„Friede, Freude, Einheit?“ Warum die Treuhand bis heute ein Feindbild in Ostdeutschland ist

Die Treuhandanstalt schloss nach der Wiedervereinigung rund ein Drittel aller DDR-Betriebe. Die Initiative Aufbruch Ost aus Leipzig will über die Zeit aufklären.

Büromaschinenwerk Sömmerda AG (Archivfoto und Text 1991)

Friede, Freude, Einheit? Die Frauen auf diesem Foto arbeiteten in dem Büromaschinenwerk Sömmerda AG. Die Treuhand schloss 1991 den 175 Jahre alten Betrieb. Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Stell dir vor, du kommst wie jeden Tag morgens zur Arbeit, aber deinen Arbeitsplatz gibt es nicht mehr. Dein Unternehmen wurde geschlossen, ihr habt nicht genug Gewinn eingebracht, heißt es. Millionen Menschen in der DDR ist genau das nach der Wiedervereinigung passiert. Die Behörde, die ein Drittel der DDR-Betriebe dicht machte, nannte sich Treuhandanstalt.

Zur Treuhand gibt es zwei Mythen. Für die einen war sie alternativlos, weil in der DDR-Wirtschaft „alles Schrott“ gewesen sein soll. Für die anderen hat sie der ostdeutschen Wirtschaft erheblich geschadet und ist noch heute verantwortlich für vieles, was den Rückstand des Ostens gegenüber dem Westen Deutschlands bedingt.

Welche Folgen die Treuhand hatte, das hat sich die Leipziger Initiative Aufbruch Ost zum Thema gemacht. „Friede, Freude, Einheit – Treuhand-Aufarbeitung jetzt!“ stand auf ihren Plakaten beim Lichtfest in Leipzig vor einem Jahr – einer Veranstaltung in Gedenken an die Friedliche Revolution. Warum interessieren sich gerade junge Menschen für dieses Thema? Charlotte Gneuß, Mitglied der basisdemokratischen Gruppe, findet das gar nicht so verwunderlich: „Über die Treuhand wird in den ostdeutschen Bundesländern immer noch diskutiert, sie ist Thema in Familien.“ Es sei gar nicht geplant gewesen, Aufbruch Ost zu gründen. Doch dann kamen bei der Aktion viele auf die Gruppe zu, sprachen sie auf das Plakat an und berichteten von ihren Erfahrungen. „Die Menschen fühlen sich benachteiligt und die Treuhand ist dafür ein Symbol.“ Sie stehe für einen Raubtierkapitalismus, sagt Gneuß.

Wieso gab es überhaupt eine Treuhand?

Die Idee für eine Treuhandanstalt hatten nach dem Mauerfall ursprünglich DDR-Bürgerrechtler*innen. Sie wollten, dass die Menschen in der DDR mit Anteilsscheinen am Eigentum und Vermögen des Landes beteiligt werden. Doch das spätere Treuhandgesetz sah anders aus: Die sogenannten volkseigenen Betriebe (VEB) sollten so schnell wie möglich saniert und privatisiert werden. Die Betriebe in der DDR-Planwirtschaft waren Volkseigentum und unterstanden der Staatsführung. Nach der Wiedervereinigung musste also entschieden werden, wem sie in einer Marktwirtschaft künftig gehören. Genau das sollte die Treuhand regeln und zwar nach drei Prinzipien: schnell privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen.

Die Anstalt wurde im März 1990 gegründet. Sie war dem Finanzministerium unterstellt. Der zuständige Abteilungsleiter dort war übrigens Thilo Sarrazin. Genau, der Autor des rassistischen Buches Deutschland schafft sich ab. Jahre später verglich dieser die Arbeit der Treuhand mit einer Notschlachtung. Wie bei Schweinen, die keiner mehr essen wolle. Dazu später mehr.

Was wurde aus den DDR-Betrieben?

8.400 volkseigene Betriebe und vier Millionen Arbeitnehmer*innen lagen in der Verantwortung der Treuhand – eine gewaltige Aufgabe. Zunächst wurden die VEBs in 12.000 Einheiten zerlegt. Ein Drittel davon wurde dichtgemacht. Einige wenige wurden kommunalisiert, das heißt, sie wurden Verwaltungen wie Landkreisen, Städten und Gemeinden übertragen. 13 Prozent der Betriebe wurden an ihre früheren Besitzer*innen zurückgegeben, zum Beispiel wenn diese in der DDR enteignet und ihr Besitz verstaatlicht worden war.

Gut die Hälfte der Betriebe wurden privatisiert und verkauft – fast ausschließlich an Westdeutsche oder Unternehmer*innen aus dem Ausland. Läden, Kneipen und Kinos hingegen seien vor allem von Ostdeutschen weitergeführt worden, schreibt der SPIEGEL-Autor Norbert F. Pötzl in seinem kürzlich erschienenen Buch Der Treuhand-Komplex.

Wieso ist die Treuhand für einige Menschen im Osten ein Feindbild?

In einem Interview mit der FAS sagt die ehemalige Treuhandpräsidentin Birgit Breuel 2019 rückblickend: „Ich war die Hassfigur im ganzen Land.“ Tatsächlich war ihre Behörde nicht gerade beliebt bei der ostdeutschen Bevölkerung. Mehrmals wurden Büros der Treuhand besetzt. 1991 brannte der Hauptsitz am Alexanderplatz in Berlin komplett aus.

Birgit Breuel war die zweite Präsidentin der Treuhand. Ihr Vorgänger, der thüringische Manager Detlev Rohwedder wurde wenige Tage nach dem Brand in der Berliner Zentrale in seinem Haus in Düsseldorf ermordet. Die RAF bekannte sich zu der Tat mit den Worten: „Für ihn gab es von Anfang an nichts in der Ex-DDR, was in seinem auf Profit ausgerichteten Blick irgendwelche Werte hatte.“ Aufgeklärt wurde der Fall nie.

Im März 1991 demonstrierten in Leipzig 30.000 Menschen gegen die Treuhand und Massenarbeitslosigkeit; in über zwei Dutzend weiteren Städten gab es Proteste. Denn Millionen Menschen in Ostdeutschland verloren nach der Wiedervereinigung ihren Job. Man muss wissen: Ein Arbeitsplatz war in der DDR mehr als nur ein Arbeitsplatz. Er war Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens. Viele fanden, dass Betriebe zu schnell, zu leichtfertig abgewickelt wurden.

In einer 2017 vorgelegten Studie der Ruhr-Universität Bochum, die die frühere Ostbeauftragte Iris Gleicke in Auftrag gegeben hatte, schreiben die Autoren Constantin Goschler und Marcus Böick von der Treuhand als einer „erinnerungspolitischen Bad Bank“. Schlechte Erfahrungen in den Transformationsjahren nach 1989 seien eng mit ihr verbunden, eine Art negativer Gründungsmythos. Der Großteil der Treuhandmitarbeiter*innen waren zwar Ostdeutsche, die Leitungspositionen waren jedoch überwiegend mit Westdeutschen besetzt. Eine weitere wissenschaftliche Untersuchung der Treuhand läuft derzeit am Institut für Zeitgeschichte in München.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagt Historiker Böick, dass die Treuhand ausführte, was die DDR eben nicht getan hatte: Es gab ein Recht, aber auch die Pflicht, zu arbeiten. Arbeitslosigkeit durfte es aus ideologischen Gründen in der DDR nicht geben. Und so habe es eben auch viel Langeweile und Verschwendung gegeben. Viele Betriebe hätten nach 1989 bereits selbst begonnen, Mitarbeiter*innen zu entlassen.

Wäre es anders gegangen?

Hätte die Treuhand anders arbeiten können? Oder war es eine Notschlachtung, wie Thilo Sarrazin später zynisch bemerkte? Der Staatssekretär Wolfram Krause (CDU) berichtete 1990 dem Finanzministerium, dass nur 32 Prozent der DDR-Betriebe rentabel, also gewinnbringend, arbeiteten. Gut die Hälfte sei aber mit Krediten und Förderung zu retten. In viereinhalb Jahren Bestehen machte die Treuhand unter anderem so 256 Milliarden D-Mark Schulden. Hinzu kamen die Schulden der DDR. In dem berüchtigten Schürer-Papier bilanzierte SED-Chefplaner Gerhard Schürer kurz vor dem Mauerfall, dass das Land am Rande der Zahlungsfähigkeit stehe. Schürer musste wenige Jahre später jedoch zentrale Angaben des Berichts korrigieren – zugunsten der DDR.

Der Journalist Christian Gesellmann merkt dazu an, dass es vor allem erst nach der Wiedervereinigung zu zwei gravierenden Entwicklungen für die DDR-Wirtschaft kam: Zum einen brach der Absatzmarkt für ostdeutsche Produkte weg, denn viele kauften nun lieber im Westen ein oder Produkte aus dem Westen. Zum anderen wurde die D-Mark im Juli 1990 eingeführt, 1:1 zur Ostmark. Dabei betrug deren Kaufkraft nur etwa ein Drittel.

Welche Auswirkungen hat das heute noch?

Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands ist immer noch geringer als in den alten Bundesländern. So steht es auch im Bericht zum Stand der deutschen Einheit 2019. Hier die Fakten:

  • gerade einmal 36 der 500 größten deutschen Unternehmen haben ihren Sitz in Ostdeutschland
  • kein einziges der 30 DAX-Unternehmen hat seinen Sitz in Ostdeutschland
  • knapp über die Hälfte der größten Unternehmen in Ostdeutschland sind in westdeutschem oder ausländischem Besitz

Warum das wichtig ist? Unternehmen zahlen Gewerbesteuern, und Gewerbesteuern gehören zu den wichtigsten Einnahmen für Städte und Kommunen. Wo Unternehmen ihren Hauptsitz haben, zahlen sie auch den Hauptanteil ihrer Steuern. Die Strukturschwäche Ostdeutschlands hat auch Auswirkungen auf die Löhne. Im Schnitt erhalten Arbeitnehmende hier 16,9 Prozent weniger Lohn als ihre Kolleg*innen in westdeutschen Bundesländern.

Der Ostbeauftrage der Bundesregierung Christian Hirte (CDU) betont dennoch, dass die Gründe für die heutigen Probleme in Ostdeutschland vor 1989 liegen – und nicht danach. Der Vorsitzende der Linkspartei Dietmar Bartsch sieht das anders und fordert einen neuen Untersuchungsausschuss, um das „Treuhand-Trauma“ aufzuarbeiten: „Der Schaden, den die Treuhand angerichtet hat, ist bis heute eine wesentliche Ursache für den ökonomischen Rückstand des Ostens und für politischen Frust vielerorts.“ Von den Fraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen gab es dafür bisher keine Unterstützung.

Aufbruch Ost hält einen solchen Untersuchungsausschuss für sinnvoll. Charlotte Gneuß erhofft sich von einer Aufarbeitung Klarheit. Rechtliche Auswirkungen würde das zwar nicht mehr haben, kein Arbeitsplatz könne schließlich zurückgeholt werden. „Was wir aber heute tun können, ist, den Menschen Gehör zu verschaffen und Unrecht anzuerkennen.“

Zur Treuhand gibt es zwei Mythen. „Alles Schrott“ oder „an allem Schuld“. Aber Dinge sind selten so schwarz-weiß.


Wer mehr über die Treuhand wissen will, der*dem empfehle ich die folgenden Recherchen:

Der deutsche Goldrausch – die wahre Geschichte der Treuhand von Dirk Laabs. Die Doku zum Buch könnt ihr auf YouTube anschauen.

Die Treuhand, verständlich erklärt von Christian Gesellmann. Den Text lest ihr bei Krautreporter.

Zahlen, Daten und Grafiken findet ihr in der ersten Ausgabe des Katapult-Magazins, die ihr hier bestellen könnt.


ze.tt erzählt Geschichten über Ostdeutschland – abseits von Stasi und Neonazis. Mehr dazu findest du auf unserer Themenseite.