Unternehmer Mati Kochavi und seine Tochter Maya Kochavi, die unter anderem als Beraterin im Bereich Social Media arbeitet.

Das Social-Media-Projekt sorgte schon vor der ersten Story-Veröffentlichung für Kontroversen: Dabei kam die Frage auf, ob Instagram – also eine Plattform, auf der es hauptsächlich um Likes, Follower*innen und das eigene Image geht – wirklich der richtige Ort für ein ernstes Thema wie den Holocaust sei. Die Zeitung Jüdische Allgemeine zitiert Hadas Suzan, eine Passantin in Israel, die ihre ersten Gedanken beschreibt, als sie Werbeplakate für das Projekt sah: „Ich musste zweimal lesen, um es zu verstehen. Den Schrecken und diese Erlebnisse so oberflächlich darzustellen, passt einfach nicht. Auch das schöne Wort ‚Zugänglichkeit‘ gibt nicht das Recht, die schweren Erinnerungen und Tränen eines Mädchens im Holocaust in einer Story zu verpacken. Es gibt Dinge, die authentisch und schockierend bleiben sollten, wie sie waren. Ohne Hashtag, Gif und Location.“

Eine junge Generation erreichen

Mit diesen Kontroversen haben sich auch die Macher*innen vorab beschäftigt. In einem Interview mit der israelischen Tageszeitung Haaretz erklärt Maya Kochavi: „Instagram ist gar nicht so oberflächlich, wie viele Leute denken … Instagram ist im Wesentlichen eine neue Art des Tagebuchs“. Diese Plattform zu nutzen, um einer jungen Generation ein historisches Ereignis mit Ernsthaftigkeit näherzubringen, sei sehr kraftvoll, führt Maya weiter aus. Ihr Vater Mato zeigt sich sogar überrascht und pflichtet seiner Tochter bei: „Menschen reagieren irritiert, weil eine ganze Menge Schwachsinn auf Instagram gepostet wird. Aber ich erzähle euch ein Geheimnis: Es gibt auch eine ganze Menge Schwachsinn im Fernsehen und in Filmen. Bedeutet das, es gibt keine Filme oder Serien, die euch bewegen? Ich bin von dem Konservativismus und dem fehlenden Verständnis überrascht“, erklärt er.

Daher entschieden sich die beiden, das Projekt anzugehen und umzusetzen. Sie studierten Évas Tagebuch, zogen auch einen wissenschaftlichen Berater heran. Mato Kochavi steckt sein eigenes Geld in die Produktion und die Werbekampagnen. „Wenn ich so Millionen junge Menschen weltweit dazu bringen kann, diese Story zu schauen, sodass sie wissen, dass es den Holocaust gab, und daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen, dann ist es das beste Investment, das ich in meinem Leben machen konnte“, erklärt er.

Viele schauen Evas Geschichte

Tatsächlich erreicht Evas Geschichte viele Menschen: Am Tag der Veröffentlichung stieg die Zahl der Follower*innen rasant an – mittlerweile verfolgen über 731.000 Personen (Stand: 02.Mai 2019, 09:45 Uhr) Evas Schicksal. Die Story-Beiträge werden in englischer Sprache mit hebräischen Untertiteln veröffentlicht und sind zudem auch in den Highlights abrufbar.

Auf Twitter tauschen sich Nutzer*innen unter #evastories über das Filmprojekt aus und diskutieren darüber. „Großartiges Projekt“, „ein ganz neues Genre“ oder „unglaublich kreativ und bewegend“, heißt es dort. Doch auch Fragen wie „Trivialisierung oder neuer Weg?“, werden gestellt. Ein Twitter-Nutzer schreibt: „Was mir übrigens fehlt, ist eine Reflexion darüber, für wen Eva die Stories macht. Sie bekundet zwar irgendwann ihren Willen, alles dokumentieren zu wollen, aber für wen bleibt unklar. Wer sollen denn ihre Follower sein?“ Scheinbar geht das Vorhaben der Macher*innen des Projekts auf: Evas Geschichte auf Instagram sorgt derzeit für viele Diskussionen und erzeugt eine Aufmerksamkeit für den Holocaust, also für etwas, das niemals vergessen werden darf.