„Find Me“: Die „Call Me By Your Name“-Fortsetzung ist ein Meisterwerk

Mit Find Me setzt André Aciman seinen queeren Kultroman Call Me By Your Name fort. Bei Leser*innen schneidet das Buch schlechter ab, dabei handelt es sich um den wahrscheinlich besten Liebesroman des Jahres. Eine Kritik

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Find Me ist eine gelungene Fortsetzung der queeren Lovestory "Call Me By Your Name". Buchcover: dtv

Call Me By Your Name, André Acimans erster und berühmtester Roman, war einer, den man mit allen Sinnen zu durchleben glaubte. Als die Liebesgeschichte 2007 erschien, überschlugen sich Kritiker*innen und Fans weltweit mit Lob. 2017 folgte eine ebenfalls grandiose Verfilmung von Luca Guadagninos. Darin schlüpfte Timothée Chalamet in die Rolle von Acimans Protagonist Elio, der seine Sexualität entdeckt. An der italienischen Riviera verliebt sich der 17-jährige Intellektuellensohn in den Doktoranden Oliver – bis sich am Ende des Sommers ihre Wege auf tragische Weise wieder trennen.

Sowohl der Roman als auch die Verfilmung sind mittlerweile kanonischer Bestandteil der queeren Popkultur. Die Fangemeinde wollte mehr. Und so setzte sich André Aciman erneut an den Schreibtisch und veröffentlichte 2019 die Fortsetzung Find Me. Seit Kurzem ist der Roman auch in Deutschland erhältlich. Beim Blick auf die Durchschnittsbewertungen auf einschlägigen Plattformen fällt auf: Die Fortsetzung schneidet schlechter ab als der Vorgänger. Manche Fans äußern sich gar erzürnt über die Weitererzählung ihrer geliebten Figuren. Dabei ist der Roman doch äußerst interessant.

Eine queere Utopie?

Call Me By Your Name erlebte bei seiner Veröffentlichungen einen Hype, weil die queere Lovestory wie ein Befreiungsschlag wirkte. Weil die Liebe zwischen den jungen Männern eben nicht als weitere, klischeehafte Problemgeschichte aufbereitet wurde. Weil Homophobie, Mobbing und Aids ausnahmsweise keine Rolle spielten. Und weil Orientierungen und Kategorien wie „schwul“ und „bisexuell“ schlichtweg egal waren.

Aciman hatte in der italienischen Ferienidylle eine queere Utopie kreiert. Ein Paradies, in dem jede*r Verständnis für den*die andere*n hatte und in dem alle Gefühle ausgelebt werden konnten. Ein Paradies, das erst zum Schluss aufgebrochen wurde, als es für die Figuren unvermeidbar wieder zurück in die Welt da draußen ging.

In Find Me erzählt Aciman nun von der Wiederbegegnung von Elio und Oliver außerhalb des Paradieses, Jahre später. Doch es handelt sich dabei um keine klassisch erzählte Weiterführung ihrer Geschichte. Elio tritt erst nach etwa 100 Seiten in Erscheinung; es vergeht eine Ewigkeit, bis es zum Wiedersehen mit Oliver kommt. Find Me verhandelt unterdessen Größeres als die Zweierbeziehung aus Teil eins. In vier lose verknüpften Kapitel erzählt Aciman, wie die bekannten Figuren über Jahre hinweg sich selbst und Fremden begegnen, immer auf der Suche nach Erfüllung.

Find Me erzählt vom Älterwerden

Die Sommerhitze weicht einer Herbstatmosphäre. Alle Figuren haben beachtliche Karrieren hingelegt und hängen emotional in der Vergangenheit fest, unfähig, sich neu zu binden. Die ständigen Perspektiv- und Partner*innenwechsel erinnern an Arthur Schnitzlers berühmten Skandaltext Reigen. Auch dort trafen die Figuren in verschiedenen Konstellationen immer wieder in erotischen Begegnungen aufeinander, nur um auf Traurigkeit und Enttäuschung zuzusteuern.

Aciman fragt dabei, ob einschneidende, konservierte Gefühle und Träume von früher Bestand haben können. Angenommen man würde einem geliebten Menschen von damals wieder begegnen: Wäre er immer noch der gleiche? Laufen Elio und Oliver vielleicht nur einer Illusion nach und wir mit ihnen? „Ich bin Künstler, mein Freund, für Antworten bin ich nicht zuständig. Künstler kennen nur Fragen“, heißt es in einer Szene. Den Roman fasst das ganz gut zusammen.

Call Me By Your Name war ein Roman über die erste große Liebe. Find Me ist einer darüber, ob und wie man nach ihrem Ende weiterleben kann. Wie man älter wird und auf halber Strecke plötzlich sein ganzes Leben hinterfragt.

Es wird wieder philosophiert, gedichtet und zitiert

Angesiedelt in einem Intellektuellen-Milieu wird wieder philosophiert, gedichtet und zitiert, was das Zeug hält. Ja, man darf sich dabei fragen, wie lange man studieren muss, bis es selbstverständlich wird, nach dem Sex Goethe zu zitieren. Und doch ist es ein Glücksfall, mal wieder einen so intelligenten Liebesroman lesen zu können, der fernab von Geschmachte und kleinen Befindlichkeiten stattfindet. In dem romantische Konflikte mit Argumenten und nicht mit Gekeife ausgetragen werden. Wahrscheinlich können nur bei Aciman Gespräche über Dostojewski, Musik- und Zeittheorie und andererseits pure Lust so harmonisch einhergehen, ohne dass es jemals peinlich wird.

Der Roman zeigt, wie die Liebe auf einer intellektuellen Ebene geknüpft und reflektiert werden kann, ohne dass man sie rationalisiert. Find Me schildert das Dilemma seiner gebildeten Figuren, die sich permanent selbst und gegenseitig hinterfragen, aber dann doch von innersten Regungen überwältigt werden.

Gleichsam ist ein hoch erotischer Roman herausgekommen, dessen Sexszenen weder prüde noch pornographisch sind, weil sie immer genau im richtigen Moment enden, wo es nur noch um körperliche Mechanik geht.

Die Angst vor dem Ende

Die Kritiker*innen des Altersgefälles zwischen Elio und Oliver werden auch in der Fortsetzung wieder Zündstoff finden, auch in Find Me wird mehrfach über Generationengrenzen hinweg geliebt. Weil es auch darum geht, welche Wünsche die Figuren auf Vor- und Nachfahren projizieren, die sie in ihrem Leben nie verwirklichen konnten. Und weil sie einfach einander die Zuneigung geben, die sie gerade brauchen. Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, selbst Zeit und Ort, all das spielt bei André Aciman keine Rolle. Ihn interessiert, wie Menschen versuchen, sich gegenseitig zu verstehen, und sich der körperlichen Anziehung hingeben.

Aciman erweist sich als einer der wahrscheinlich größten Romantiker der Gegenwartsliteratur. Das Idealbild, das er vom Menschen und einer unendlichen Liebe zeichnet, ist eskapistisch, aber er zeigt auch, wie zerbrechlich es ist. Das größte Kompliment, das man Find Me machen kann, ist wohl, dass der Roman im Grunde viel zu kurz ist. Wie schon in Call Me By Your Name hat man Angst vor der letzten Seite. Weil Acimans Romane eine der wenigen Orte sind, an denen noch so leidenschaftlich geliebt werden kann. Und weil man noch nicht bereit ist, diese vielschichtigen Charaktere ein zweites Mal zu verlieren.

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