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Frauen, die Pornos gucken, kommen eher zum Orgasmus

Frauen, die Pornos gucken, kommen leichter – und werden immer noch stigmatisiert. Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming erklärt, wie Pornografie empowern kann.

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Die eigene Lust wertfrei entdecken. Foto: Gantas Vaičiulėnas / Pexels | CC0

Vorhänge zu, Laptop auf – Porno an. Ohne Duftkerzen und sanfte Musik, einfach so fremden Leuten beim schnörkellosen Sex zugucken und dabei kommen. Jede*r entwickelt eigene Vorlieben. Manche haben Lieblingsclips, zu denen sie immer wieder zurückkehren. Das ist oft stimmungsabhängig, manchmal soll es einfach nur schnell gehen, manchmal spielt Neugier eine Rolle, je nachdem.

Und ja, ich rede hier von Frauen, die Pornos gucken. Laut einer Umfrage von Pornhub aus dem Jahr 2018 liegt der Anteil der Nutzerinnen weltweit bei 29 Prozent, in Deutschland sind es fast ein Viertel. Eine Studie hat nun unlängst im Detail beleuchtet, inwieweit sich die Sache mit den Pornos beim Solosex auf die weibliche Sexualität auswirkt. Dass das regelmäßige Schauen von Pornos abstumpfen lässt, konnten die Forscher*innen nicht feststellen. Im Gegenteil.

Intensivere Orgasmen? Yes, please!

Für ihre Untersuchung haben Psycholog*innen aus den USA und Ungarn 2.433 Frauen aus beiden Ländern anonym befragt und ihr Augenmerk darauf gelegt, wieviel Zeit die Befragten bis zum Orgasmus brauchen, wie sich die Orgasmen anfühlen, ob es dabei Schwierigkeiten gibt – und zwar sowohl bei der Masturbation als auch beim Sex mit Partner*innen.

Weibliche Lust ist in westlichen Kulturen jahrhundertelang unsichtbar gemacht und pathologisiert worden.

Madita Oeming, Kulturwissenschaftlerin

Ergebnis: Frauen, die regelmäßig Pornos gucken, fühlen sich bei der Selbstbefriedigung unter anderem schneller erregt, sie genießen mehr, kommen leichter zum Orgasmus und erleben intensivere Höhepunkte.

Auch beim Sex mit anderen fällt es ihnen laut Studie leichter, sich erregt zu fühlen. Wenn Frauen Pornos gucken, sei das normal und wirke sich nicht auf die zwischenmenschlichen sexuellen Begegnungen und Beziehungen aus.

Woran das liegen könnte, erklärt mir die Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Porno befasst: „Es liegt nahe, dass Frauen, die offen für Pornografie sind, allgemein ein höheres Maß an sexueller Neugierde und Experimentierfreudigkeit mitbringen, was wichtige Faktoren für eine erfüllte Sexualität sind.“

Die Frauen, die Pornos gucken, wollen sich bewusst und gezielt erregen lassen und würden laut Madita Oeming dadurch das Selbstverständnis zeigen, ein Anrecht auf sexuelles Erleben zu haben: „Und damit fängt sexuelle Befreiung an.“ Trotzdem haftet Pornos schauenden Frauen auch im Jahr 2020 noch immer häufig ein gewisses Stigma an.

Pornos gucken gilt als unweiblich

Die Hintergründe sind vor allem gesellschaftlich verankert. „Weibliche Lust ist in westlichen Kulturen jahrhundertelang unsichtbar gemacht und pathologisiert worden. Man denke nur an Schlagworte wie Hysterie oder Nymphomanie“, sagt Madita Oeming. „In unsere soziale Rolle ist Sexualität bis heute primär zur Reproduktion oder zur Befriedigung männlicher Lust eingeschrieben – Selbstbefriedigung bedient keine dieser Funktionen.“

Deshalb gelten Frauen, die Pornos aus purem Selbstvergnügen schauen, als nonkonformistisch. Auch heute noch.

Wer sich selbst wertfrei erlaubt, das zu erforschen und sich selbst zu entdecken, kann nur gewinnen.

Madita Oeming, Kulturwissenschaftlerin

Diese gesellschaftliche Grundströmung zeige sich auch in der Sprache: „Wir benutzen mit ‚Vagina‘ ein Wort für unsere Genitalien, das eigentlich nur den Geburtskanal beschreibt“, sagt Madita Oeming. Für die weibliche Lust sei als Teil der Vulva jedoch die Klitoris entscheidend. „Sie ist weit mehr als nur ein Kitzler„, sagt die Pornoforscherin. Trotzdem komme sie in fast keinem Schulbuch und nur in wenigen Medizinbüchern vor. Viel mehr müsse man laut der Kulturwissenschaftlerin über den Status weiblicher Lust in unserer Kultur eigentlich nicht wissen.

Auch Genderstereotypen spielen ein Rolle. „Demnach wären Frauen angeblich weniger visuelle Wesen oder würden unmöglich die Art von Sex sehen wollen, die der Mainstream-Porno bietet“, sagt Madita Oeming. „Frauen berichten auch immer wieder, dass sie einfach gar nicht auf die Idee kommen, Pornos zu konsumieren. Es ist in ihren Köpfen fest als etwas für Männer verankert.“

Und in der Stigmatisierung von Pornokonsum bei Frauen komme all das zusammen.

So kann Porno Frauen empowern

Die Debatte, ob Pornos Frauen unterdrücken oder ermächtigen, wird oft hitzig geführt. Für beide Seiten gibt es Argumente. Dabei ist die Ansicht, dass Pornos ausbeuterisch und unterdrückend wirken, wesentlich weiter verbreitet – und auch ein Grund dafür, warum Frauen, die Pornos gucken und offen darüber reden, mit Stirnrunzeln, Kritik oder sogar Anfeindungen zu rechnen haben.

Ich sehe im Porno Frauen schwitzen, schreien, grunzen, loslassen – das befreit mich.

Madita Oeming, Kulturwissenschaftlerin

Dabei können Pornos für Frauen durchaus auf mehrere Weisen selbstermächtigend wirken. „Ich begegne in ihnen – entgegen ihrem schlechten Ruf – oft aufgebrochenen Geschlechterrollen und Frauen, die unangepasst und ungehemmt Sex genießen“, meint Madita Oeming.

„Zum einen beschreiben Darstellerinnen oft, wie sie ihrer Sexualität im Porno Ausdruck verleihen und dort auch einen sicheren Ort gefunden haben, an dem sie bestimmte Vorlieben in einem professionellen Kontext ausprobieren können“, so die Pornoforscherin. „Ihnen dabei zuzusehen, empfinde ich auf Konsumentinnenseite wiederum als empowernd.“

In Pornos sei inzwischen auch eine Vielfalt verschiedener Körper zu sehen – deutlich mehr als in den Mainstream-Medien. Das beginne schon mit der Vulva. „Heterosexuelle Frauen haben in ihrem Leben oft nur eine, nämlich die eigene, Vulva wirklich gesehen – wenn überhaupt – und denken oft, dass sie nicht schön oder nicht normal sei“, so Madita Oeming. Das schränke viele Frauen in ihrer Sexualität ein.

Und anders, als immer wieder gerne behauptet werde, finde sich eine Vielzahl von Vulven in Pornos. Verschiedene Körper, unterschiedliche Vulven begehrt zu sehen, das könne laut Madita Oeming zu mehr Selbstakzeptanz und dadurch sexueller Befreiung führen: „Es kann etwas mit uns machen, zu sehen, wie eine Frau sich so wohl mit ihrem sexuellen Körper fühlt, dass sie ihn vor der Kamera mit uns teilt. Ich sehe im Porno Frauen schwitzen, schreien, grunzen, loslassen – das befreit mich.“

Wer beim Solosex herausfindet, was sich gut anfühlt, kann das dann auch gegenüber anderen Menschen besser beim Sex kommunizieren.

Madita Oeming, Kulturwissenschaftlerin

Selbstliebe statt Scham

Letztlich ist es so, dass sich ein von Akzeptanz und Selbstliebe und nicht von Scham geprägtes Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Sexualität auf alle Bereiche ausdehnt.

„Wer sich selbst wertfrei erlaubt, das zu erforschen und sich selbst zu entdecken, kann nur gewinnen“, fasst Madita Oeming zusammen. „Und wer beim Solosex herausfindet, was sich gut anfühlt, kann das dann auch gegenüber anderen Menschen besser beim Sex kommunizieren.“

Und deshalb haben Frauen, die Pornos gucken, den besseren Sex.

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