Familienkolumne: Warum ich nach der Geburt meiner Tochter allen Müttern High Five geben wollte

Bei der Geburt ihrer Tochter hat unsere Autorin einiges gelernt. Ihre Überzeugungen über Bord zu werfen, zum Beispiel.

Krankenhaus statt Hausgeburt: Warum es kein Scheitern ist

High Five für alle Mütter. Foto: © Irina Ostashkova / birthphotographyimagecompetition.com

Während man stirbt, läuft das ganze Leben nochmal vor dem inneren Auge ab, heißt es. Mein inneres Auge hat seinen Job soeben aufgenommen. Während ich unser Baby gebäre, sehe ich alle Frauen vor mir, die ich kenne, die schon einmal geboren haben. Ich sehe sie alle gemeinsam auf dem Gipfel eines hohen Gebirges stehen und zu mir hinunter winken. Warum helfen sie mir denn nicht da hoch, verdammt? Muss ich den Berg wirklich ganz alleine erklimmen? Ich japse nach Luft, zittere und heule gleichzeitig. Diese Schmerzen sind unbeschreiblich. „Eva, das wird jetzt aber keine Paniknummer!“ warnt mich meine Hebamme.

Dabei hatte alles so schön angefangen. Vor 48 Stunden kippte Lena eine ganze Flasche Kindchenzauber über meinen Bauch. Dieses Massageöl hatten wir von einer Freundin bekommen mit den verschwörerischen Worten: „Wenn ihr das einmassiert, kommt das Baby innerhalb der nächsten zwei Tage!“ Der Zauber wirkte schnell. Nur leider auch sehr lange.

Nachdem meine Hebamme bei uns zu Hause angekommen war und mich in die Badewanne verfrachtet hatte, war ich noch so großherzig, sie zu bitten, mich ruhig alleine zu lassen und sich auszuruhen, weil es ja mitten in der Nacht war. Dafür hatte sie nur ein müdes Lachen übrig. „Das ist jetzt Geburt, Eva“, sagte sie weise zu mir über den Badewannenrand.

Schmerzen stören die Idylle

Ich ertrug die nächsten Stunden tapfer und fühlte mich sogar ein minikleines bisschen wie in einer Wellnessoase. Die nach Lavendel duftende Wanne, die beruhigende Stimme meiner Hebamme, die das Licht gedimmt hatte und mir regelmäßig warmes Wasser über den Bauch goss. Nur die Schmerzen wollten so gar nicht zu der Idylle passen. Sie wurden mir von Wehe zu Wehe suspekter.

Mir ist aufgefallen, dass es für verschiedene Lebensphasen auch unterschiedliches Vokabular gibt, dass man für eine bestimmte Zeit verwendet und das danach wieder in der Versenkung verschwindet. Dazu gehört alles rund um Schwangerschaft und Geburt. Ich konnte bis vor einigen Monaten rein gar nichts mit den Begriffen Beckenboden, Plazenta und Muttermund anfangen. Jetzt werden sie mir permanent um die Ohren gehauen. Wenn ich eins begriffen habe in meinem Schmerzdelirium, dann, dass mein Muttermund nicht machte, was er sollte. Mein Baby wollte aber unbedingt raus. Es klopfte sozusagen gegen eine verschlossene Tür.

„Du musst versuchen zu entspannen, Eva. Das ist jetzt ganz wichtig.“ Ich wusste wirklich für einen kurzen Moment nicht, ob meine Hebamme einen Scherz machte. Aber dann merkte ich, dass ihr so gar nicht nach Scherzen war. Sie schaute mich ernst an und erklärte mir, dass sie uns empfehlen würde, ins Krankenhaus zu fahren. „Du bist schon so erschöpft, Eva. Du hast schon ewig Wehen und es tut sich nicht viel. Im Krankenhaus können wir dir etwas gegen die Schmerzen geben und bestenfalls kannst du auch etwas schlafen. Du brauchst dringend Energie, den schwersten Teil hast du noch vor dir.“

Feiern, was ich nie gewollt hatte

Liebe Schwangere und alle, die es noch werden wollen: was auch immer ihr euch vorher ausgemalt habt – bitte seid bereit, eure Überzeugungen im Fall der Fälle über Bord zu werfen. Es ist kein Scheitern, wenn es anders kommt als geplant. Ich zum Beispiel feierte plötzlich alles, was ich nie gewollt hatte. Mit einem Krankenhausleibchen bekleidet, einem Venenzugang in der Hand und einer Atemmaske im Gesicht lag ich wenig später im Kreißsaal und hoffte darauf, dass es bald vorbei sein würde. Aber es ging erstmal nicht vorbei, denn es ging noch nicht einmal voran.

Es ist kein Scheitern, wenn es anders kommt als geplant.

Ich nahm alles nur noch wie durch einen Nebel wahr, konnte aber durchaus noch erkennen, dass sich verhältnismäßig viele Menschen in dem kleinen Raum versammelt hatten. Eine junge Frau, die so jung wirkte, dass sie statt einer Ärztin ziemlich sicher eine Schulpraktikantin war, begann, einen langen Text vorzutragen. Sie empfahl mir eine PDA, wieder so ein Begriff für Eingeweihte. Die Praktikantin bekräftigte meine Zweifel. Wie konnte denn jetzt eine Schülerin ein Referat halten, noch dazu ein todlangweiliges, während ich hier die Grenzerfahrung meines Lebens meisterte?

[Außerdem auf ze.tt: So sehen Mütter und ihre Babys 24 Stunden nach der Geburt aus]

Dann aber realisierte ich, dass es bei dem Text um mich ging. Und viel schlimmer noch: nachdem die vermeintliche Ärztin mehrfach das Wort Querschnittslähmung erwähnt hatte, legte sie mir ihren Text zur Unterschrift vor. Ganz ehrlich, so etwas kann doch nur illegal sein. Eine Frau unter der Geburt ist doch nicht zurechnungsfähig „Unterschreib einfach“, flüsterte Lena. Oder war es die Hebamme? Ich gehorchte jedenfalls, kritzelte irgendetwas und schon wurde mir der Block wieder entrissen.

Wie Kapitulation

Alle schienen sehr erleichtert über meine Unterschrift, die meines Erachtens so etwas wie eine Kapitulation darstellte. Als ich dann endlich die Narkose bekommen hatte, fiel ich in meinen lang ersehnten Tiefschlaf. „Für eine Stunde“, hörte ich die Hebamme noch sagen, als sie das Licht ausmachte und Lena und mich im Kreißsaal zurückließ. Und tatsächlich. Als ich meine Augen wieder öffnete, ging auch schon wieder die Tür auf. „Die Geburt geht weiter“, rief die Hebamme fröhlich. Und ich bekam Angst. Denn die Wehen waren von einem wie auf den anderen Moment mit solcher Kraft zurück, dass ich nur noch „Nein, nein, nein“ wimmern konnte. Die Hebamme rief: „Wir brauchen ein Ja, Eva! Für dein Baby!“

Ich wollte sie anschreien: Lass mich in Ruhe! Der ganze Optimismus, der mir beim Yoga eingetrichtert worden war, war weg. Ich konnte nicht mehr glauben, dass jeder Schmerz seinen Sinn hat und ich konnte auch nicht mehr mit leicht geöffnetem Mund die Wehen mit A’s, O’s oder H’s wegtönen und überhaupt konnte ich jetzt gar nichts mehr. Aber mein Muttermund – der konnte plötzlich. Und dann kam das, was meine Hebamme Stunden zuvor bei uns im häuslichen Badezimmer den „schwersten Teil“ genannt hatte.

Mehr als Glück

Eine Stunde später war das Baby da. Aber Lenas und mein beseelter Zustand sollten nur kurz andauern, denn dann hieß es plötzlich, ich müsse jetzt leider noch die Plazenta auf die Welt bringen. Bitte, was? Nein, das mache ich nicht. Ich möchte das nicht und ich muss hier gar nichts mehr. Es reicht. Meine Gedanken sprach ich offenbar laut aus, denn meine Hebamme schaute mich an, als wüsste sie nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Um das an dieser Stelle abzukürzen: ich kapitulierte abermals.

Und dann – ich konnte es kaum fassen – war es wirklich vorbei. Es breitete sich ein Gefühl in mir aus, das ich so gerne eingefangen und aufbewahrt hätte, um es jederzeit wieder auszupacken und wieder empfinden zu können. Es als Glück zu bezeichnen wäre zu lapidar. Es war eine ganz besondere Stärke, die ich trotz aller Erschöpfung spürte. Irgendetwas in mir sagte „Jetzt kannst du alles schaffen“. Und im Geist gab ich allen Frauen, die ich kenne, die schon einmal geboren haben, ein High Five.

 


In der nächsten Folge berichtet Eva von einem Gefühl, das sich wie Liebeskummer anfühlt: Babyblues.

In der ersten Folge der Familienkolumne beschreibt Eva, wie sie gemeinsam mit ihrer Frau einen passenden Vater für ihren gemeinsamen Kinderwunsch suchte und fand.

In der zweiten Folge erzählt Eva, wie ihre Mutter zur queeren Oma wurde.

In der dritten Folge führt eine Masseurin Gespräche mit Evas Gebärmutter.