Familienkolumne: Wie wir den passenden Vater für unseren Kinderwunsch fanden

„Noch schöner wäre unser Leben mit Kind“, fand unsere Autorin – und begab sich gemeinsam mit ihrer Frau auf die Suche nach einem Vater für ihren zukünftigen Nachwuchs. Zum Glück gibt es das Internet.

Familienkolumne: Lesbisch und Kinderwunsch

Zu zweit ist es schön, aber mit einem Kind wäre alles noch schöner. Foto: Vero Photoart / Unsplash | CC0

Familie ist mehr als Vater, Mutter, Kind. Eva hat sich ihren Kinderwunsch mit ihrer Frau Lena und ihrem gemeinsamen Freund Tim erfüllt. In einer sechsteiligen Serie erzählt sie aus ihrem Familienleben in Regenbogenfarben. 

Mein Kinderwunsch ist so alt wie die Liebe zu meiner Barbie. Oder eher zu meinen 18 Barbies und meinem einen Ken. Auf jeden Fall sehr alt. Wenn ich als Kind zu meinen Eltern sagte, ich wünsche mir ein Baby, meinten sie: „Dazu brauchst du erst mal einen Mann!“ Davon wollte ich nichts hören. Vermutlich dämmerte mir bereits, dass es zur Erfüllung meines Wunsches auch andere Möglichkeiten geben könnte.

Um Punkt 5:30 Uhr öffne ich die Augen. Andere haben einen Wecker, ich einen Clearblue Monitor. Der verlangt jetzt eine Urinprobe von mir. Schlaftrunken mache ich, was er von mir will. Fünf lange Minuten später leuchtet auf dem Monitor ein Smiley auf. Ich betrachte ihn genauer: So hat der Smiley noch nie gelacht! In den vergangenen sieben Monaten hatte er immer nur ein Lächeln auf dem Gesicht, das bedeutete: fruchtbare Zeit. Heute lacht er so richtig. Und ich jetzt auch – denn ich weiß, was der lachende Smiley bedeutet. Die Bedienungsanleitung kenne ich bereits auswendig. Heute ist der Tag der Tage – Eisprungtag! Wer hätte das gedacht! Ich bin völlig aus dem Häuschen und weiß gar nicht, was ich zuerst tun soll. Lena oder Tim schreiben? Und muss ich mich jetzt irgendwie besonders verhalten?

Am späten Nachmittag haben wir das Prozedere, das in Fachkreisen auch Bechermethode oder Heiminsemination genannt wird, hinter uns gebracht. Lena und Tim quatschen in der Küche über ihre Jobs und ihre geplanten Maßnahmen gegen homosoziale Reproduktion. Ich liege lauschend im Bett mit den Beinen in der Luft und überlege, ob das, was wir hier gerade tun, auch so was wie homosoziale Reproduktion ist. Zumindest wird sich niemand wundern, wenn unser Kind eines Tages nicht heterosexuell sein wird. Das wird dann ganz klar auf uns geschoben. Wir haben es ja nahezu forciert, indem Lena und ich – das Frauenpaar – einen schwulen Vater für unser Kind ausgesucht haben.

In der Suchmaske der Plattform für freundschaftliche Familiengründung hatten wir nicht nur angegeben, dass der künftige Vater für unser Kind homosexuell sein darf. Wir waren auch damit einverstanden, dass er eine Partnerschaft führt und sich mit in die Erziehung unseres Kindes einbringt. Wenn auch ohne offizielle Vaterschaftsanerkennung. In Deutschland darf ein Kind nur zwei Sorgeberechtigte haben. Mit Tim läuft also alles auf Vertrauensbasis.

[Außerdem auf ze.tt: Wir waren nie ein Paar, sondern haben als Freunde ein Kind bekommen]

Zu unserem Glück gibt es das Internet. Für Menschen jenseits der Heteronormativität ist das ja schon lange eine selbstverständliche Option, um zielgerichtet Gleichgesinnte kennenzulernen. Online-Partner*innen-Suche ist ja das eine, aber eine Online-Vatersuche ist wirklich eine Nummer für Fortgeschrittene. Wie bitte soll der Mensch sein, der die Hälfte seiner Gene zur Verfügung stellt, um ein Kind auf die Welt zu bringen, das nicht nur dich, sondern vor allem eben dieses Kind für immer mit diesem Menschen verbindet? Für sich selbst zu entscheiden ist ja schon schwierig – aber dann noch für ein Ungeborenes dazu?

Das erste Date als Glücksgriff

Entsprechend nervös klammerten wir uns an unser Weißweinglas, als wir Tim zum ersten Mal gegenüber saßen. Dass er sich auch einen Weißwein bestellte – um vier Uhr nachmittags – war direkt mein erster heimlicher Pluspunkt. Dass er uns daraufhin verriet, wie außergewöhnlich er selbst die Situation empfand und dass er auch noch nicht allzu viel Erfahrung auf dem Gebiet hatte, kam genau so gut bei Lena und mir an. Nach zwei Stunden hatten wir so viele spannende Themen angerissen und uns so echt und ungekünstelt füreinander interessiert, dass wir ganz euphorisiert nach Hause liefen. Konnte unser erstes Date gleich so ein Glücksgriff sein?

Dass unsere Schwärmerei für Tim nicht nur unserer ersten Euphorie entwachsen war, wussten wir ziemlich sicher nach dem Date mit einem anderen Kandidaten. Jerome war attraktiv, freundlich und auch ein bisschen witzig. Aber schnell war klar, dass er neben seinem Kinderwunsch noch einen ganz anderen, vermutlich sogar noch größeren Wunsch hegte: den Wunsch nach Bewunderung und Selbstbestätigung. Den konnten und wollten wir ihm nicht erfüllen. Und so trafen wir ihn nur einmal und nie wieder.

Zukunft in Regenbogenfarben

Sobald meine Frau und ich in unserem Umfeld offen darüber sprachen, dass wir auf Vatersuche waren, ernteten wir den Pessimismus der anderen: „Was, wenn euch der Vater in alles reinredet? Wenn er nicht bereit ist, euch das Sorgerecht zu überlassen?“ Wir wollten uns die Zukunft aber nicht madig machen lassen, sondern blieben positiv. Es dauerte nicht lange, da kamen auch schon die ersten Angebote. Vor allem befreundete Frauen bewarben ihre eigenen oder auch fremde Männer: „Ach, das wäre doch total lustig, wenn mein Freund das machen würde“, sagte die eine. „Hey, ich frag mal meinen schwulen Kollegen, der macht das bestimmt“, bot die nächste an. Eine wollte uns das Sperma ihres Mannes überlassen, „nachdem wir unsere Familienplanung abgeschlossen haben“. Wir fühlten uns überrannt und nicht ernst genommen. Als wir die Angebote dann doch einmal auf Realität testen wollten, bekamen plötzlich alle Angst vor der eigenen Courage. „Ich hab noch mal nachgedacht“, sagte die eine. „Ich wäre wahrscheinlich zu eifersüchtig.“ Die andere wunderte sich, dass der schwule Kollege nicht mit Jubelschreien geantwortet hatte.

Trotzdem hat mich das in Teilen seltsame Verhalten meines Umfelds zum Grübeln gebracht. Mit mulmigem Gefühl verfolgte ich die Debatte um die Ehe für Alle. Es war gruselig zu wissen, dass Menschen dagegen waren, dass Lena und ich die gleichen Rechte wie andere haben sollten. Ich las, dass es Leute gab, die fanden, dass Homosexuelle „nicht auch noch Kinder kriegen müssten“. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, warum Menschen so dachten. Ich wusste von sehr vielen Frauen, ob lesbisch oder nicht, dass sie sich Kinder wünschten. Tim erzählte mir, dass dieser Wunsch unter den meisten Schwulen, die er kennt, sehr gering ausgeprägt sei. Wir waren uns einig, dass es daran lag, dass dieser Wunsch von jeher gesellschaftlich unterdrückt worden war. Bei Lesben hieß es oft, unser Kinderwunsch sei natürlich, weil wir Frauen ja nun mal zum Muttersein geboren seien. Vermutlich musste sich Lena deshalb ständig rechtfertigen, dass ich das Kind bekommen sollte und nicht sie.

Familie ist da, wo wir glücklich sind.“

Viele Menschen sprechen vom richtigen Zeitpunkt für die Familiengründung. Ich denke, eine Familie lässt sich gar nicht wirklich gründen. Wir befinden uns ja schon in Familien, bevor wir selbst Kinder bekommen. Und damit meine ich nicht die klassische Kernfamilie, sondern den Kreis von Menschen oder auch den einen besonderen Menschen, mit dem wir uns geborgen fühlen. Ein Kind zu bekommen ist die Erweiterung der Familie, die wir sowieso schon haben. Manche Menschen sagen „Familie ist da, wo Kinder sind“. Ich finde, Familie ist da, wo wir glücklich sind. Das Glück kann völlig individuell auftreten. Durch Tim gewannen wir nicht nur einen Vater für unser Kind, sondern auch einen echten Freund. In unserer Konstellation hat der Begriff Friendship with Benefits eine völlig neue Bedeutung bekommen.


Im nächsten Teil der Familienkolumne berichtet Eva von ihrer Schwangerschaft und wie ihre Mutter zur LGBT-Botschafterin wurde.