Familienkolumne: Wie eine Masseurin sich mit meiner Gebärmutter unterhielt

Eine schreiende Hebamme, eine mit ihrer Gebärmutter sprechende Masseurin – unsere schwangere Kolumnistin muss sich so einiges anhören. Und überall lauern Geburtsgeschichten, die nur darauf warten, ihr erzählt zu werden.

Schwangerschaft in der Regenbogenfamilie: Die Geburtsvorbereitung

"Es wird alles ganz wundervoll werden", sagt die Masseurin zum Abschied. Foto: Caroline Seidel / dpa

Aufgestützt auf unseren Küchentisch steht sie da und stöhnt. Erst zaghaft, dann immer lauter. Dann schreit sie und bebt mit dem ganzen Körper. Danach setzt sie sich wieder, als sei nichts gewesen. „So in etwa musst du es dir vorstellen, Eva. Und auch wenn das jetzt krass klingt, aber ich möchte dich vorwarnen: manche Frauen denken an einem gewissen Punkt, sie müssen sterben.“ Ich reiße meine Augen weit auf. „Hast du noch nie eine Geburt gesehen, nicht mal auf YouTube oder so?“, fragt mich meine Hebamme. Ich schüttele mit dem Kopf und fühle mich wie ein unwissendes Kind.

Bis zu meinem errechneten Geburtstermin sind es nur noch wenige Wochen. Meine Hebamme scheint das dringende Bedürfnis zu haben, mich mit sämtlichen Mitteln darauf vorbereiten zu wollen. Zumindest habe ich jetzt eine Vorstellung davon, was Wehen sind oder besser: Wie sie aussehen und klingen. Ich weiß jetzt, dass es Übungswehen, Senkwehen, Vorwehen, Eröffnungswehen, Austreibungswehen, Presswehen, Nachgeburtswehen, Nachwehen und Stillwehen gibt. Noch Fragen? Ehrlich gesagt: Ja. Welche davon hat sie mir denn da gerade vorgemacht? Mist, schon wieder vergessen. Na, das kann ja was werden.

Zu Weihnachten bekomme ich einen Gutschein für eine Schwangerschaftsmassage geschenkt. Die Masseurin berührt mich sehr behutsam und fragt: „Darf ich mit deiner Gebärmutter sprechen, Eva?“. Ich muss lachen, nicke aber gütig ab. „Du bist stark“, legt sie auch schon los, ihr Gesicht direkt vor meinem Bauch. „Du hast bereits Großes geschafft. Du machst das gut. Bald wirst du mit allen Organen Hand in Hand arbeiten, um Evas Baby auf die Welt zu bringen.“ Ich muss in mich hinein lachen und bin gleichzeitig gerührt. Mein Körper hat wirklich eine Aufgabe zu bewältigen. Ich finde es schön, dass er dafür wertgeschätzt und ihm Mut gemacht wird. Ich drücke ihm die Daumen. Und mir auch. Zum Abschied sagt die Masseurin: „Es wird alles ganz wundervoll werden.“. Ich schwebe förmlich aus dem Raum.

Unbekümmertheit statt Angst

Ich habe immer noch keine Angst, sondern bin gespannt auf alles, was jetzt kommt. Einige Freund*innen wundern sich über meine Unbekümmertheit. Aber ich denke mir, dass es das Beste ist, was man vor solch einem Ereignis tun kann – sich auf keinen Fall verrückt machen. Natürlich ist das leichter gesagt, als getan. Ob ich will oder nicht – überall lauern Geburtsgeschichten, die nur darauf warten, mir erzählt zu werden. Die Geschichten sind so grausig, dass es mir schon fast vorkommt, als seien sie nicht echt. Sie können gar nicht echt sein! Denn wenn Geburten wirklich ein einziger Horror sind, warum zum Teufel bekommt dann momentan einfach jede*r aus meinem Bekanntenkreis ein Kind? Und noch absurder: warum bekommen die gleichen Menschen auch noch zweite und dritte Kinder? Die Geschichten müssen entweder maßlos übertrieben sein, oder die Frauen haben wirklich alle diese Strapazen erlebt, lassen sich davon aber nicht unterkriegen. Dann wären alle Frauen in meinem Umfeld wahre Heldinnen! Zugegeben, ein wunderbarer Gedanke.

Überall lauern Geburtsgeschichten, die nur darauf warten, mir erzählt zu werden.“

„In welches Krankenhaus gehst du?“ ist in letzter Zeit die mir am häufigsten gestellte Frage. „Ich versuche erstmal eine Hausgeburt“ lautet meine Antwort, an der man erkennt, wie sehr ich mich schon habe beeinflussen lassen von all den Angsthasen. Meine Hebamme sagt, Hausgeburten sind super sicher, sofern keine Komplikationen abzusehen sind. Das ist auch meine Meinung, und vielmehr noch: Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass Komplikationen nicht trotz, sondern vielleicht sogar wegen der Krankenhaussituation auftreten.

Alle Geschichten von furchtbaren Geburten, die mir erzählt werden, stammen aus dem Krankenhaus. Ständige Hebammen- und Ärzt*innenwechsel, lücken- oder gar fehlerhafte Kommunikation, dieses Sich-ausgeliefert-fühlen, Entscheidungen, die über den eigenen Kopf der Frau hinweg getroffen werden, Hektik, Massenabfertigung und die Vermutung, dass Kaiserschnitte nicht aus medizinischer Notwendigkeit durchgeführt werden, sondern damit der Kreißsaal schneller wieder frei wird. Ich klinge ein bisschen wie eine Verschwörungstheoretikerin. Aber die paar Hausgeburten, von denen ich gehört habe, liefen alle nahezu entspannt ab – sofern dieses Wort in Zusammenhang mit Geburten genutzt werden darf. Es gibt nur zwei Menschen, die ich kenne, die ihre Geburten schön fanden. Und das sind die Hausgebärenden. Grund genug für mich, auf den Zug aufzuspringen.

[Außerdem auf ze.tt: So sehen Mütter und ihre Babys 24 Stunden nach der Geburt aus]

Aber die Leute, denen ich von meinen Plänen erzähle, schrecken wirklich vor nichts zurück. „Wäre mein Kind zu Hause geboren worden, wäre es gestorben“ wird mir an den Kopf geworfen. Dass schwierige Geburten sowieso ins Krankenhaus verlagert werden und die Hebamme das sehr gut abschätzen kann, will sie nicht hören. „Eine blutige Schweinerei“, so stelle man sich die Geburt im eigenen Bett vor, höre ich von anderen. Ich beschließe, das Thema ab jetzt nicht mehr zu erwähnen. Es gibt einfach diese emotionalen Themen – da kann man sagen, was man will. Die Leute wollen gar nicht ihren Horizont erweitern. Ich überlege, ob wieder einmal der gute alte Bekannte Selbstschutz dahintersteckt. Die eigene Position stärken, indem die des Gegenübers schlecht geredet wird. Eine Strategie aus Grundschultagen.

Ich entscheide mich dazu, Krankenhausgeburten ab sofort weniger kritisch zu sehen. Das findet auch meine Hebamme gut, obwohl Hausgeburten ihr Steckenpferd sind. „Wir wissen einfach nicht, was auf uns zukommt“, gibt sie zu Bedenken. „Und da ist eine Aufgeschlossenheit den verschiedenen Optionen gegenüber durchaus sinnvoll.“ Ich schaue mir trotzdem keine Geburt auf YouTube an. Ein bisschen will ich noch träumen dürfen.

 


In der nächsten Folge berichtet Eva davon, wie ihr durch Yoga antrainierter Optimismus unter der Geburt abhanden kam.

In der ersten Folge der Familienkolumne beschreibt Eva, wie sie gemeinsam mit ihrer Frau einen passenden Vater für ihren gemeinsamen Kinderwunsch suchte und fand.

In der zweiten Folge erzählt Eva, wie ihre Mutter zur queeren Oma wurde.