„Fahrt doch mal nach Brandenburg“: Wie Laura Menschen für ihre Heimat begeistern will

Laura Schneider ist in der Kleinstadt Treuenbrietzen in Brandenburg aufgewachsen. Ein Jahr lebte sie in Berlin, dann beschloss sie: Ich gehe zurück in die Heimat – und zeige anderen, wie schön es hier ist.

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Mag Treuenbrietzen lieber als Berlin: Laura Schneider. Foto: Martin Brachmüller

Beschaulich ist die Kleinstadt, in der Laura Schneider aufgewachsen ist: 7.000 Menschen wohnen in Treuenbrietzen, das auf halbem Wege zwischen Wittenberg und Potsdam liegt. Drumherum gibt es viel Natur und kleine Dörfer. Berlin ist nur etwa eine Stunde mit dem Auto entfernt, und doch eine ganz andere Welt. Laura weiß das. Sie hat ein Jahr in der Hauptstadt gelebt. Danach war ihr klar: Es soll zurückgehen in die Heimat nach Brandenburg.

„Als ich aufgewachsen bin, war das hier eine typische Nachwendestadt“, erinnert sich die heute 26-Jährige. „Es gab viel Leerstand, die Häuser waren heruntergekommen, die Arbeitslosigkeit hoch und die jungen Leute sind weggezogen.“ In den letzten zehn, zwölf Jahren habe sich das geändert, sagt Laura. Was wohl auch mit den explodierenden Mieten in Berlin zu tun haben dürfte. „Viele, die zum Studium weggezogen sind, kommen danach wieder. Und es sind auch viele Berliner*innen hierher gezogen, die diesen Vorzug des Landkreises erkennen.“ Das habe Potsdam-Mittelmark, den Landkreis, in dem Treuenbrietzen liegt, verändert: Die Arbeitslosigkeit sei zurückgegangen, Häuser seien saniert worden und mehr Geld sei investiert worden. Die Region entwickle sich positiv.

Ein Blog für Brandenburg

Laura selbst ist eine von denen, die weggezogen sind und wiederkamen. Sie wohnt gerne in Treuenbrietzen. Das wurde ihr klar, als sie zwischen 2013 und 2014 ein Jahr in Berlin verbrachte. „Dazu sollte man erwähnen, dass ich ausgerechnet im Winter nach Berlin kam“, sagt sie. „Alles war grau, kalt und dunkel. Von meiner Wohnung benötigte ich eine Stunde zur TU, wo ich Sustainable Management studierte, in etwa so lang wie aus Treuenbrietzen.“ Die Entscheidung, zurückzuziehen, war schnell gefällt. Inzwischen lebt sie mit ihrem Partner auf mehr als 100 Quadratmetern mit Garten. Ein Luxus, den sie sich in Berlin nicht erlauben könnte.

In ihrer Berliner Zeit kam ihr auch die Idee, ihren Blog Herz an Hirn zu gründen. „Ich habe mir vorgenommen, Brandenburg mehr zu erkunden. Man muss nicht immer so weit fahren.“ Natürlich macht sie das auch, schließlich ist Herz an Hirn ein Reiseblog. Aber der Fokus liegt auf Brandenburg.

Dort zeigt sie zum Beispiel Lost Places: Wünsdorf-Waldstadt oder Verbotene Stadt genannt, einst ein sowjetisches Militärgelände, heute verlassen und mit einer Tour besuchbar. Ein anderer Beitrag beschreibt, mit welchen kreativen Ideen Brandenburger*innen stillgelegte Bahnhöfe neu interpretieren: Cafés, Ateliers oder Schlafwagen-Hotels in ehemaligen Waggons der Transsibirischen Eisenbahn. Oder Laura führt ihre Leser*innen in das Museumsdorf Baruther Glashütte, ein Industriedenkmal, das sich sehr nach Bullerbü anfühlt. Laura bekam von Beginn an viel positive Resonanz. „Vor allem von Leuten, die in der Region leben. Viele sagten: ‚Mir war gar nicht bewusst, wie schön es hier ist‘. Die Menschen haben das negative Brandenburg-Image oft verinnerlicht.“

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„Mir war gar nicht bewusst, wie schön es hier ist.“ Foto: Martin Brachmüller

Keine Berufsfeuerwehr, kein Handynetz

Image hin oder her, einiges läuft in der Tat schief in Brandenburg. Noch aus Wendezeiten seien viele Kleinstädte extrem verschuldet, sagt Laura. So auch ihre Heimatstadt. Um die drohende Haushaltssperre abzuwenden, während der nur gesetzlich vorgeschriebene Ausgaben getätigt werden dürfen, sollte Stadtwald verkauft werden. Das hätte ungefähr 20 Millionen Euro eingebracht. Doch dann wurden bei einem riesigen Waldbrand im August 150 Hektar des Stadtwalds von Treuenbrietzen vernichtet.

Dabei zeigte sich ein weiteres Problem: Es gibt keine Berufsfeuerwehr vor Ort. Die nächste ist rund 30 Kilometer entfernt und wird nicht sofort alarmiert. Zunächst ist die Freiwillige Feuerwehr vor Ort verantwortlich. „Die hat häufig eine schlechte Ausstattung. Die Freiwilligen müssen sich ihre Schutzkleidung teilweise selbst besorgen.“

Obendrein wurde die fehlende Abdeckung von mobilem Internet- und Telefonnetz zum Problem. „Bei jenem Waldbrand stellte die Telekom portable Masten auf, damit sich die Helfer*innen über Funk verständigen konnten.“ Was aber zuverlässiger funktionierte, war eine Methode, die mittelalterlich anmutet: „Funkmelder*innen überbrachten mit Offroad-Motorrädern Botschaften“, erzählt Laura. „Bei starkem Wind hatte der Waldbrand bis zu 80 Stundenkilometer. Es kann sehr, sehr gefährlich werden, wenn man nicht rechtzeitig Bescheid geben kann.“

Geflüchtete sind gut integriert

Was Laura und ihre Nachbar*innen ärgert, sei die westdeutsche Arroganz, der sie oft begegnen, ob an der Uni, im Netz oder auf Reisen. „Oft hört man Sprüche wie: In Brandenburg steht an jeder Laterne ein Nazi. Natürlich finde ich die Entwicklung Richtung rechts sehr bedenklich. Wie Leute sich für rechtes Gedankengut begeistern können und ohne Probleme so eine Scheiße äußern. Aber man kann nicht komplette Regionen über einen Kamm scheren.“ Ihre Heimat sieht sie als weltoffen. „Im Vergleich zum restlichen Deutschland gibt es hier nicht mehr Nazis.“

Das Miteinander funktioniere sehr gut, betont Laura. Es wohnen mehrere geflüchtete Familien in der Stadt. Die Treuenbrietzer*innen hätten nie Bedenken. Im Gegenteil: „Die Geflüchteten sind gut integriert, weil sie in normalen Wohnungen und nicht in Heimen leben.“ Dadurch, dass sie in direkter Nachbarschaft sind, entstehe viel mehr Kontakt.

Man dürfe dabei allerdings nicht vergessen, dass Potsdam-Mittelmark eine Vorzeigeregion für Brandenburg sei, so Laura. In anderen Ecken des Bundeslandes sei die Situation anders. „Da sieht es noch aus wie vor 20 Jahren, soziale Einrichtungen schließen, es gibt kaum junge Leute und große Verzweiflung.“ Seit der Wende regiert die SPD durchgehend, aktuell in einer Koalition mit der Linkspartei. „Viele Brandenburger*innen haben das Gefühl, dass nichts getan wurde. Der Schritt, etwas anderes zu wählen, liegt da leider relativ nah.“

Wunsch für die Zukunft: mehr Infrastruktur

Was wünscht sich Laura Schneider für die Zukunft? Einerseits eine bessere Infrastruktur. In Treuenbrietzen gibt es zwar ein Krankenhaus, aber Fachärzt*innen fehlen. Die haben ihre Praxen meist in Potsdam. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln muss man auf dem Weg dorthin mehrfach umsteigen und mitunter zwei Stunden auf den nächsten Anschluss warten. Gerade für ältere Menschen ist das eine riesige Herausforderung.

Von der gesamtdeutschen Gesellschaft wünscht sich Laura, dass es mehr Gespräche gibt, dass Menschen dem Osten gegenüber aufgeschlossen sind und ihn besuchen. Gerade deshalb versucht sie, auf ihrem Blog die schönen Seiten von Brandenburg in den Vordergrund zu stellen.

Das soll nicht bedeuten, die Augen vor den Problemen zu verschließen. Auch Laura machen die kommenden Landtagswahlen am 1. September Sorgen. Sie fürchtet, dass die AfD relativ viele Wähler*innenstimmen bekommen wird. „Dann gibt es enttäuschte Bürger*innen auf allen Seiten“, sagt Laura. Sie glaubt, die AfD werde nicht das halten, was sich viele von ihr versprechen. „Ich befürchte, dass es durch das Erstarken von rechts in Brandenburg noch komplizierter wird, etwas zu bewegen, und dass die Fortschritte, gerade was kulturelle Offenheit und Offenheit anderen Menschen gegenüber angeht, verloren gehen.“

Und nicht zuletzt auch das bekannte Problem: Das negative Image von Brandenburg werde weiter befeuert werden, sagt sie. „Dabei gibt es hier viele Menschen, die tolle Dinge auf die Beine stellen.“ Zum Beispiel Laura Schneider mit ihrem Blog, ihrer Liebeserklärung an ein von vielen unterschätztes Bundesland.


ze.tt erzählt Geschichten über Ostdeutschland – abseits von Stasi und Neonazis. Mehr dazu findest du auf unserer Themenseite.

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