„Feiern kann jede*r“ – So funktioniert ein Festival für alle

Dass Veranstaltungen barrierefrei konzipiert und umgesetzt werden, ist noch immer die Ausnahme. Das Pop-Kultur Festival in Berlin zeigt, wie es gehen kann.

Pop-Kultur 2018: Ein Festival für alle

Inklusion vor, hinter und auf der Bühne Fotos: Pop Kultur Festival / Collage: Elif Kücük

Das Gelände ist barrierefrei, sodass auch Rollstuhlfahrer*innen überall reinkommen. Alle Gäste, die zum Beispiel wegen einer Behinderung Unterstützung brauchen, können sich vor Ort an die Mitarbeiter*innen wenden. So steht es unter dem Menüpunkt Barrierefreiheit auf der Webseite des Pop Kultur-Festivals, das heute in Berlin beginnt. „Wir gestalten unser Festival so barrierearm und inklusiv wie möglich“, sagen die Macher*innen. Das klingt gut und sollte eigentlich selbstverständlich sein. Dass Veranstaltungen barrierefrei gedacht und durchgeführt werden, ist aber nach wie vor eine Ausnahme. Ausreden gibt es immer: zu teuer, zu kleine Zielgruppe, zu aufwendig, lohnt sich nicht.

Die Macher*innen des Pop-Kultur Festivals sehen das anders. „Die eigenen Sinne für Barrierefreiheit zu schärfen – das kostet in erster Linie Motivation und Willen und eine Entscheidung, Kapazitäten genau dafür frei zu machen“, erklärt Anika Väth, die Pressesprecherin des Festivals ihre Haltung. Diese zu kommunizieren sei ein Schlüssel für eine barrierearme Veranstaltung. Menschen mit Behinderungen sollen sich willkommen fühlen und müssen erfahren, dass die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. So arbeitete das Pop-Kultur Festival mit Fachstellen, Netzwerken und Multiplikator*innen im Bereich Inklusion zusammen. „Jedes einzelne Venue des Festivals wurde von der erfahrenen Diversity Managerin Elnaz Amiraslani gecheckt“, sagt Anika Väth.

Inklusion auf, hinter und vor der Bühne

„Der Wille zählt“, meint auch Katja Lucker, eine der Festivalleiter*innen und Musicboard Berlin-Chefin. „Uns ist wichtig, Inklusion auf, hinter und vor der Bühne zu fördern“, erklärt sie die Pionier*innen-Arbeit des Festivals. Und so ist das inklusive Konzept auch wirklich in jeder Hinsicht zu sehen, zu hören und zu spüren. Unterstützung für alle Menschen, die sie benötigen, gibt es am Treffpunkt im Hof der Berliner Kulturbrauerei. Für besondere Situationen, die persönliche Ansprache oder Unterstützung erfordern, findet man dort sogenannte Kulturlots*innen. Der Treffpunkt soll außerdem eine Austausch- und Informationsstelle für Initiativen der inklusiven Popkultur-Arbeit sein. Vorab war das Team des Pop Kultur-Festivals für alle Fragen rund um die barrierefreie Durchführung per E-Mail erreichbar. Digital gibt es eine Festivalbeschreibung für Menschen mit Sehbehinderung und eine in leichter Sprache. Einige Konzerte werden von der Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber übersetzt.

Eine, die es gewohnt ist, auf Barrieren beim Ausgehen zu treffen, ist Laura Gehlhaar. „In der Clubszene kommt es nicht selten vor, dass ich mich ein paar Stufen hoch oder runter tragen lassen muss“, sagt die Autorin und Aktivistin. Und warnt: „Das ist nichts für jede*n und kann auch mal böse enden, wenn Alkohol im Spiel ist.“ Laura Gehlhaar beobachtet immer wieder, dass sie beim Ausgehen mit dem Rollstuhl schräg angeschaut wird. „Es assoziieren wohl noch nicht alle Behinderung mit Party, Spaß und Festivals. Ich denke mir dann: Leute, gewöhnt euch dran, denn wir werden immer mehr!“

Vielfältiges Line-up

Auch über die Bedürfnisse der Besucher*innen hinaus denken die Festival-Macher*innen Vielfalt mit. Im Audio-Guide in leichter Sprache heißt es dazu: „Dem Festival ist es sehr wichtig, dass verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern zusammen kommen und es ist auch wichtig, dass gleich viele Männer und Frauen mitmachen.“ Das Line-up ist vielfältig – trotz einiger Absagen von Künstler*innen – nicht nur, was die Geschlechter der Künstler*innen angeht, sondern auch in Bezug auf Alter, kulturelle Herkunft, Behinderung und Renommee in der Popkultur-Welt. So gibt es die Kategorie Pop-Kultur Nachwuchs, unter der Nachwuchstalente auftreten. Diese Konzerte sind allen Menschen auch ohne Eintritt und ohne Festivalticket zugänglich.

Pop-Kultur 2018: Ein Festival für alle
„Feiern kann jede*r.“ Autorin und Aktivistin Laura Gehlhaar Foto: Schall&Schnabel

Ein Festival, bei dem es ausschließlich um Inklusion geht, würde Laura Gehlhaar übrigens nicht besuchen. Sie wünscht sich Veranstaltungen, die Menschen mit Behinderungen und sonstigen Bedürfnissen ganz selbstverständlich mitdenken. Eben so wie es das Pop-Kultur Festival macht: ein Musikfestival mit über 150 Künstler*innen und Bands, über 40 Konzerten, Talks und Workshops. Ein Festival, das die Bedürfnisse von unterschiedlichsten Menschen einfach mitdenkt, das aber vor allem Kunst, Musik und Austausch als Leitthemen hat. Das Argument der kleinen Zielgruppe kann Laura Gehlhaar nicht mehr hören. Auch sie findet, dass es auf die Kommunikation ankommt. „Die Anfrage von Menschen mit Behinderungen nach inklusiven Angeboten zum Ausgehen ist da und wäre definitiv größer, wenn man von Beginn an alle Menschen mitbedenkt und das auch öffentlich kommuniziert.“ Und eins ist sicher, so Laura Gehlhaar: „Feiern kann jede*r“.

[Außerdem auf ze.tt: Wie es sich als Kleinwüchsige auf einem Festival anfühlt]


Wer sich am Pop Kultur-Festival ein Beispiel nehmen möchte, bekommt Tipps beim Online-Portal Ramp-up.me. Die Webseite führt die Besucher*innen Schritt für Schritt durch die Planung einer inklusiven Veranstaltung, vom barrierefreien Veranstaltungsort über ein vielfältiges Programm bis hin zur Kommunikation, die wirklich alle Menschen anspricht.