Familienkolumne: Wie meine Mutter zur queeren Oma wurde

Unsere Autorin ist gerade Mutter geworden. Dass ihr Kind drei Eltern hat, findet sie praktisch. Dass jede*r etwas dazu zu sagen hat, schwierig. Im zweiten Teil der Familienkolumne erzählt sie von ihrer Schwangerschaft und den Reaktionen darauf.

Die Reaktionen auf Evas Schwangerschaft fielen sehr unterschiedlich aus.

Die Reaktionen auf Evas Schwangerschaft fielen sehr unterschiedlich aus. Foto: Josh Willink / Pexels | CC0

Familie ist mehr als Vater, Mutter, Kind. Eva hat sich ihren Kinderwunsch gemeinsam mit ihrer Frau Lena und ihrem gemeinsamen Freund Tim erfüllt. In einer sechsteiligen Serie erzählt sie aus ihrem Familienleben in Regenbogenfarben. 

„Das Geschlecht des Kindes wollen Sie wirklich nicht erfahren?”, fragte mich die Ärztin mit hochgezogenen Augenbrauen und Blick auf ihren Computermonitor. „Nein, wirklich nicht”, antwortete ich ihr, zum zweiten Mal. Sie machte weiter: „Wissen Sie, was besonders interessant ist? Meine Kollegin hat hier vermerkt, dass der Vater gleichzeitig der Samenspender ist.“ Jetzt lachte sie auf. „Na, das wäre ja wünschenswert, wenn das der Regelfall wäre, oder?“, grinste sie. Dann beugte sie sich nach vorne, für mein Empfinden etwas zu weit, und sagte mit eindringlicher Stimme: „Frau Rechau, Sie sollen wissen, dass das für uns alles absolut kein Problem ist.”

Inzwischen konnte man auf dem Ultraschallbild schon richtig was erkennen. Diese Woche wollte ich meinen Eltern von der Schwangerschaft berichten. Ich bin nicht sonderlich gut darin, Dinge klar zu benennen. Als ich meine erste Freundin hatte, habe ich meinen Eltern dazu keine offizielle Ansprache gehalten, sondern die Freundin so oft bei uns übernachten lassen, dass sie sich irgendwann ihren Teil denken konnten. Als ich meine spätere Freundin geheiratet habe, haben wir im Anschluss Postkarten an unsere Familien geschickt – mit Fotocollagen von uns und den Eheringen vorne drauf. Und jetzt die Schwangerschaft. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir das Ultraschallbild wieder per Post verschickt, aber Lena meinte: „Ich glaube, deine Eltern würden sich sehr freuen, wenn du es ihnen persönlich sagst.“ Also fuhr ich hin. 500 Kilometer in die kleine Stadt im Rheinland, in der ich aufgewachsen bin.

Fragen sind ein gutes Zeichen

Meine Eltern brauchten einen Moment. Sie kennen ja ihre Tochter und wissen, dass ich immer gut bin für Überraschungen. Aber das Ultraschallbild schien alles zu toppen, was sie bisher mit mir erlebt hatten. „Wir haben ja wirklich alles erwartet, nur das nicht!“, entfuhr es meiner Mutter. Und dass sie jetzt ganz viele Fragen hätten, von denen sie aber nicht wüssten, ob sie sie stellen dürften. „Klar dürft ihr!“ Ich war erleichtert. Fragen sind ein gutes Zeichen. Und dann erzählte ich alles von Anfang an. Von meinem Kinderwunsch, der Suche nach dem passenden Kindsvater. Meine Eltern schienen irgendwann erleichtert zu sein. Vor allem, dass das Kind einen Vater haben würde, schien sie zu begeistern. Wie wir das jetzt noch den Großeltern erklären wollten, überlegte meine Mutter. Besonders Oma sei doch so katholisch. „Na, die heilige Maria kam doch auch als Jungfrau zum Kinde“, scherzte mein Vater. „Oma wird schon verstehen.“

Oma verstand nur bedingt – „Wann lernen wir unseren Schwiegerenkelsohn denn dann mal kennen?“ – und auch das weitere Umfeld machte sich so seine Gedanken. „Habt ihr denn richtig mit dem Mann geschlafen?“, fragte ein Bekannter. Auch nahezu Fremde brachten sich ungefragt in die Thematik ein. Das Sahnehäubchen kam von der kleinstädtischen Masseurin. Sie wollte meiner Mutter suggerieren, man solle sich „lieber mal nicht zu sehr freuen“, das Kind würde es im Leben ganz schön schwer haben, „bei so einer eigenartigen Familienkonstellation“. Da wurde meine Mutter zur Löwin – und gleichzeitig zu meiner besten Freundin. Mit den Worten, wir würden uns aber alle freuen und das sei für das Kind das Wichtigste, kehrte sie der Dame den Rücken und beschloss, denselbigen nie wieder unter die Nase dieser Frau zu legen. Ich glaube, hier hatte meine Mutter ihren Aha-Moment und erkannte ihre Berufung zur Gender-Beauftragten und -Beraterin für den alternativen Kinderwunsch. Ab sofort war unsere Geschichte ihre Mission und sie klärte jede*n darüber auf, wie man heutzutage Kinder bekommen kann – ob mit Mann oder ohne. Und wie toll das ist.

Die couragierte LGBTQ-Arbeit meiner Mutter begann recht schnell Früchte zu tragen. Jetzt kamen die Leute schon auf sie zu. Alleinstehende Kolleginnen mit Kinderwunsch baten meine Mutter um die Internetadresse der Plattform, auf der wir „unseren Vater“ gefunden hatten. Ein schwules Paar, oder eher das schwule Paar des Ortes, interviewte meine Mutter bis ins Detail, welche Möglichkeiten sie hätten, Eltern zu werden. Und sogar eine alte Schulkameradin outete sich plötzlich bei meiner Mutter als lesbisch und erhoffte sich Ratschläge von einer, die sich auskennt.

Couragierte LGBTQ-Arbeit meiner Mutter

Während in meiner Heimatstadt eine imaginäre Regenbogenflagge über dem Haus meiner Eltern wehte, waren mir in Berlin nicht alle so wohlgesonnen. Im geburtsvorbereitenden Yogakurs unterhielten sich die Teilnehmerinnen darüber, mit welchen Strategien sie versucht hatten, das Geschlecht ihres Kindes bei der Zeugung zu beeinflussen. Wenn man das Kind direkt zum Eisprung zeugt, wird es sehr wahrscheinlich ein Junge, lautete der Konsens. „Dann bekomme ich bestimmt einen“, platzte ich heraus. „Wir haben ja den Zeitpunkt haargenau abgepasst.“ Ein paar Frauen schauten mich irritiert an. „Na, das ist ja romantisch“, sagte die eine mit einer Grabesstimme. „Sex nach Plan, also da kann ich mir echt Schöneres vorstellen.“ Ich war so perplex, dass mir keinerlei schlagfertige Antwort einfiel. Ich konnte einfach gar nichts mehr sagen. Ich dachte nur über die Überheblichkeit dieser Person nach.

Es gibt so vielfältige Gründe, warum Menschen ihren Kinderwunsch nicht einfach dem glücklichen Zufall überlassen können. Bis dato hatte ich nicht so recht begreifen wollen, warum es unter Heteros als absolutes Tabu gilt, ein Kind jenseits des romantischen Beischlafs zu zeugen. Aber jetzt begriff ich. Offenbar herrschte in vielerlei Köpfen der Anspruch, nach außen hin alles ganz einfach und natürlich so natürlich wie möglich aussehen lassen zu wollen. Ein Kind als gottgegebenes Geschenk. Dass die Realität weit davon entfernt ist, wusste ich erst, seit ich mich mal im Bekanntenkreis umgehört hatte. Ich war geneigt, die unverschämte Frau, die jetzt in die Runde tönte, sie sei nach nur einem Versuch schwanger geworden, zu bitten, dass sie ihr Glück einfach wertschätzen und die Klappe halten soll. Dass sie bitte einmal darüber nachdenken möge, wie zermürbend es sein kann, wenn man monatelang oder gar Jahre auf ein Kind hofft. Und ich war mir sicher, dass sich unter den Schwangeren einige befanden, die anstrengende Prozeduren auf sich genommen hatten, um ein Kind zu bekommen. Ein bisschen schmunzeln musste ich aber auch über ihre Aussage. Romantischer Sex! Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie mit ihrer sauertöpfischen Miene dazu überhaupt in der Lage war. 

[Außerdem auf ze.tt: Fünf queere Forderungen an die Bundesregierung]

Ein Kind zu dritt (oder mit noch mehr Menschen) zu bekommen, bringt die heteronormativ gepolten Gehirne der Mehrheitsgesellschaft so richtig ins Straucheln. Das ist manchmal skurril und schön zugleich. Nicht nur unsere Hebamme, auch eine Ärztin vergaß bei einer Untersuchung, dass das Kind nicht genetisch mit meiner Frau verstrickt sein würde und somit wurden wir beide eingehend über Erbkrankheiten in unseren Familien und über unsere eigenen Geburtsgeschichten befragt. Und nicht selten versicherte man uns, da würde bestimmt ein ausgesprochen hübsches Baby entstehen – „bei den Müttern“!


In der nächsten Folge berichtet Eva von ihrer Geburtsplanung und wie eine Masseurin mit ihrer Gebärmutter sprach.

In der ersten Folge der Familienkolumne beschreibt Eva, wie sie gemeinsam mit ihrer Frau einen passenden Vater für ihren gemeinsamen Kinderwunsch suchte und fand.