FFF-Sprecherin Leonie Bremer: „Ich bleibe auf der Straße und Jakob kandidiert eben fürs Parlament“

Mehrere Fridays-for-Future-Aktivist*innen wollen 2021 in den Bundestag einziehen. Andere Mitglieder der Bewegung sehen es kritisch, ob die Anwärter*innen dort etwas bewegen können.

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Leonie Bremer ist Pressesprecherin von Fridays for Future. Foto: © Dominik Butzmann

Seit Anfang der Woche bekannt wurde, dass unter anderem der 19-jährige Jakob Blasel von Fridays for Future (FFF) bei der kommenden Bundestagswahl für die Grünen ins Parlament einziehen will, fiel ein Wort in Bezug auf die Klimabewegung immer wieder: frustriert. Blasel selbst formulierte es in einem Interview mit Zeit Campus so: „Wir sind zu frustrierten Aktivisten geworden.“ Stimmt das? Wir haben die FFF-Sprecherin Leonie Bremer gefragt.

„Ich glaube, es wäre falsch, zu sagen, dass man das Gefühl von Frustration im Aktivismus noch nie gehabt hat“, sagt die 23 Jahre alte Studentin. Mit dem Anspruch, die 1,5-Gradgrenze nicht zu überschreiten, sei das Ziel auch sehr hoch gesteckt. Und natürlich seien in einer Gesellschaft auch nicht alle der gleichen Meinung. Frustriert sei sie aber trotzdem nicht: „Für mich sind die ganzen Erfolge von Fridays for Future, die große Diskursverschiebung, die wir geschafft haben, die größte Motivation, weiterzumachen.“

Was können die Aktivist*innen im Parlament überhaupt erreichen?

Bremer findet es in Ordnung, dass dennoch einige Aktivist*innen von Fridays for Future nun für den Bundestag kandidieren wollen. „Bei FFF sind viele Freundschaften entstanden, aber politische Meinungen waren und sind nicht unbedingt gleich. Jakob und ich sind befreundet und das ändert sich nicht, nur weil sich verschoben hat, wie wir uns politisch engagieren und öffentlich arbeiten. Ich bleibe auf der Straße und lasse nicht locker – Jakob kandidiert eben fürs Parlament.“

Ob Jakob Blasel und andere dort tatsächlich etwas für den Klimaschutz erreichen können, sieht Leonie Bremer kritisch. Das derzeitige parlamentarische System sei zu langsam, um mit dem 1,5-Gradziel kompatibel zu werden. „Deswegen braucht es gesellschaftlichen Druck, den wir als Bewegung organisieren. Den größten Erfolg in Sachen Klimaschutz hat daher auch unsere Bewegung und nicht irgendeine Partei oder das Parlament erreicht“, sagt Leonie Bremer. Die 23-Jährige beklagt eine Handlungsunfähigkeit in den Institutionen und eine Verweigerungshaltung bei der Umsetzung des Pariser Abkommens. Schließlich wisse man, was zu tun sei, um die Klimakrise zu bekämpfen. Angesichts dessen, wie dringend Lösungen gebraucht würden, findet Bremer es nicht überraschend, dass an vielen institutionellen Stellen sich FFF-Aktivist*innen einbringen wollen.

Beim Klimaschutz und beim 1,5-Gradziel ist kein Platz für Kompromisse. Entweder wir halten es ein oder nicht.

Leonie Bremer, Sprecherin von Fridays for Future

Trotzdem bedeute die Arbeit in einer Partei und in einer Regierungskoalition auch immer Kompromisse, sagt Leonie Bremer: „Beim Klimaschutz und beim 1,5-Gradziel ist aber kein Platz für Kompromisse. Entweder wir halten es ein oder nicht. Und wenn man diese Kompromisse schließen muss, fällt eine gewisse Radikalität weg. Das macht mir Sorgen.“

Im sogenannten Pariser Abkommen verständigten sich im Dezember 2015 Dutzende Staaten gemeinsam darauf, den Anstieg der Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Einen konkreten Plan, wie dieses Ziel erreicht werden soll, habe aber bisher keine der Parteien im deutschen Bundestag, sagt Leonie Bremer. Auch nicht die Grünen, für die Jakob Blasel und der Magdeburger FFF-Aktivist Urs Liebau sich aufstellen lassen wollen.

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Vor ein paar Wochen habe sie mit Luisa Neubauer den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz getroffen, erzählt Leonie Bremer am Telefon. Dabei sei es unter anderem um den beschlossenen Kohleausstieg bis spätestens 2038 und die CO2-Bepreisung gegangen: „Das sind alles kleine Schritte“, sagt Bremer. „Aber wenn die Wissenschaft sagt, dass der Kohleausstieg bis 2030 passiert sein muss, dann ist mir klar: Wir brauchen keinen Kohleausstieg 2038, weil wir den Kipppunkt beim 1,5-Gradziel dann bereits erreicht haben werden.“

Warum es nicht naiv ist, weiter auf Straßenprotest zu setzen

Ihre Bio auf Twitter hat Leonie Bremer in diesen Tagen geändert, ebenso wie ihre FFF-Mitstreiterinnen Carla Reemtsma und Luisa Neubauer. „Für naiven Straßenprotest bei Fridays for Future“ steht dort jetzt. Ironisch gemeint, selbstverständlich. Denn: „Fridays for Future lebt von dieser niedrigschwelligen Protestbewegung und diese Bewegung würde nicht mehr funktionieren, wenn man Teil eines institutionalisierten Prozesses würde. Unsere Rolle besteht darin, außerhalb des Parlaments das Thema Klimagerechtigkeit auf die Agenda zu setzen und gesellschaftliche Mehrheiten dafür zu erkämpfen“, sagt Leonie Bremer.

Dass bei all der politischen Arbeit und Vermittlung, die die Klimaaktivist*innen leisten, immer noch der Vorwurf komme, sie seien naiv, kann und will Bremer nicht mehr ernst nehmen.

Viele von unseren Aktivist*innen dürfen noch nicht wählen, aber von den Entscheidungen des Bundestags werden sie und ihre Zukunft maßgeblich betroffen sein.

Leonie Bremer, Sprecherin von Fridays for Future

Protest auf der Straße ist in der Corona-Pandemie schwieriger geworden, das merkt auch Fridays for Future. Ob und in welchem Umfang Demonstrationen stattfinden können, gilt es seither mit Maßnahmen zum Infektionsschutz abzuwiegen; Hygienekonzepte sind erforderlich. Daran werde sich selbstverständlich auch Fridays for Future halten, sagt Leonie Bremer. Die Stärke der Bewegung sieht sie aber nicht nur in Demos mit 250.000 Menschen, wie zum Beispiel beim globalen Klimastreik im September 2019 in Berlin: „Fridays for Future ist auch so groß, weil wir bundesweit 730 Ortsgruppen sind. Und dann geht es nicht darum, wie viele Menschen in den einzelnen Orten auf die Straße gehen, sondern dass alle Ortsgruppen streiken.“

Der nächste globale Klimastreik von Fridays for Future ist für den 25. September 2020 geplant. Und auch auf die Bundestagswahl bereiten sich die Aktivist*innen bereits vor, indem sie das direkte Gespräch mit denen suchen, die kandidieren. „Es ist super wichtig, noch mal klarzumachen, dass unsere Generation gehört werden muss. Viele von unseren Aktivist*innen dürfen noch nicht wählen, aber von den Entscheidungen des Bundestags werden sie und ihre Zukunft maßgeblich betroffen sein.“