Vormarsch der Fem-Porn-Szene: „Frauen gehören nicht aus der Pornografie heraus, sondern hinein“

Bisher wurden Pornos fast nur von Männern produziert. Seit einigen Jahren erobern Frauen wie Erika Lust die Szene. Endlich geht es um die Lust der Frau.

Die gelangweilte Hausfrau schläft mit dem Postboten. Der Stiefvater mir seiner Stieftochter. Die Mutter verführt den Freund ihrer Tochter. Auch die sexy Krankenschwester, Stewardess oder Lehrerin hat nur eins im Kopf: Sex. Oder besser gesagt, die Lustbefriedigung des Mannes.

Die Welt der Mainstream-Pornografie ist eine sexistische und rassistische. Wo Frauen dauergeil zu sein scheinen, von null auf hundert innerhalb von Sekunden kommen und zufälligerweise alles lieben, was Männern gefällt. Weiße Porno-Darstellerinnen bekommen noch heute mehr Geld, wenn sie interracial Sex vor der Kamera haben, und schwarze Darstellerinnen oder Darstellerinnen of Color gelten als exotisch oder Fetisch.

Blowjobs wie Hausaufgaben

Nun ist die Realität zum Glück nicht so, oder vielleicht doch? Seit einigen Jahren wird über die weibliche Lust diskutiert. Es besteht zunehmend Konsens darüber, dass Frauen keine Objekte im Bett und nicht nur dafür da sind, dem Mann zu gefallen. Trotzdem zeigen Studien, dass es vielen Frauen vor allem wichtig ist, im Bett zu gefallen.

In einem Interview mit dem Tagesanzeiger erzählt die Psychologin Sandra Konrad von einer Studie unter Highschool-Schülerinnen in New York: Die Mehrheit der Mädchen sieht einen Blowjob als eine Pflicht an, ein Mädchen vergleicht es explizit mit Hausaufgaben. Eine lästige Arbeit, die gemacht werden muss, etwas, das sie lernen müssen und wofür sie dann bewertet werden. Die eigene Lust spielt dabei keine Rolle. Es geht darum, dass die Bewertung gut ausfällt. In ihrem Buch Das beherrschte Geschlecht zeigt die Psychologin anhand der weiblichen Sexualität auf, wie schlecht es um die Selbstbestimmung der Frau steht.

[Außerdem auf ze.tt: Eine Regisseurin dreht Pornos mit Sex wie im echten Leben]

Das Bedürfnis zu Gefallen kommt nicht von ungefähr. Denn auch wenn wenig über Pornografie gesprochen wird, beeinflusst sie das Leben. Es wird geschätzt, dass Pornografie ein Drittel des gesamten Datenverkehrs im Netz einnimmt. Ein Großteil davon ist Mainstream- und Amateurpornografie. Man kann also Pornografie durchaus als ein Massenmedium bezeichnen. Während wir beispielsweise die Inhalte von TV-Sendungen, Filme, Büchern oder Zeitungen ständig diskutieren und vor allem kritisieren, spricht über das Medium, das alle betrifft, kaum jemand.

Durch Pornos mehr über Sex lernen als in der Schule

Dabei werden die Konsument*innen von Pornografie durch das Internet und den damit verbundenen fehlenden Barrieren immer jünger. 40 Prozent der 14 bis 18-Jährigen, die bereits sexuell aktiv sind, geben an, dass sie durch Pornografie mehr über Sex gelernt haben als in der Schule. Pornos prägen die Vorstellungen von jungen Menschen, wie Sex auszusehen hat. Auch Erwachsene werden von den Inhalten, Erwartungen und Fantasien beeinflusst – auch wenn uns klar ist, dass die ständig geile Hausfrau nicht der Realität entspricht. Das beginnt bereits bei Schönheitsidealen: Frauen mit Brüsten wie Wassermelonen und Männer mit großen Penissen sind Ideale, die die Pornografie miterschaffen hat.

Studien zeigen, dass Frauen mit dem bestehenden Markt unzufrieden sind

Einer von drei jungen Frauen, die Pornografie konsumieren, fällt es schwer, Inhalte zu finden, die ihr gefallen. Kritisiert wird beispielsweise die Darstellungsweise, die überwiegend von einer männliche Perspektive geprägt ist, dem sogenannten male gaze. Woher dieses Phänomen kommt, ist einfach zu erklären: Es sind überwiegend weiße, heterosexuelle Männer, die Mainstream-Pornografie für eine Zielgruppe, die ebenfalls weiß, männlich und heterosexuell ist, gestalten und produzieren.

Seit einigen Jahren bewegt sich etwas in der Porno-Industrie. Produzentinnen wie Jennifer Lyon Bell, Petra Joy und Erika Lust mischen nun mit.

© LUST PRODUCTIONS S.L.

Die Schwedin Erika Lust produziert seit 2004 feministische und ethische Pornografie. Neben mehreren Filmen im Independent-Adult-Cinema-Bereich, wie sie es selbst bezeichnet, startete sie auch Projekte, die sich für einen offeneren Umgang mit Sexualität einsetzen. Ein Beispiel ist XConfessions: Menschen können der Regisseurin ihre Fantasien schicken und sie macht daraus Kurzfilme.

Gegenüber ze.tt erklärt sie: „Ich denke, dass Partizipation sehr wichtig ist. Wenn du dir die heutige Sexindustrie anschaust, wirst du sehr schnell verstehen, dass sie hauptsächlich von Männern betrieben wird. Männer sind Produzenten, Männer sind die Filmverleiher, Männer sind die Firmeninhaber und Männer sind diejenigen, die wirklich Geld verdienen. Und was ich sehe, ist, dass sie ein Produkt machen, das grundsätzlich für andere Männer gedacht ist.“ 

Lust selbst versucht, dem entgegen zu wirken. Ihr Team besteht zum Großteil aus Frauen und alle stehen zu ihren Job. „Ich als Frau habe realisiert, dass sich Pornografie nicht wirklich an mich richtet. Da waren so viele verschiedene Sachen in den Filmen, die mir das Gefühl gegeben haben, dass ich eine Außenseiterin bin. Dass ich nicht wirklich Teil davon bin, mich nicht mit der Geschichte und den gezeigten Charakteren identifizieren konnte.“ Für Lust gibt es nur einen Weg, in der Porno-Industrie etwas zu verändern: Frauen gehören nicht aus der Pornografie raus, sondern hinein. Und zwar nicht nur vor die Kamera, sondern auch hinter sie. Als Produzentinnen, Regisseurinnen, Maskenbildnerinnen und so weiter.

[Außerdem auf ze.tt:Wie der Feminismus die Pornografie rettet]

Eine, die genau das tut, ist Lina Bembe. Lina Bembe ist eine Sex-Darstellerin und produziert seit einiger Zeit auch eigene Filme. Die in Berlin lebende Mexikanerin ist so etwas wie ein Star der alternativen europäischen Pornoszene. Sie arbeitet nur in ausgewählten Produktionen, von feministischen Amateurprojekten über queeren Post-Porn bis hin zu nicht-expliziten Filmen über Feminismus und Sexualität. Sie hat bereits mit bekannten Regisseur*innen wie Bruce LaBruce, Erika Lust, Paulita Pappel, Petra Joy, Eric Pussyboy, Viva Ruiz und Four Chambers gearbeitet.

Lina Bembe © Karyn Hunt

In einer Shisha-Bar in Kreuzberg sitzt Lina Bembe nun und trinkt Minztee. Sie trägt einen Pullover mit einem glitzernden Leoparden darauf – auch ihre Leggings glitzern. Die 35-Jährige sieht durch ihre zarten Gesichtszüge jünger aus, als sie ist. Sie spricht sanft und man hängt ihr sofort an den Lippen. Sie redet nicht um den heißen Brei herum. Wenn man sie nach ihrem Beruf befragt, ist man direkt bei den großen Themen angelangt: Feminismus, Selbstdarstellung, Postkolonialismus, Body Politics und natürlich auch Sex.

Vor einigen Jahren zog es die Mexikanerin regelrecht zur feministischen Pornografie hin. Durch das Porn Festival in Berlin, wo sie seit zwei Jahren lebt, kam sie in Kontakt mit Menschen aus der Szene. „Ich spürte sofort, dass ich diese Menschen treffen will.“

© Karyn Hunt
Lina Bembe © Karyn Hunt

Für Lina Bembe wurde immer klarer, sie will es versuchen: Sex vor der Kamera. „Natürlich war ich vor dem ersten Dreh unfassbar nervös. Auch wenn ich es unbedingt versuchen wollte, wurde ich den Gedanken nicht los, was wenn es mir nicht gefällt und ich es nie wieder mache, aber der Clip für immer im Internet ist?“

Lina Bembe hieß vor ihrer Karriere als Porno-Darstellerin anders. Sie stammt aus Mexiko, studierte internationale Beziehungen und hat einen Master-Abschluss.

„Was wenn es mir nicht gefällt und ich es nie wieder mache, aber der Clip für immer im Internet ist?“

Ihr erster Shoot hatte eine einfache Handlung und war einfach produziert: Sex in einem Appartement. „Plötzlich hatte ich Sex mit einem Mann vor der Kamera und mochte es.“ Danach fühlte sie sich erleichtert und verdammt stolz, denn sie hatte ihre eigenen Grenzen überschritten und etwas Neues gewagt, wie sie heute erzählt. Als Lina Bembe das Set verlässt, weint sie. Aber nicht weil sie traurig ist, sondern weil ihre Gefühle sie überwältigen.

Sie muss ihren Beruf ständig erklären

Durch ihre Arbeit in der Porno-Industrie wird sie mit vielen Klischees konfrontiert. „Andere können sagen, dass sie in einer Bar arbeiten oder Lehrerin sind, bei mir ist das nicht so einfach. Manchmal hab ich einfach keine Lust, meinen Beruf zu erklären.“ Doch sie ist stolz darauf, was sie macht und will damit einiges in der Gesellschaft ändern.

Lina Bembe wurde durch ihren Job zufriedener und selbstbewusster. Ja man könnte fast sagen, der Beruf als Porno-Darstellerin hat sie emanzipiert. „Frauen werden dazu erzogen, immer zu gefallen und nett zu sein. Ich kann meinen Job aber nur gut machen, wenn ich genau weiß, was ich will und was nicht. Andere übernehmen es in dieser Branche nicht, du musst das selbst klären.“ Seit sie als Darstellerin tätig ist, kann sie ihren Körper und ihr gesamtes Wesen akzeptieren.

Für mich ist das mein Traumjob, ich kann mir keinen besseren vorstellen.“

Jobs in der Mainstream-Pornografie hat sie nie gemacht. „Ich als nicht Weiße, würde in der Kategorie ,Exotik‘ laufen. Was bringt mir ein gut bezahlter Job, wenn er am Ende unter einer Kategorie und einem politischen Verständnis erscheint, womit ich nicht einverstanden bin?“ Sie wählt ihre Jobs nach mehreren Kriterien aus: Sie muss das politischen Verständnis dahinter gutheißen können und die Ästhetik der Produktion muss ihr gefallen. Im Idealfall trifft beides zu, wie sie erklärt. In einem guten Monat hat sie um die fünf Drehs. Je nach Produktionsfirma verdient sie pro Dreh durchschnittlich 600 Euro.

„Porno ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Aber niemand spricht darüber. Das ist ein Problem“, so die Darstellerin. Mit dem Stigma der Branche sieht sie auch die prekäre finanzielle Situation vieler Firmen verbunden. „Es ist wirklich schwer für viele Firmen unter dem finanziellen Druck zu überleben.“ Die Menschen sind es gewöhnt, dass Pornografie gratis ist. Dass dabei keine ethisch korrekte Produktion möglich ist, hinterfragen die meisten nicht. „Porno muss zu einem alltäglichen Thema werden. Dafür zu bezahlen muss genauso cool werden, wie es jede*r von uns auch für Netflix oder Spotify macht.“

Vielleicht haben wir dann zukünftig auch weniger das Bedürfnis unseren Sexpartner*innen zu gefallen und mehr auf uns selbst zu achten.


In der Serie „Sex am Schreibtisch“ schreibt unsere Autorin regelmäßig über Sex im Alltag. Manchmal über ihren eigenen, meistens über die Bettgeschichten von anderen. Ihr habt Erfahrungen, Ideen oder Vorschläge? Dann schreibt ihr gerne eine Mail.