Fototagebuch während der Corona-Krise: So still kann New York sein

Die Fotografin Mariana Meraz dokumentierte ihr Leben in New York während der Corona-Pandemie. Ihre Fotos zeigen, wie unangenehm Leere aussehen kann.

Laut einem Wikipedia-Eintrag gibt es mindestens 13 Städte weltweit, denen man nachsagt, sie würden niemals schlafen. Doch die Stadt New York dürfte die erste gewesen sein, die diesen Spitznamen trug. „I want to wake up in that city that never sleeps„, sang Liza Minelli schon 1977 im Scorsese-Film New York, New York – richtig bekannt wurde die Textzeile jedoch erst zwei Jahre später, als Frank Sinatra den Song erneut aufnahm.

Die Bilder der Fotografin Mariana Meraz zeigen, dass die US-amerikanische Stadt durchaus schlafen kann – wenn sie dazu gezwungen wird.

Am 1. März wurde die erste Corona-Infektion in der Stadt bestätigt. Es folgten drei Wochen, in denen Bürgermeister Bill de Blasio und Gouverneur Andrew Cuomo den Alltag weitgehend normal weiterlaufen ließen. Erst am 20. März verkündete Cuomo massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Zu diesem Zeitpunkt war New York bereits das neue Epizentrum der Pandemie.

Die Stadt wurde in den Zwangsschlaf versetzt. Alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte mussten schließen. Alle nicht notwendigen Treffen wurden verboten. Die New Yorker*innen sollten in ihren Wohnungen bleiben – Tourist*innen kamen ohnehin keine mehr. „New York on pause„, wird diese Phase genannt.

„Passiert das wirklich oder träume ich?“

Mariana Meraz führte während dieser Zeit ein visuelles Tagebuch. Ihre Fotos veröffentlichte sie in dem Bildband 19TIMES, das die Pandemie in New York in 19 Phasen einteilt. „Timeout„, heißt ein Kapitel, „Sleep„, ein anderes, „Silent“ erzählt von der Stille der Stadt, „Nostalgia“ von einem New York vor der Pandemie. Meraz‘ Bilder zeigen eine überwiegend leergefegte Stadt.

Besonders eindrücklich ist diese Leere an Orten, die man sonst nur von Menschenmassen gefüllt kennt. Zum Beispiel der New Yorker Times Square: Durchschnittlich 330.000 Menschen überquerten den Platz täglich. Während New York pausiert, strahlen die bunten Leuchtreklamen, für die der Platz bekannt ist, in den menschenleeren Raum – eine Szene wie aus einem Endzeitfilm. Meraz‘ Fotos zeigen, wie unangenehm Leere und Stille sein kann – die Pandemie ist die eigentliche Protagonistin der Fotos – auch, wenn sie nirgends greifbar wird.

Die City hatte immer noch ihren üblichen Glanz und ihre Schönheit, aber für mich sah sie aus wie ein Körper, dem die Seele fehlt – die Menschen.

Mariana Meraz

„Es war sehr unwirklich, vor allem, weil ich New York immer als Ort voller Energie, Kultur und Leben gesehen habe“, sagte Meraz dem Monopol Magazin. „New York wurde plötzlich zur Stadt, die schlafen musste. Die City hatte immer noch ihren üblichen Glanz und ihre Schönheit, aber für mich sah sie aus wie ein Körper, dem die Seele fehlt – die Menschen.“

Ein Kapitel hat die Fotografin der Panik gewidmet. Datiert ist es auf den 13. März. Meraz schreibt: „Die Leute fangen an, panisch einzukaufen und die Regale von Supermärkten und Geschäften zu leeren. Beim Einkaufen dachte ich mir: Passiert das wirklich oder träume ich?“

Eine Woche später steckte die Stadt Mitten im Krisenmodus. Bilder von langen Schlangen vor Krankenhäusern und LKWs, in denen behelfsmäßig Leichen gekühlt werden, gingen um die Welt. Über 200.000 bestätigte Infizierte gibt es mittlerweile allein in New York City. Mehr als 30.000 Menschen sind gestorben.

th


19TIMES ist 2020 beim Kerschensteiner Verlag erschienen.