Freiberuflichkeit kann das Schönste auf der Welt sein – wenn du dich auf diese Dinge einstellst

Entspannt im Café sitzen und inspiriert bis busy in der Sonne vor sich hintippen – Freiberufliche leben lässiger. Oder? Ein Für und Wider des Freelancens.

beautiful-computer-desk-2089368

Freiberuflichkeit ist schlicht Auftragsarbeit mit größerer Unabhängigkeit. Diese Freiheit hat allerdings ihren Preis. Foto: Eugene Chystiakov / Pexels

„Ach? Du schreibst freiberuflich? Du lebst meinen Traum“, sagt die Bedienung im Café um die Ecke und klatscht tatsächlich vor Begeisterung in die Hände. „Komm Donnerstag vorbei und erzähl mir alles in Ruhe, Kaffee geht auf mich. Ich bin übrigens Natasha.“ Ich überlege, was ich ihr wohl erzählen könnte. Von Freiheit und Unsicherheit, von einem Berufsleben, das Durchhänger kaum verzeiht, ständig fordert und trotzdem so schön ist. Ist das ein Traum und wenn ja, in welcher Hinsicht?

So wie Natasha denken viele Menschen. Ein amerikanisches Software-Unternehmen hat zum dritten Mal einen Selbstständigen-Report veröffentlicht. Demnach spielen in den Vereinigten Staaten schätzungsweise 24 Millionen Leute mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen.

Von den Freiberuflichen, die für den Bericht befragt wurden, gaben fast 100 Prozent an, nicht wieder in einer Festanstellung arbeiten zu wollen. Über die Hälfte fühlt sich gesünder und hat weniger Stress. Keine Frage: Das Leben von Freiberuflichen hat enorme Vorzüge. Aber ist es wirklich alles so super-easy, mega-geil und außerdem für jede*n geeignet? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Vorteile.

Flexible Arbeitseinteilung

Och nö, heute mal nicht? Ja, das geht schon manchmal – aber ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Denn nur, weil man sich seine Arbeit frei einteilen kann, erledigt sie sich deshalb leider nicht von selbst. Allerdings kann man durchaus mal einen Arzt- oder anderen Termin einschieben, dafür muss man halt später umso mehr reinhauen.

Freie Arbeitsplatzgestaltung

Ob kreatives Chaos oder minimalistische Weiß-Wüste, Fenster auf, Fenster zu, Heizung an, Heizung aus – was im Großraumbüro zu jahrelangen, erbitterten Fehden führen kann, ist für Freelancer*innen gar kein Problem. Man entscheidet selbst, wie man’s gern hätte. Und keiner klaut den Bürostuhl. Also, außer vielleicht die Katze.

Keine nervigen Kolleg*innen

Hurra, niemand unterbricht die Selbstgespräche! Nein, mal ernsthaft: Es gibt Menschen, die haben die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens. Jede kleine Ablenkung unterbricht den Arbeitsablauf. Das kann Folgen haben, den gesamten Arbeitsprozess verlängern und auf Dauer sogar krank machen. Klarer Vorteil fürs Freelancen.

Ortsunabhängigkeit

Ob im Homeoffice, vor Ort bei Kund*innen oder in Redaktionen, klischeehaft im Café, bei der Familie in Castrop-Rauxel, auf Bali oder in Schottland: Als Freiberufliche*r ist man im wahrsten Sinne des Wortes frei und kann dort arbeiten, wo man mag und wo es Internet gibt. Ob als digitale*r Nomad*in oder dauerhaft an einem Ort. Das ist für mich einer der allerschönsten und lohnendsten Aspekte.

Allerdings hat das Leben für Freiberufliche ehrlicherweise auch einige Nachteile.

Nie richtig Feierabend

Es ist oft schwierig für viele Freelancer*innen, Aufträge abzulehnen oder eine Auszeit zu nehmen – selbst dann, wenn es grundsätzlich gut läuft. Lieber alles mitnehmen – wer weiß, wann die nächste Flaute kommt? „Dazu kommt natürlich auch noch, dass man seine Zeit nicht nur mit produktiven Arbeiten verbringt, sondern mindestens auch Marketing, Controlling, Business Development und Buchhaltung in Personalunion erledigen muss“, erklärt mir die Karriereberaterin Nadine Pfeiffer. Das kenne ich selbst nur zu gut.

Auch an Feiertagen und am Wochenende wird regelmäßig gearbeitet, und sei es auch nur bröckchenweise. Sich ganz ohne schlechtes Gewissen mal so richtig auszuklinken gelingt nur den wenigsten. Denn bezahlten Urlaub gibt es für Freiberufliche nicht; jede freie Zeit kostet immer doppelt: Reisekosten plus Verdienstausfall, während Fixkosten weiter laufen. Dafür muss man sich allerdings auch nicht mit Kolleg*innen um die Ferienplanung zoffen.

Einsamkeit und Minder-Motivation

Wer allein im Homeoffice arbeitet, kann ein bisschen vereinsamen. Manchmal ist der*die Postbot*in tagelang der einzige Mensch, den man sieht. Es hilft, bewusst dagegenzusteuern und zum Beispiel in Co-Working-Spaces zu gehen, vor Ort bei Kund*innen zu arbeiten, oder sich mit Gleichgesinnten zu verabreden. Wer freiberufliche Freund*innen hat: Einfach gemeinsam arbeiten. Vorausgesetzt, die Konzentration leidet dann nicht. Kein Bier vor vier!

Auch der Antrieb, tatsächlich konzentriert zu arbeiten, kann von Couch, Katze und Netflix torpediert werden. Jeden Morgen aufstehen, duschen, hinsetzen, loslegen – dafür braucht es eine Portion Selbstdisziplin. „Menschen mit einer ausgeprägten Selbststeuerungskompetenz – also der Fähigkeit, sich selbst motivieren und mit negativen Emotionen umgehen zu können – haben sicher Vorteile“, meint Expertin Pfeiffer. „Wenn Freiberufliche es schaffen, den Anteil der produktiven Zeit relativ hoch zu halten und dabei Tages- bzw. Stundensätze zu generieren, die ihre Risiken gut auffangen, dann sind sie erstmal auf einem guten Weg.“

Finanzangst

Für Festangestellte ist es extrem beruhigend zu wissen, dass an Tag X Summe Y aufs Konto flutscht. Doch davon können Freiberufliche nur träumen. Was die Finanzlage angeht, ist Freiberuflichkeit eher Menschen mit ausgeprägter Lust am Nervenkitzel und tiefem Vetrauen in die positiven Kräfte des Universums zu empfehlen. Denn da ist stets die zermürbende Frage, was zuerst kommt: Die Umsatzsteuervoranmeldungsabbuchung oder das längst fällige Honorar? Es nützen die größten Einnahmen nichts, wenn sie wochenlang nicht den Weg aufs Konto finden. Und das ist kein Einzelfall.

Außerdem tragen Freiberufliche auch alle Kosten. Das heißt, dass von einem vermeintlich guten Tagessatz relativ viel Geld für Nebenkosten abgehen, Versicherungen zum Beispiel. „Kein bezahlter Urlaub, die Krankenkasse muss selbst bezahlt werden, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – man trägt das komplette unternehmerische Risiko allein“, erklärt Nadine Pfeiffer.

Im Bereich Text verdienten die bei der Künstlersozialkasse Versicherten im Jahr 2018 zum Beispiel durchschnittlich 20.909 Euro im Jahr – brutto. Viele liegen jedoch darunter. Das kann zu prekären Situationen führen: Wenn Freiberufliche von Projekt zu Projekt hetzen, keine Rücklagen für Flautezeiten bilden können oder sich gegenseitig in ihren Tagessätzen und Honoraren unterbieten.

Viva la Freiberuflichkeit?

Trotzdem arbeiten immer mehr Menschen freiberuflich; die Zahl der Freelancer*innen und Selbstständigen hat sich seit 1992 in Deutschland fast verdreifacht und liegt bei etwa 1,4 Millionen.

Nicht alle davon so wirklich ganz freiwillig und fröhlich. Wer zum Beispiel – vereinfacht formuliert – auf freiberuflicher Basis regelmäßig hauptsächlich für eine*n Auftraggeber*in arbeitet, gilt als scheinselbstständig. Das trifft laut einer Studie je nach Definition auf etwa 235.000 bis 436.000 Personen in Deutschland zu. Darunter zum Beispiel Menschen, die für Uber oder Mytaxi als Fahrer*innen arbeiten; vor allem sogenannte schwächere Arbeitsmarktteilnehmer*innen mit geringen Qualifikationen sowie Zusteller*innen, die oft schlecht bezahlt und nicht vernünftig versichert sind. So sparen Unternehmen unter anderem Personalkosten und das grenzt durchaus an Ausbeutung.

Auf der anderen Seite stehen viele gut ausgebildete junge Leute, die sich nicht in ein Corporate-Korsett zwängen lassen wollen, oft sowieso nur befristete Verträge bekommen, sich mehr Flexibilität und eine bessere Work-Life-Balance wünschen – sie arbeiten projektbasiert als Freiberufliche in der sogenannten Gig Economy.

Nadine Pfeiffer sagt dazu: „Wenn man seine Freiberuflichkeit gut aufgestellt hat, gibt es sicherlich sehr interessante Verdienstmöglichkeiten in Kombination mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten und anderen Freiheiten. Das klingt für viele Menschen einfach sehr verlockend.“

Machen Freiberufliche Karriere?

Im Lebenslauf macht sich Freelancen übrigens tendenziell gut, obwohl es da laut Nadine Pfeiffer sehr auf das Tätigkeitsprofil ankommt: „Für Stellen, bei denen unternehmerisches Denken in Kombination mit Gestaltungsfreiheit erfolgsrelevant ist, wird es oft als positiv empfunden, wenn die Bewerber bereits unternehmerische Verantwortung übernommen haben.“

Doch manche Unternehmen befürchten laut Expertin auch, dass Freiberufliche in einem festen Gefüge Anpassungsschwierigkeiten haben könnten: „Die Angst, dass der Freiberufliche eventuell mit einem Vorgesetzten nicht mehr klar kommt, ist groß.“ Klar, wer lange sein*e eigene*r Chef*in war, lässt sich nicht gern in komplizierte firmenpolitische Verwicklungen verstricken.

Arbeit ist Arbeit

Für wen Freelancen in welcher Form geeignet ist, das ist letztlich eine Frage der Tätigkeit ebenso wie der Persönlichkeit. Wem der Gedanke an eine Woche Nudeln mit Ketchup oder das Ringen mit Belegen und dauernde Nachfrage-Mails mit dem Betreff „Vereinbartes Honorar“ das Blut in den Adern gefrieren lässt, sollte es vielleicht noch mal überdenken.

Es kann auf der anderen Seite aber wirklich zutiefst befreiend und befriedigend sein, sich seine Aufgaben selbst aussuchen und einteilen zu können, mit tollen, hilfsbereiten und netten Auftraggeber*innen und Kund*innen zusammenzuarbeiten und zwar von dort aus, wo man sich wahrhaftig wohl fühlt. „Man hat eine sehr hohe Gestaltungsfreiheit und eine zeitlich viel größere Souveränität“, sagt auch Nadine Pfeiffer.

Am Ende des Tages ist Freiberuflichkeit schlicht auch bloß Auftragsarbeit mit größerer Unabhängigkeit. Diese Freiheit hat allerdings ihren Preis und jede*r muss für sich selbst entscheiden, ob er*sie bereit ist, ihn zu zahlen. Alles eine Frage der Prioritäten. Und genau das ist es, was ich Natasha am Donnerstag im Café über das Leben als Freiberufliche erzählt habe: Der Traum lebt sich nicht von selbst.