„Fridays for Future ist die Rebellion der Privilegierten“

Erst demonstrierte Clemens Traub eifrig mit, mittlerweile findet er die Klimabewegung nur noch überheblich und elitär. Was sich dringend ändern muss, hat der 22-Jährige nun in einem Buch aufgeschrieben.

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Eine Klimabewegung für alle? Foto: Markus Spiske / Unsplash | CC0

Clemens Traub, 22, ist Politikstudent, SPD-Mitglied und Autor des Buches Future for Fridays? – Streitschrift eines jungen FfF-Kritikers. Laut eigener Aussage hat er damit „die erste Streitschrift in Deutschland eines Jugendlichen selbst über die Klima-Bewegung“ veröffentlicht. Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Kapitel „Arzttöchter erklären die Welt – Wie aus einer hoffnungsvollen Bewegung eine gefährliche Demonstration großstädtischer Überheblichkeit geworden ist“.

Das typische Milieu der meisten Fridays-for-Future-Demonstrant*innen kenne ich gut. Es ist in gewisser Weise mein eigenes und das meines jetzigen Freund*innenkreises: großstädtisch, linksliberal, hip. Ärzt*innentöchter treffen darin auf Juristen*innensöhne. Gin-Tasting und Diskussionen über plastikfreies Einkaufen und Zero Waste stehen nebeneinander auf der Tagesordnung. Veganismus zählt ebenso zum unausgesprochenen Kodex des Hip-Seins wie der Einkauf im Secondhandladen. Und der Bioladen um die Ecke wertet die Lage der eigenen Wohnung selbstverständlich auf. Akademiker*innenkinder bleiben unter sich. Ein Querschnitt der Gesellschaft also, den die Klimaproteste abbilden? Weit gefehlt!

Fridays for Future ist die Rebellion der Privilegierten, und die Bewegung bietet ihnen die perfekte Möglichkeit, ihren eigenen kosmopolitischen Lebensstil und das eigene Talent zur Schau zu stellen. Viele meiner klimabegeisterten Freund*innen fragen sich, warum die soziale Herkunft der Demonstrant*innen überhaupt eine Rolle spiele. Sei das nicht absolut unwichtig? Hauptsache, die Erde werde gerettet, so ihre Überzeugung. Von wem, sei dabei doch egal. Lange genug habe die Bevölkerung geschwiegen, und jetzt müsse endlich aufgestanden werden. Ich gebe zu, der Gedanke ist in seiner Konsequenz natürlich überaus reizvoll und die gesellschaftliche Herkunft als Argument gegen eine Gruppe zu verwenden natürlich unsinnig. Auch mich packte der skizzierte Kampfgeist anfangs.

Zu Beginn meiner Teilnahme an Fridays for Future zählte für mich nur die Weltrettung, wer an meiner Seite stand, das war mir egal. Und das wäre es mir bis heute. Doch was mir nicht egal ist, das sind das Verhalten und die Argumentation der Menschen, mit denen ich gemeinsam demonstriere. Und hier schließt sich der Kreis, denn der soziale Background sagt dann eben doch mehr über die Bewegung aus, als den Demonstrant*innen lieb ist.

Die Bewegung war von Anfang an viel zu homogen, viel zu elitär und entsprechend viel zu abgehoben, als dass sie dies selbst überhaupt auch nur bemerkt hätte.

Tatsächlich bin ich der Meinung, dass die soziale Herkunft der jungen Protestler*innen der eigentliche Geburtsfehler von Fridays for Future ist: Die Bewegung war von Anfang an viel zu homogen, viel zu elitär und entsprechend viel zu abgehoben, als dass sie dies selbst überhaupt auch nur bemerkt hätte. Nur wem es materiell gutgeht, der hat letztlich die Zeit und auch die Muße, den Klimaschutz als das persönlich wichtigste und auch einzige politische Thema unserer Zeit zu betrachten und ihm alles andere unterzuordnen.

Die Bewegung in ihrem Elfenbeinturm merkt dabei gar nicht, dass ihre Kritik den Lebensstil vieler sozial Schwächerer betrifft, die aus finanziellen Gründen nicht immer die freie Wahl haben. Sie werden als Klimasünder*innen gebrandmarkt, weil sie nicht im Bioladen einkaufen, sondern beim Discounter. Dass es Menschen gibt, bei denen die Sorgen angesichts immer höherer Strom- und Mietpreise die Diskussion über den Verzicht auf Flugreisen von vornherein obsolet machen, das kommt den Demonstrant*innen gar nicht in den Sinn. Wie auch? In ihrer wohlbehüteten Lebenswelt ist das alles ganz weit weg.

Wer angesichts der Ankündigungen der Industrie Angst hat, von Jobabbau betroffen zu sein, für den ist im Moment die Brandrodung im tropischen Regenwald zweitrangig.

Gerade das macht die Bewegung zu einem Risiko, denn sie setzt den sowieso schon fragilen Zusammenhalt unserer Gesellschaft aufs Spiel. Für einen großen Teil der Bevölkerung überwiegen andere, dringlichere Alltagssorgen. Wer angesichts der Ankündigungen der Industrie Angst hat, von Jobabbau betroffen zu sein, für den ist im Moment die Brandrodung im tropischen Regenwald zweitrangig. Genauso ist das Aussterben exotischer Tierarten für jemanden weit entfernt, die*der sich jeden Tag den Kopf über ihre*seine spätere Rente zerbricht.

Das bedeutet nicht, dass Alltagssorgen den Blick auf die Probleme des Klimawandels komplett verstellen dürfen, aber es erklärt, dass der Klimawandel für Menschen mit ganz existenziellen Sorgen nicht die erste Priorität darstellt. Es erklärt auch, warum Forderungen zur Rettung des Klimas sozial ausgewogen sein müssen. Und es erklärt, warum sich immer mehr Menschen fragen, wann endlich für ihre Alltagssorgen auf die Straße gegangen wird: für bezahlbare Wohnungen, für gerechte Renten … Themen gibt es viele.

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