FAQ: So kannst du vorgehen, wenn du einen Therapieplatz suchst

Wie man einen Arzttermin macht, das ist klar. Was aber, wenn deine Erkrankung oder Schmerzen nicht körperlicher, sondern seelischer Natur sind? Wie machst du dich dann auf die Suche nach dem*der richtigen Therapeut*in?

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Bei der Suche nach dem*der richtigen Therapeutin gilt es einiges zu beachten. Foto: Sincerely Media / Unsplash | CC0

Das Prozedere bei körperlichen Schmerzen ist allseits bekannt: die passende Arztpraxis anrufen, Termin machen, hingehen. Auf Anweisung des medizinischen Fachpersonals folgt dann irgendeine Form der Behandlung. Was aber, wenn Schmerzen oder Probleme psychischer Natur sind? So wie es für jeden Bereich des Körpers Spezialist*innen gibt, gibt es ebenso Expert*innen, die sich um das seelische Wohl kümmern: Psychoanalytiker*innen, Psychotherapeut*innen und Heilpraktiker*innen zum Beispiel.

Lange wurde über Psychotherapien nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Auch bis heute wird das Thema längst nicht so offen behandelt wie etwa Knieoperationen oder der Besuch bei dem*der Hals-Nasen-Ohren-Ärzt*in. Während die meisten wissen, was bei einem Arztbesuch zu tun ist, tauchen zum Thema Psychotherapie oft jede Menge Fragen auf. Hier sind Antworten auf ein paar der wichtigsten für alle, die einen Therapieplatz suchen.

Wie finde ich eine*n Therapeut*in?

Die Suche nach einem*einer geeigneten Psychotherapeut*in ist gar nicht so leicht. Es gibt eine Vielzahl von Therapieformen und Therapeut*innen mit unterschiedlichster Spezialisierung. Vor allem aber sind die meisten Therapeut*innen, deren Behandlung die Krankenkasse bezahlt, chronisch überbelegt. Monatelanges Warten ist die Regel, bei vielen Praxen geht oft nur der Anrufbeantworter ran. Wie mache ich mich also am besten auf die Suche?

Zunächst einmal sollte ich mich ein bisschen einlesen, welche Therapieformen es gibt und welche*r Spezialist*in mir wohl gut weiterhelfen kann. Es gibt viele Berufsbilder – Psychotherapeut*innen, Heilpraktiker*innen für Psychotherapie oder Psychiater*innen, um nur ein paar zu nennen – und Therapieformen. Auf den ersten Blick scheint alles sehr unübersichtlich – auf den zweiten leider auch. Nichtsdestotrotz empfiehlt es sich, sich einen kleinen Überblick zu verschaffen und erst dann zum Telefonhörer zu greifen. Auch wenn es leider nicht die eine Adresse oder Webseite gibt, die die ultimative Antwort liefert, geht es hier ganz gut: auf therapie.de. Generell gibt es fünf Hauptgruppen von Behandlungen: psychodynamische oder psychoanalytische Therapien, verhaltenstherapeutische Therapien, Familien- und systemische Therapien, humanistische und transpersonale Psychotherapien. Dabei gibt es keine klare Zuordnung, zu wem was passt. Jede*r muss selbst herausfinden, was ansprechend klingt und sich gut anfühlt. Und auch nicht alle Therapieformen werden ohne Weiteres von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt.

Auf der Suche nach Therapeut*innen in der Umgebung ist die erste Anlaufstelle oft die Kassenärztliche Vereinigung des jeweiligen Bundeslandes. Da gibt es zum Beispiel die KV Bayern (KVB), die KV Berlin oder die KV Niedersachsen (KVN). Dort melden Therapeut*innen im Regelfall ihre freien Plätze. Die Koordinationsstelle der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung kann diese dann weitervermitteln und Patient*innen bei der anfänglichen Suche beraten. Es gibt auch noch andere Datenbanken, bei denen ich nach Therapeut*innen in meiner Umgebung suchen kann. Darunter der Psychotherapie-Informationsdienst (PID), die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung, die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) oder akhuthilfe24.de. Psychotherapeutische Praxen melden ihre Plätze allerdings freiwillig bei solchen alternativen Datenbanken und Beratungsstellen, sie sind deshalb nicht vollständig.

Es ergibt Sinn, die Suche an mehreren Stellen parallel zu betreiben: Über die Kassenärztliche Vereinigung, andere Koordinationsstellen und bei den Therapeut*innen direkt. Besonders Letzteres ist mühsam, kann sich aber lohnen: Denn mit Glück hat der*die Therapeut*in gerade einen passenden Platz frei und den noch nicht gemeldet. Viele Praxen vergeben ihre Plätze einfach an den*die nächste*n Anrufer*in. Und wenn nichts frei ist, bieten sie manchmal Wartelisten an. Die meisten Therapeut*innen machen das des Aufwandes wegen nicht, aber nachfragen lohnt sich immer – wenn sie eine haben, sollte ich mich auch auf alle Listen setzen lassen.

Dieses Vorgehen gilt vor allem für Menschen, die gesetzlich versichert sind. Wenn ich Privatpatient*in bin oder meine Therapie selbst zahlen möchte, kann ich mich auch von Therapeut*innen aus Privatpraxen behandeln lassen. Meistens finde ich auf diese Weise fast direkt einen Platz, ohne große Warterei. Denn das Problem bei der Therapieplatzsuche ist nicht unbedingt ein Mangel an Therapeut*innen, sondern an Kassenzulassungen. Das heißt, viele Psychotherapeut*innen dürfen Behandlungen anbieten, die Krankenkasse aber bezahlt sie nicht.

Wie finde ich eine*n Therapeut*in, die zu mir passt?

Leider gibt es dafür keine Formel. Ich muss vor allem nach Gefühl entscheiden: Herrscht eine gute Chemie zwischen dem*der Therapeut*in und mir? Fühle ich mich wohl und sicher? Ich muss dem*der Therapeut*in buchstäblich mein Herz ausschütten, also sollte ich zu ihm*ihr auch ein gewisses Vertrauen fassen können. Die Entscheidung liegt dabei alleine bei mir. Ein*e Therapeut*in darf mich grundsätzlich nicht ablehnen, weil ihm*ihr zum Beispiel meine Krankheitsgeschichte oder gar meine Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder Identität nicht passt. Alle Therapeut*innen haben Aufnahmepflicht und dürfen keine Vorbehalte haben.

Natürlich funktioniert das nicht immer. Habe ich das Gefühl, er*sie hegt Vorurteile oder Antipathien gegen mich, aus welchen Gründen auch immer, sollte ich absagen und weitersuchen – auch wenn sich die Wartezeit dadurch noch mal verlängert. Denn nur bei einem*einer Therapeut*in, bei dem*der ich mich gut und sicher fühle, kann die Therapie wirklich Erfolg haben. Es kann sich durchaus lohnen, online nach Vereinen und Webseiten zu suchen, die sich auf bestimmte Erkrankungen spezialisieren. So zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ), das Deutsche Bündnis gegen Depression oder die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS). Sie bieten meistens Unterstützung für Angehörige und Betroffene an, sowie eine Liste von Psychotherapeut*innen, die auf dieses Krankheitsbild spezialisiert sind und mit denen andere gute Erfahrungen gemacht haben.

Wie gehe ich die Suche nun Schritt für Schritt an?

Will ich mich also auf die Suche nach einem*einer Therapeut*in machen, kommt es erst mal auf meinen Versicherungsstatus an: Bin ich gesetzlich versichert? Dann suche ich einen*eine Psychotherapeut*in, der*die eine Kassenzulassung hat. Bin ich privat versichert? Dann sollte ich mit meiner Versicherung sprechen, welche Therapien sie übernimmt und welche nicht. Jede Privatversicherung hat eigene Konditionen.

Danach steht die langwierige Suche an. Sobald ich fündig geworden bin, vereinbare ich einen Termin für die Sprechstunde. Für die kann ich bis zu 150 Minuten, Kinder und Jugendliche sogar 250 Minuten Zeit in Anspruch nehmen. In der Sprechstunde schlägt der*die Therapeut*in vor, wie die weitere Behandlung aussehen könnte. Das können Probesitzungen für eine Kurz- oder Langzeittherapie sein, eine bis zu zwölfstündige Akutbehandlung oder andere Behandlungen. Unabhängig davon, was der*die Therapeut*in mir rät, habe ich, sofern ich gesetzlich versichert bin, nach der Sprechstunde Anspruch auf zwei bis vier Probesitzungen, bei Kindern und Jugendlichen sind es bis zu sechs. Hat der*die Therapeut*in, bei der ich in der Sprechstunde war, keinen weiteren Therapieplatz, kann ich mich für die Probesitzungen auch an eine andere Praxis wenden.

Die Probesitzungen gehen der eigentlichen Therapie voraus. Sie sollen mir helfen, herauszufinden, ob ich mich bei dem*der Therapeut*in wohlfühle und die Chemie stimmt. Im Anschluss an die Probesitzungen stellt der*die Psychotherapeut*in die voraussichtliche Diagnose. Und erst jetzt muss ich die Kostenübernahme der Psychotherapie bei meiner Krankenkasse beantragen.

Welche Dokumente brauche ich?

Für den ersten Besuch brauche ich eigentlich nur eines: meine Versichertenkarte. Für einen Termin muss ich nicht einmal einen Überweisungsschein vorweisen – außer natürlich, ich habe einen, zum Beispiel, weil ich direkt von meinem*meiner Hausärzt*in komme. Dann sollte ich ihn auch mitbringen. Ansonsten kann ich mich aber direkt an den*die Therapeut*in wenden. Das ist so, weil Psychotherapeut*innen nicht auf Verordnung von medizinischen Fachangestellten behandeln. Sie treffen selbst eine Diagnose und stellen so fest, ob ich eine psychische Erkrankung habe und eine Behandlung brauche. Ist das der Fall und der*die Therapeut*in hat eine Kassenzulassung, zahlt die gesetzliche Krankenkasse.

Sind die Probesitzungen vorbei und die reguläre Behandlung soll losgehen, erstellt der*die Psychotherapeut*in einen Antragsbericht an die Gutachter*innen der Krankenkasse. Dabei schildert der*die Therapeut*in die Diagnose und den Therapieplan. Diesen Bericht schicke ich an meine Krankenkasse, zusammen mit der Bescheinigung der medizinischen Fachangestellten, die mögliche körperliche Ursachen der Erkrankung ausschließt. Die Berichte werden von den Gutachter*innen geprüft und entweder zur Bewilligung oder Ablehnung empfohlen. Die Kassen halten sich im Normalfall an diese Empfehlungen. Wenn sie ablehnen, kann ich die Begründung erfragen und Widerspruch einlegen. Dieses Vorgehen gilt für Langzeittherapien. Seit 2017 werden für Menschen mit besonders dringendem Bedarf Kurzzeittherapien angeboten, sogenannte Akutbehandlungen. Anders als die reguläre Therapie kann sie ohne Probesitzungen begonnen werden. Die Krankenkasse muss sie nicht genehmigen, sie muss ihr bloß mitgeteilt werden. Zwölf bis 24 Therapiestunden sind in der Akutbehandlung möglich.

Abgesehen von meiner Versichertenkarte kümmert sich also weitestgehend der*die Therapeut*in um den weiteren Ablauf. Ich muss die von ihm*ihr erstellten Unterlagen bloß weiterschicken. Für den*die Therapeut*in und die Behandlung ist es allerdings hilfreich, wenn ich möglichst viele Klinikunterlagen aus früheren Behandlungen und Schmerzprotokolle zur ersten Sitzung mitbringe – gesetzt den Fall, ich habe welche. So kann er*sie mit besserem Vorwissen in die Behandlung starten.

Wie lange muss ich denn warten, bis ich einen Platz bekomme?

Bei vielen Therapeut*innen mit Kassenzulassung beträgt die Wartezeit für einen ersten Termin etwa drei bis sechs Monate, durchschnittlich sind es 20 Wochen von der ersten Anfrage bis zum Behandlungsbeginn. Das hängt auch davon ab, wo ich wohne: In Großstädten ist die Wartezeit tendenziell kürzer, weil mehr Therapeut*innen verfügbar sind. Auf dem Land warte ich dagegen auch mal länger. Speziell Jugendliche müssen sogar oft neun Monate warten, weil es nicht genug Spezialist*innen für sie gibt. Anders ist es dagegen bei den meisten Therapeut*innen ohne Kassenzulassung. In der Regel finde ich dort schnell jemanden, der*die sofort mit der Behandlung starten kann. Dann muss ich aber entweder privat versichert sein oder selbst zahlen.

Wer auf die Krankenkasse angewiesen ist, muss jedenfalls Geduld mitbringen. Dann heißt es nämlich: immer wieder rumtelefonieren und warten. Kann ich aber nachweisen, dass ich bei gesetzlichen Therapeut*innen zu lange Zeit keinen Platz bekomme, kann ich bei der Kasse einen Platz bei einer Privatpraxis beantragen. Denn die gesetzlichen Krankenkassen sind verpflichtet, für eine rechtzeitige Behandlung zu sorgen. Stehen nicht genügend Psychotherapeut*innen oder Ärzt*innen mit Kassenzulassung zur Verfügung, kann ich mich auch bei privaten Therapeut*innen melden und eine Kostenübernahme beantragen. Dann muss ich die Behandlung zwar erst mal selber zahlen, bekomme das Geld aber später zurück.

Im Normalfall bezahlt die Krankenkasse übrigens Verhaltenstherapien, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapien und analytische Psychotherapien. Andere werden nur dann übernommen, wenn die drei Therapieformen nachweislich nicht funktionieren. Das heißt: Ich muss bei allen drei erst auf einen Platz gewartet und sie ausprobiert haben, bevor eine andere von der Kasse gezahlt wird.

Kann ich gar nicht mehr warten, weil der Leidensdruck zu hoch ist, kann ich mich auch an Kliniken oder Tageskliniken wenden. Dort werde ich meist sofort in ein vier- bis sechswöchiges Programm aufgenommen, das ambulant, teilstationär oder stationär sein kann. Es besteht aus Einzel- und Gruppenstunden, Entspannungsverfahren, Kreativ- und Bewegungstherapie. Die Überweisung dafür kann der Hausarzt stellen.

Warum dauert die Therapieplatzsuche eigentlich so lange?

Dem Problem liegt eine einfache Rechnung zugrunde: Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 27.000 kassenärztlich zugelassene Psychotherapeut*innen. Allein in Deutschland sind mehr als fünf Millionen Menschen von Depression betroffen. Immer mehr Menschen, und das ist eigentlich eine gute Entwicklung, suchen sich psychotherapeutische Hilfe. Das führt allerdings dazu, dass die meisten Therapeut*innen mit Kassenzulassung keine Kapazitäten mehr haben.

Theoretisch kann jede*r Therapeut*in mit einem vollen Kassenzulassungsplatz 40 Patient*innen in der Woche behandeln. Rein zeitlich ist das aber für viele nicht möglich. Sich eine*n Kolleg*in zur Auslastung mit in die Praxis zu holen, ist wiederum kompliziert und nur unter bestimmten Voraussetzungen zulässig. Einige Therapeut*innen haben deshalb zwar einen vollen Zulassungsplatz, können den aber gar nicht ausfüllen.

Wartelisten gibt es in den meisten Praxen nicht, weil sie für die Therapeut*innen ein zusätzlicher Aufwand wären. Meldet ein*e Therapeut*in dann doch einen freien Platz an die Kassenärztliche Vereinigung, geben sie 20 neue Plätze raus. Für die Therapeut*innen heißt das, ihr Telefon klingelt ab sofort ununterbrochen – obwohl der Platz eigentlich schon längst wieder belegt ist. Jede Praxis ist gesetzlich zu telefonischen Sprechzeiten verpflichtet, zu denen man sie erreichen können sollte. Für die Therapeut*innen bedeutet das: Sie müssen so mehrmals die Woche für 50 Minuten am Telefon sitzen, auch, wenn sie gerade keinen freien Platz haben und niemand anruft. 50 Minuten für eine Sprechzeit, mehrere Stunden in der Woche, in denen sie keine Behandlung anbieten können. Dabei, so erzählt eine Münchner Therapeutin, stellt eine Vielzahl der Patient*innen ihre Anfragen mittlerweile per E-Mail. Für viele ist Telefonieren, bedingt durch ihre Erkrankung, ohnehin ein schwieriges Thema.