Familienkolumne: Mutter, Mutter, Kind funktioniert!

Im letzten Teil unserer Familienkolumne erklärt unsere Autorin, wie es ist, sich ständig erklären zu müssen – und wie gut eine Regenbogenfamilie funktionieren kann.

Regenbogenfamilie: Zwei Mütter und ein Kind.

Mutter, Mutter, Kind ist nur ein Beispiel für eine Regenbogenfamilie. Foto: Sharon McCutcheon / Unsplash | CC0

Am Ostseestrand lachen Lena und ich gerade über das sandpanierte Gesicht unseres Babys, als das alternde Paar im Nachbarstrandkorb Kontakt zu uns aufnimmt. Nach den üblichen Fragen, wie alt das Kleine sei und welches Geschlecht es denn habe, folgt auch schon der Grund des eigentlichen Interesses: „Eure Männer habt ihr wohl zu Hause gelassen?“ Lena und ich brauchen uns in solchen Situationen nicht einmal mehr anschauen, um zu entscheiden, dass wir einfach ausweichend antworten. Keine von uns hat Lust, auf den Präsentierteller zu steigen.

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Aber das Paar lässt nicht locker: „Wer ist denn die Mami von euch beiden?“ Lena deutet in meine Richtung – ich finde das irgendwie schade. „Und ihr seid Schwestern?“ Ach herrje, die wollen es aber auch wissen. Immer wieder diese Schwesternfrage – und das, obwohl wir uns überhaupt nicht ähnlich sehen. Wenn wir mit unseren echten Schwestern unterwegs sind, fragt das nie jemand. Lena seufzt und ich weiß, was jetzt kommt. „Wir sind ein Paar“, sagt sie resignierend.

Aufklärungsarbeit leisten

Wir sind inzwischen geübt darin, schnell einschätzen zu können, wann ein Outing Sinn ergibt und wann es nur der Neugierbefriedigung anderer dient. Als Lena während der Geburt unseres Kindes für alles, nur nicht für meine Frau gehalten wurde („Sind Sie die behandelnde Ärztin?“ – entschuldigt mal, Lena hatte Joggingklamotten an!), war es ein Leichtes, den Sachverhalt kurz zu klären und schon hatten alle wieder Wichtigeres zu tun. Ab und zu ist es sehr einfach, die Wahrheit zu sagen, ohne dass dies einen Rattenschwanz mit sich zieht.

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Neulich, mit Baby bepackt im ICE unterwegs, kam ich mit der Schaffnerin ins Gespräch. Zum Abschied tätschelte sie unser Kind mit den Worten: „Na, geht’s jetzt nach Hause zu Papi?“ Da konnte ich einfach freundlich nicken – und hatte nicht gelogen – wenn zu Hause Berlin meint, wo auch Tim wohnt. Und dann gibt es die Momente, in denen ich es mir nicht nehmen lasse, Aufklärungsarbeit zu leisten. Dazu braucht es natürlich die passende Laune. Als ein Gast meines Cafés erfuhr, dass ich schwanger bin, sagte sie mit vertrauensvollem Unterton: „Eva, das Wichtigste ist, dass du einen guten Mann an deiner Seite hast.“

Vorteile gleichgeschlechtlicher Beziehungen

Da horcht natürlich auch die Feministin in mir auf und erklärt solchen und ähnlichen Menschen, dass sie ganz beruhigt sein können – neben einer guten Frau habe ich sogar auch noch weitere gute Menschen zur Seite, wenn es ernst wird. Interessanterweise bekommt man als perplexe Reaktion darauf häufig sehr viel Lob dafür, dass man so lebt, wie man lebt. Und erst einmal richtig ins Gespräch versunken, fallen den Menschen, vor allem den Frauen, sogar Vorteile unserer gleichgeschlechtlichen Beziehungen ein.

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Ein Vorteil ist die Möglichkeit von zwei Frauen, abzuwägen, wer von beiden eigentlich das Kind austragen möchte. Viele Frauen, die mit Männern zusammen sind, beneiden uns dafür. Ich weiß auch aus dem Austausch mit Bekannten, dass sich viele Frauen zwar Kinder wünschen, aber Sorge haben, dafür ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen zu müssen. Erst die unberechenbare Schwangerschaft, dann die zeitweilige Jobaufgabe, die Bewältigung der Geburt, womöglich das Stillen und nicht zuetzt die alleinige Elternzeit – bis vielleicht auf die zwei Vätermonate, in denen ja meistens ein Urlaub ansteht.

Die Sache mit der Elternzeit

Ich wage die Annahme, dass es bei zwei Menschen gleichen Geschlechts ein weniger starkes, und wenn dann stärker reflektiertes Machtgefälle gibt. Inzwischen kenne ich einige Regenbogenfamilien und ich habe noch nie gehört, dass die Elternzeit danach eingeteilt wurde, wer mehr verdient oder die vermeintlich wichtigere Position inne hat. Immer wieder höre ich von Frauen, dass ihre Partner ihren Arbeitgeber*innen „mit Elternzeit gar nicht erst ankommen brauchen.“ Was viele anscheinend nicht bedenken: In keinem Job wird gejubelt, wenn man ankündigt, dass man eine Weile ausfallen wird. Da ich meine eigene Chefin bin, musste ich damals in den Dialog mit mir selbst treten. Die Arbeitgeberin auf meiner einen Schulter musste sich für die Arbeitnehmerin auf meiner anderen Schulter erst einmal etwas einfallen lassen.

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Lena und Tim machen auch so ihre Erfahrungen als frisch gebackene Eltern im Berufsleben. Lena musste ein paarmal an verschiedenen Stellen erklären, dass sie zwar Elternzeit, jedoch keinen Mutterschutz benötigt. Tim drückt seine Vaterfreuden durch eine kleine Babybildgalerie auf seinem Bürotisch aus und erläutert dazu bereitwillig unser Familienmodell. Damit findet er viel Anklang bei Menschen, die sich zwar ein Kind in ihrem Leben wünschen, nicht aber die Kapazität für eine Hundertprotzentelternschaft haben oder bereit sind zu geben.

Mutter, Mutter, Kind geht auch im echten Leben!“

Gemeinsam besuchen wir eine Regenbogenfamilienkrabbelgruppe. Ja, auch so was gibt es natürlich in Berlin. Eine Bekannte gab zu Bedenken, dass unser Kind in einer Parallelwelt aufwächst, wenn wir so weitermachen. Ich überlege, welchen Vorteil weniger bunte Krabbelgruppen für Kinder bieten könnten. In unserer Gruppe befinden sich erstaunlich viele Väter, außerdem sämtliche Familienkonzepte, darunter viele Alleinerziehende. Auf der Krabbeldecke tummeln sich neben den selbst geborenen Kindern auch Pflegekinder und Adoptivkinder. Als ich meine Bekannte frage, wie das in ihrer Krabbelgruppe so mit der Diversität aussieht, muss sie passen. „Da sind eigentlich nur Mütter, deren Männer arbeiten.“

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Einig sind wir uns darin, dass solche Gruppen weniger der sozialen Interaktion der Kinder als der der Eltern dienen. Es tut unheimlich gut, sich mit Gleichgesinnten über alle Belange des Elterndaseins austauschen zu können. Ich weiß zum Beispiel jetzt, dass es ein Vorteil sei kann, bei der schwierigen Kita-Suche in Berlin die Homo-Karte auszuspielen. Jüngst erzählte mir eine der Regenbogenkrabbelmütter, dass die Freundinnen ihrer Tochter im Kindergarten nur noch Mutter, Mutter, Kind spielen. Welch Erleichterung für die Kleinen, zu wissen, dass das auch geht. Als ich selbst zu Schulzeiten ein Praktikum in einer Kindertagesstätte absolvierte, wurde das Hochzeitsspiel zweier kleiner Mädchen noch jäh unterbrochen mit den Worten, sie könnten einander nicht heiraten, eine müsse den Schleier ablegen.

Liebe Kinder, hier die gute Nachricht: Mutter, Mutter, Kind geht auch im echten Leben! Und das Tolle an dem Spiel sind die endlosen Level und Erweiterungsmodule. Wir zum Beispiel haben die Edition mit dem dazugehörigen Vater gewählt. Und was ihr mal machen wollt, könnt ihr euch ja noch in aller Ruhe überlegen.


In der ersten Folge der Familienkolumne beschreibt Eva, wie sie gemeinsam mit ihrer Frau einen passenden Vater für ihren gemeinsamen Kinderwunsch suchte und fand.

In der zweiten Folge erzählt Eva, wie ihre Mutter zur queeren Oma wurde.

In der dritten Folge führt eine Masseurin Gespräche mit Evas Gebärmutter.

In der vierten Folge wollte Eva allen Müttern High Five geben.

In der fünften Folge berichtete Eva, warum ihr Kind nicht den Nachnamen der Mutter tragen darf.