Jom Kippur: Wir haben jüdische Menschen gefragt, was sie am höchsten jüdischen Feiertag machen

Jom Kippur ist als Tag der Sühne und Versöhnung der höchste Feiertage im jüdischen Kalender. Eine Lehrerin und drei junge Jüd*innen erzählen, was für sie dahintersteckt.

Wir haben junge Jüd*innen gefragt, was ihnen Jom Kippur bedeutet.

Wir haben junge Jüd*innen gefragt, was ihnen Jom Kippur bedeutet. Fotos: privat

Tamara Guggenheim (58) arbeitet seit 25 Jahren als Religionslehrerin für die jüdische Gemeinde in Düsseldorf. Sie sagt: „Auch wenn Jom Kippur ein ernsthafter Feiertag ist, ist er eigentlich kein trauriger Tag.“ Den theologischen Hintergrund erklärt sie so: „Der Vorstellung nach gibt es ein göttliches Buch, in dem das Leben jedes einzelnen Menschen hineingeschrieben steht. Rosh Hashana [Das jüdische Neujahrsfest, das zehn Tage vor Jom Kippur stattgefunden hat] ist der Tag des Gerichts, an dem wir vor Gott stehen und uns rechtfertigen für unser Handeln – an Jom Kippur wird das Schicksal der Menschen für das kommende Jahr besiegelt.“

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Es ist der Tag im Jahr, an dem gläubige Juden ihre irdischen Bedürfnisse soweit es geht zurückstellen. Dazu gehört das Fasten und der Verzicht auf Luxus: „Wir zeigen so, dass wir bereit sind, das göttliche Urteil entgegenzunehmen – in der hoffnungsvollen Überzeugung, dass es ein gutes ist“, erzählt Guggenheim. Viele Gläubige kleiden sich an Jom Kippur weiß oder tragen ihr Totengewand. Guggenheim selbst ist es am wichtigsten, bequeme Kleidung zu tragen: „Der Tag ist schließlich sehr lang!“

An Jom Kippur wird das Schicksal der Menschen für das kommende Jahr besiegelt.“ – Tamara Guggenheim

Im Judentum beginnt ein Tag schon mit dem Sonnenuntergang am Abend zuvor. „Am Nachmittag vor Jom Kippur nehmen wir eine letzte Mahlzeit ein, eine Art Henkersmahlzeit, um uns bereitzumachen.“ Am Abend findet der Kol-Nidre-Gottesdienst statt, dort werden die unehrlichen Schwüre des letzten Jahres für hinfällig erklärt. „Das ist ein sehr langes und schweres Gebet, das ist das einzige Gebet im Jahr wovon ich denke, dass es für Kinder nicht geeignet ist. Es dauert über zwei Stunden.“

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Am nächsten Tag finden in der Synagoge von morgens bis abends Gebete und Lesungen statt. Nachmittags wird die Geschichte vom Propheten Jona gelesen. Darin ginge es um das Vertrauen in Gott und dass man sich seinen Aufgaben stellen muss, so Guggenheim. Darauf folgt das Ne’ila-Gebet, der Vorstellung nach steht währenddessen der Himmel offen. Das Ende des Tages wird mit dem Blasen des Schofars, eines Widderhorns, in verschiedenen Tönen markiert.

Wir haben drei junge Jüd*innen gefragt, was sie von dem Feiertag halten und wie sie ihn begehen:

Natalia K., 21 Jahre, traditionell

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Foto: privat

Jom Kippur ist der Studentin von Kind an vertraut: „Von klein auf wurde uns gesagt, dass man von Rosh Hashana zehn Tage Zeit hat, seine schlechten Taten wieder gut zu machen.“ Der Versöhnungstag besiegelt daher den eigentlichen Jahresbeginn für sie. Glücklicherweise fällt Jom Kippur in diesem Jahr noch in die Semesterferien. Der jüdische Kalender richtet sich nach Sonne und Mond, so kennt er keine festen Daten für seine Feiertage. Früher ist sie in eine jüdische Grundschule gegangen, dort hatten die Schüler frei an Jom Kippur. „Als Kind muss man nicht fasten und ich bin auch nicht in die Synagoge gegangen, es war ein normaler Feiertag für mich.“

Heute ist Jom Kippur einer der Wichtigsten im jüdischen Jahr für sie. Am Vorabend, auf Hebräisch „Erev Jom Kippur“ genannt, trifft sich auch Natalia mit ihrer Familie zum Abendessen. Danach fastet bis zum nächsten Abend. Am Morgen geht sie in die Synagoge und bleibt dort bis zum Mittag. „Die Atmosphäre ist besonders, man merkt, wie sehr alle in ihre Gebete vertieft sind, das muss man mal erlebt haben.“

Die Kleidervorschriften nimmt Natalia allerdings nicht so genau: „Es ist schwer sich im Herbstwetter ganz weiß zu kleiden, bei mir ist meistens auch ein schwarzes Teil dabei.“ Sie stellt fest, dass besonders viele Menschen an den hohen Feiertagen wie Rosh Hashana und Jom Kippur in die Synagoge kommen, besonders zum Abendgebet. Das nimmt auch Natalia wahr, bevor sie anschließend das Fastenbrechen wieder mit ihrer Familie feiert. Ob es ihr schwer fällt den Tag über auf Essen und Trinken zu verzichten? „Eigentlich gar nicht, in der Synagoge vergeht die Zeit sowieso schnell.“

Anna O., 34 Jahre, orthodox

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Foto: privat

Anna ist nicht religiös aufgewachsen, vor sieben Jahren hat sie zum jüdischen Glauben gefunden. Heute ist die Zeit um Jom Kippur herum extrem wichtig für sie. Anna denkt vor dem Feiertag viel über das letzte Jahr nach. Besonders über die Beziehung zu ihren Mitmenschen: „Wenn wir jemanden verletzt haben, jemanden weh getan haben, entschuldigen wir uns, wir bekennen unsere Sünden.“

An Jom Kippur sollen Jüd*innen alle Streits und Konflikte bereinigt und Fehler eingestanden haben. Anna findet: „Der Mensch sündigt jeden Tag. An Jom Kippur wird zwar die Bekennung der Sünden von Gott angenommen, es reicht aber nicht, wenn ich meine Fehler einfach nur vor Gott bringe. Ich muss zu den Personen, die ich verletzt habe, hingehen und mich persönlich bei ihnen entschuldigen. Es gibt Feste im Judentum, die zwischen den Menschen und Gott stattfinden, aber Jom Kippur ist auch zwischen den Menschen.“

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Anna legt besonderen Wert auf die Beziehung zu ihren Eltern. Am Tag vor Jom Kippur macht sie sich in diesem Jahr auf den Weg zu ihnen, um unausgesprochene Dinge zu klären oder Fehler einzugestehen: „Man kann sich nicht genug bei den Eltern entschuldigen! Manchmal ist es uns gar nicht bewusst, wenn wir etwas Falsches sagen oder tun.“

Da Annas Familie weit entfernt von ihr wohnt, nimmt sie das letzte Essen vor dem Fasten an Jom Kippur meist alleine ein. Den Tag verbringt sie vollständig in der Synagoge, hier trifft sie Freunde und Bekannte. Sie resümiert: „Jom Kippur ist ein freudiges Fest, denn wenn du das Sündenbekenntnis vernünftig gemacht hat, ist dir dein Eintrag ins Lebensbuch sicher. Trotzdem bleibt immer eine Ehrfrucht.“

Yosef D., 21 Jahre, modern orthodox

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Foto: privat

Jom Kippur ist für Yosef der Abschluss einer Phase, in der er sich auf seine Religiosität konzentriert. Auch er verbringt fast den kompletten Feiertag, von einem bis zum nächsten Abend, in der Synagoge. Nachts schläft er bei einem Freund, der in der Nähe wohnt. Für ihn ist es selbstverständlich, sich an die Vorschriften zu halten. Insgesamt besteht neben dem Verbot von Essen und Trinken, auch das Verbot Leder zu tragen, sich zu waschen und sexuellen Kontakt zu haben. Auch wenn ihm die Befolgung nicht immer leichtfällt: „Ich habe das bisher immer durchgezogen, besonders nicht zu essen und zu trinken ist schwer. Aber wenn man sich mental darauf einstellt und es sich erst gar nicht vorstellt, an diesem Tag nicht zu fasten, ist es leichter“, findet er.

Für ihn steht die biblische Geschichte um Jom Kippur im Vordergrund. Der Tag geht auf die Empfängnis der zweiten Gesetzestafeln durch Moses zurück. Gott hatte die ersten Tafeln zerstört, nachdem die Juden das sogenannte Goldene Kalb angebetet hatten. Für Yosef bedeutet diese Geschichte, dass es immer eine zweite Chance gibt, wenn man um Vergebung bittet. Er zieht die Parallele zum jüdischen Volk: „Selbst wenn eine Person Fehler macht und falsch einbiegt, kann es dazu führen, dass sie dadurch größer und klüger wird.“

Wenn Jom Kippur vorbei ist, ist Yosef in erster Line stolz „darauf, dass man den Tag geschafft hat und sich überwunden hat, nicht zu essen und zu trinken und alle Gebete in der Synagoge mitzumachen.“ Seine nichtjüdischen Freunde wüssten allerdings wenig darüber, was er an Jom Kippur mache, sagt Yosef. Dabei findet er, dass es zum Allgemeinwissen gehöre, die wichtigsten Feiertage verschiedener Religionen zu kennen. „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen besser darüber Bescheid wüssten, Bildung fördert die Toleranz!“