Fat Shaming: Warum ich Sport hasse – und Schulsport erst recht

Schulsport macht Spaß? Nicht allen. Ein Kommentar

hans-reniers-mE6e5-5jLu8-unsplash

"Eine Sache, die mir durch mein Gewicht und den Umgang meiner Umwelt damit im Prinzip versaut wurde, ist Sport." Hans Reniers / Unsplash | CC0

Ich bin dick. Ich spreche das nie aus, aber natürlich weiß es trotzdem jede*r. Heute würden wohl auch die meisten Menschen widersprechen, wenn ich das sage, weil sie mich nicht verletzen wollen. Das war nicht immer so, in meiner Kindheit und Jugend ist kaum ein Tag vergangen, an dem mich nicht jemand auf unangenehme Weise daran erinnert hat, dass mit mir etwas angeblich nicht stimmt. Beides ist eigentlich grundlegend falsch, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen: Niemand hätte jemals das Recht gehabt, mich zu beleidigen oder mein Gewicht anderweitig negativ zu kommentieren. Es heute totzuschweigen, weil es ein unangenehmes Thema ist oder sein könnte, ist aber auch falsch. Deswegen ist damit heute Schluss. Ich bin dick und ich will offen darüber reden, was das mit mir macht. Dicksein bringt einiges an Traumapotenzial mit sich – dazu bestimmt zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr. Eine Sache, die mir durch mein Gewicht und den Umgang meiner Umwelt damit im Prinzip versaut wurde, ist Sport.

Seit ich denken kann, hasse ich Sport.

Wie furchtbar Sportunterricht sein kann, dürfte eigentlich für niemanden eine Überraschung sein – außer vielleicht für diejenigen, die immer schon gut in Sport waren und die sich nie mit denen unterhalten haben, denen es anders ging. Und die keine Nachrichten lesen.

Schulsport hat nur denen Spaß gemacht, die von vornherein schon gut waren

Seit ich denken kann, hasse ich Sport. Beim Sport ist mir mein Körper auf unangenehme Weise immer präsent: Er fühlt sich zu schwer und zu ungelenk an. Mir wurde aber immer schon suggeriert, ich müsste mehr Sport machen, um abzunehmen. Gleichzeitig wurde mir aber auch immer, wenn ich Sport gemacht habe, sehr deutlich gezeigt, dass mit mir etwas nicht stimmt, dass ich hier nicht hingehöre. Es wurde nie an abwertenden Kommentaren gespart. In meinem Sportunterricht übrigens in erster Linie von den Lehrkräften. Ein beliebtes Beispiel: Beim Geräteturnen fiel der Satz „Das arme Pferd“ bei dicken Mitschüler*innen.

Es ist also nicht nur so, dass ich mich schon ganz alleine unwohl gefühlt habe, weil ich wusste, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmt. Nein, noch dazu wurde mir im Sportunterricht dann jeglicher Spaß an Bewegung genommen, durch verletzende Kommentare und ein Benotungssystem, das grundsätzlich nur diejenigen belohnt hat, die von vornherein schon gut waren. Während ich also Sport machen sollte, um vermeintlich normaler zu werden, wurde mir gleichzeitig klar gezeigt, dass ich fürs Sporttreiben nicht gut genug bin – eben weil ich nicht normal war.

Kein Kind sollte abnehmen müssen

Ich halte es heute für grundlegend verkehrt, Kindern einzureden, sie müssten abnehmen. Ich halte es für ebenso verkehrt, sie mit diesem Gedanken zum Sport zu schicken. Sport ist für mich seitdem immer mit dem Ziel verbunden, abzunehmen – völlig unabhängig davon, dass ich selbst dieses Ziel nicht verfolge. Und wer einmal versucht hat abzunehmen, weiß wie demotivierend dieser Gedanke sein kann.

Unabhängig von dieser Verknüpfung halte ich aber die Art, wie Sport an Schulen (und zum Teil auch in Vereinen) vermittelt wird, für toxisch. Statt sich darauf zu konzentrieren, Spaß an Bewegung zu vermitteln, werden alle, die nicht von vornherein ein Grundtalent mitbringen, bestraft. Mir wurde in 13 Jahren Schullaufbahn in keiner Sekunde Sportunterricht das Gefühl vermittelt, dass ich dort etwas lernen kann. Niemand hat sich jemals die Mühe gemacht, mit mir zu trainieren und auch nur kleine Verbesserungen wertzuschätzen. Stattdessen habe ich mir viele verletzende Sprüche angehört, schlechte Noten kassiert und bin als letzte von der Bank gewählt worden, bis ich irgendwann beschlossen habe, dass Sport nichts für mich ist und ich deswegen auch einfach nicht mehr mitmache.

Ich habe erst im letzten Jahr ansatzweise festgestellt, dass Bewegung Spaß machen kann.

Neugierig auf Sportarten

Ich habe erst im letzten Jahr ansatzweise festgestellt, dass Bewegung Spaß machen kann und in mir durchaus eine Neugier auf Sportarten schlummert. Es ist für mich aber immer noch schwer, dem nachzugehen. Mit anderen Menschen gemeinsam sportlich aktiv zu sein, ist der Horror für mich. Ich habe Angst vor negativen Kommentaren oder Blicken. Ich weiß, dass ich weniger fit und weniger talentiert bin als die meisten anderen und ich gehe davon aus, dass alle automatisch denken: „Kein Wunder, dass die Dicke das nicht kann.“ Was im Grunde nicht mal unwahr ist, aber nicht, weil ich körperlich nicht in der Lage bin, sondern weil ich mein Leben lang vermieden habe, mich sportlichen Herausforderungen zu stellen, aus Angst vor genau diesen Kommentaren. Ich versuche daher jetzt langsam, Spaß an Bewegung zu fördern und mich nicht von vermeintlichen Urteilen anderer beeindrucken zu lassen. Vielleicht komme ich irgendwann mal an den Punkt, an dem ich einfach so aus Spaß mit Freund*innen sportliche Aktivitäten plane, statt aus fadenscheinigen Gründen abzusagen.

Das Problem geht euch alle an!

Wir könnten jetzt alle so tun, als wäre das mein Problem. Meine Unsicherheit, an der ich arbeiten muss. In Wirklichkeit geht das aber euch alle an. Ihr alle spielt mit in dem Spiel, das mir und vielen anderen das Gefühl vermittelt, falsch zu sein. Dadurch, dass ihr alle Schönheitsidealen hinterherlauft. Jedes Mal, wenn ihr davon erzählt, dass ihr abnehmen wollt oder jemanden dafür lobt, abgenommen zu haben. Wenn ihr euer Essen oder das Essen anderer kommentiert. Wenn ihr die Kleidung anderer kommentiert. Und eben auch jedes Mal, wenn ihr in eurem Sportkurs jemanden schief anguckt oder euch darüber beschwert, wenn jemand (noch nicht) gut genug ist. Niemand ist mehr so offen feindlich wie zu Schulzeiten. Aber glaubt nicht, dass die subtilen Nachrichten nicht auch ankommen. Die gute Nachricht ist: Es muss so nicht sein.

Was wir alle dagegen tun können:

Das richtet sich nicht nur an Sportlehrer*innen – obwohl ich überzeugt davon bin, dass es hier dringlichen Reformbedarf gibt und ich weiß, wie viele Sportlehrer*innen bei mir und anderen Menschen psychische Schäden angerichtet haben. Es richtet sich an euch alle, vor allem diejenigen unter euch, die nicht nachvollziehen können, warum Sport für manche Menschen so negativ besetzt ist. Dies geht raus an die coolen Kids, die in Sport immer schon eine Eins hatten und noch nie als Letzte von der Bank gewählt wurden. Jede*r von uns kann in diesen Punkten besser werden. Und jede*r einzelne kann dazu beitragen, dass das Leben von anderen weniger beschissen ist.

Hört auf mit Fat Shaming. Körper sind unterschiedlich. Menschen sind unterschiedlich. Kein Körper ist besser als der andere. Sportlichkeit hat nichts mit Gewicht zu tun.

Mehr Spaß, weniger Wettbewerb. Wenn schon immer alle argumentieren, dass Sportunterricht so wichtig ist, um Bewegung in das Leben der Schüler*innen zu bringen, dann stellt doch einfach den Spaß in den Vordergrund. Nicht alles muss benotet werden. Es muss nicht immer darum gehen, höher, schneller oder weiter zu kommen.

Übung statt Talent. Das ist etwas, das ich selbst tatsächlich immer noch nicht ganz verinnerlicht habe. Um in Dingen gut zu werden, braucht es in erster Linie Übung und nicht Talent. Statt also grundsätzlich zu belohnen, wenn jemand etwas gut kann, fokussiert euch doch lieber darauf, denen, die es noch nicht können, beizubringen, wie sie besser werden können.

Unterstützt euch. Gebt Mobbing keinen Raum. Unterstützt euch und habt Spaß zusammen. Kämpft gemeinsam gegen toxische Strukturen.

Bildet Banden. Oder eigene Sportvereine. Ich kann den Sportunterricht als Institution verteufeln und mit Hass auf die coolen Kids meiner Schulzeit zurückblicken. Ich kann lange Reden darüber schwingen, was sich in der Gesellschaft ändern muss. Letzteres ist richtig und wichtig. Genauso wichtig ist es aber, dass ich mich im Hier und Jetzt darum kümmere, dass ich mit mir und mit dem Sport cooler werde. In klassischen Sportkursen wird das nix – dafür erinnert mich das alles zu sehr an früher. Ich träume daher von einem eigenen Sportverein für unsportliche Menschen. Ein Verein für alle, die gerne mal etwas ausprobieren und lernen möchten, ohne sich dabei schlecht zu fühlen.


Dieser Artikel von Nina Schröter erschien zuerst auf EDITION F.

Hier könnt ihr EDITION F auf Facebook folgen.