Frisch getrennt oder um Mama zu entlasten: Darum gehen diese Menschen in Waschsalons

Im Waschsalon treffen in Filmen und Büchern Menschen aus unterschiedlichen Schichten aufeinander. Oder sie verlieben sich. Doch wer besucht sie heute wirklich noch und warum? Wir waren in zwei Berliner Salons. 

Die Maschinen rattern, die Luft ist feuchtwarm und es riecht nach Weichspüler. Rund herum: Gelbe Brokattapete, klassische Musik, eine Kaffeemaschine, ein Holztisch mit Kerzenständer, Apfelkuchen und auf einer Waschmaschine steht eine Marienstatue – der Waschsalon Freddy Leck in Berlin-Moabit erscheint ganz anders, als man es erwarten würde. Keine Spur von Mief oder sterilen Kacheln, dafür Wohnzimmeratmosphäre. Der Schauspieler Dirk Martens, bekannt aus Serien wie Klinikum Berlin Mitte oder dem Tatort, erfüllte sich mit der Eröffnung seines eigenen Waschsalons vor über zehn Jahren einen Traum. Seither zählt er zu den berühmtesten Waschsalons in Berlin und hat sogar schon eine zweite Filiale in Tokio eröffnet.

Fast jeder deutsche Haushalt hat eine Waschmaschine

Fast jeder Haushalt in Deutschland besitzt heute aber eine eigene Waschmaschine. Auf 36 Millionen Stück schätzt der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie (ZVEI) den Bestand in Deutschland laut dpa. Bleibt ein Rest von vier Millionen Haushalten. Einige davon nutzen Gemeinschaftswaschmaschinen und der Rest besucht Waschsalons. Nach Schätzungen werden in Deutschland rund 300 Waschsalons betrieben.

In Berlin-Moabit schwirren Servicekräfte wie fleißige Elfen durch den Salon. Sie säubern Maschinen und beraten Kund*innen, auf welcher Seite das Waschmittel einzufüllen ist, oder warum es wichtig ist, Wäsche strikt zu trennen. Dabei ist die berühmt-berüchtigte Berliner Schnauze durchzuhören. Marion Schubert arbeitet seit fast zehn Jahren im Salon. „Die meisten Menschen kommen natürlich aus praktischen Gründen zum Wäschewaschen hierher.“ Ihr falle aber auch auf, dass gerade ältere Menschen auch nur zum Reden kommen, sagt sie. „Viele fahren extra mit der Bahn ihre Schmutzwäsche durch die Stadt, um bei uns zu waschen.“

Wer besucht also heute Waschsalons? Ist der Waschsalon wirklich ein sozialer Treffpunkt oder eher eine aussterbende Spezies? Wir haben Menschen in Berliner Waschsalons gefragt:

Mergim, 24, tätig im Kund*innen-Service: „Meine Mutter hat bisher meine Wäsche gewaschen“

Ich habe ehrlich gesagt noch gar nicht dran gedacht, mir selbst eine Waschmaschine zu holen. Es ist teuer, ich hab wenig Platz in meiner Wohnung und bin auch zu faul. Ich wasche hier seit dem vergangenen Jahr. Davor habe ich meine schmutzige Wäsche zu meiner Mutter gebracht, und sie hat sie für mich gewaschen. Aber für sie war das viel Arbeit und sie hatte dadurch hohe Stromkosten. Ich wollte sie nicht mehr damit belasten. Dann habe ich im Internet geguckt und den Salon gefunden. Mir hat gefallen, dass es hier wie in einem Café aussieht und nicht so steril ist. Für mich ist der Salon trotzdem kein sozialer Treffpunkt, weil ich zu introvertiert bin, um einfach mit Menschen zu sprechen. Ich komme aber gerne alle zwei Wochen her, bezahle zehn Euro für meine Wäsche und hänge sie dann zu Hause zum Trocknen auf.  Meine Mutter will immer noch, dass ich die Wäsche lieber zu ihr bringe, um Geld zu sparen. Irgendwann wird es aber auch peinlich, seine schmutzige Wäsche zu seiner Mutter zu bringen.

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Foto: Elif Kücük / ze.tt

Susanne, 38, Qualitätsmanagerin: „In einem gewissen Alter wird von dir erwartet, eine Waschmaschine zu haben“

Ich komme zweimal im Monat hierher. Auch wenn dieser Waschsalon sehr gemütlich ist, bin ich aus rein praktischen Gründen hier. Seit meiner Trennung habe ich keine Waschmaschine und die neue Wohnung ist zu klein, um eine reinzustellen. Ich überbrücke die Zeit, bis ich umziehe. Dann werde ich mir eine Waschmaschine und einen Trockner kaufen. Für mich ist es irgendwie unangenehm, in einen Waschsalon gehen zu müssen. In Deutschland ist es ja schon so, dass wenn du in einem gewissen Alter bist, wenn du Vollzeit arbeitest, auch noch eine Führungsposition hast, eine Waschmaschine zur Standardausrüstung gehört. Darum bin ich froh, dass die Menschen hier so freundlich sind. Letztens habe ich mit einer alten Dame zuerst über das Waschen und schließlich über sehr persönliche Themen gesprochen. Ich wasche heute drei Maschinen, da werde ich in etwa 30 Euro bezahlen, mit Waschen und Trocknen. Die typische Lebensform Vater-Mutter-Kind verändert sich, es gibt mittlerweile auch viele Wohngemeinschaften. Bei all diesen alternativen Lebenskonzepten bietet es sich natürlich an, dass niemand eine Waschmaschine anschaffen muss. Darum wird der Waschsalon auch in Zukunft nicht aussterben.

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Foto: Elif Kücük / ze.tt

Volker, 62, tätig in einem Ministerium: „Ich habe eine eigene Waschmaschine, komme aber seit zehn Jahren hier her“

Ich bin hier Kunde der ersten Stunde und komme seit über 10 Jahren in den Salon. Früher war hinten noch ein Aufenthaltsraum mit Fernseher, wo Tatort geguckt wurde. Jetzt stehen da zusätzliche Waschmaschinen, weil sie mehr Raum brauchen. Viele Leute kommen hierher und waschen gar nicht, sie wollen ein kulturelles Erlebnis haben. Hier sind ja auch Veranstaltungen und Ausstellungen. Ich habe sogar eine Waschmaschine zu Hause, sie aber noch nie benutzt. Ich bin zum Waschen immer lieber in Salons gegangen. Hier werde ich beraten, kann Zeitung lesen und mit Menschen reden. Ich schätze die Kommunikation. Hier treffe ich von Hartz-IV-Empfänger*innen über Akademiker*innen bis hin zu Politiker*innen alle, wo gibt es das sonst noch?

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Foto: Elif Kücük / ze.tt

Keine Wohnzimmeratmosphäre, dafür günstig

In Berlin-Prenzlauer Berg flackern die Neonlichter des SB-Waschsalons auf die Straße. Weiße Fliesen bedecken den gesamten Salon der Filiale. Zahlreiche Schilder erklären, wie die Bedienung der Maschinen funktioniert, was erlaubt und was verboten ist. Es ist wahnsinnig heiß im Raum. Die Maschinen wummern vor sich hin. Wer hierher kommt, kommt nicht für die Atmosphäre, sondern wegen günstigen Preisen:

Emma, 29, Marketing-Managerin: „Wenn ich genug Geld habe, werde ich mir eine eigene Maschine kaufen“

Ich bin von London nach Berlin gezogen – in ein Appartement ohne Möbel. Erst nach dem Einzug habe ich bemerkt, dass ‚unmöbliert‘ bedeutet, dass es auch keine Waschmaschine gibt. Ich komme nun seit drei Monaten hierher zum Waschen. Ich packe dazu all meine schmutzige Wäsche in Plastiktaschen, hänge sie mir auf den Rücken und radle her. Meistens schalte ich meine Wäsche ein und gehe eine Runde laufen. Wenn das Wetter schön ist, treffe ich auch Freund*innen auf einen Drink draußen. Wenn ich genug Geld habe, werde ich mir eine eigene Waschmaschine kaufen, aber das ist nicht meine oberste Priorität. Der Zeit hier im Salon werde ich sicher nicht nachweinen.

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Caíque, 24, Student: „In Brasilien waschen viel mehr Menschen in Salons“

Ich komme aus Brasilien und mache einen Deutschkurs hier um die Ecke. Ich schlafe derzeit in einem Hotel und darum wasche ich meine Wäsche im Salon. Während die Maschine wäscht, gehe ich meistens zurück ins Hotel und mache etwas anderes. Es kostet mich zirka fünf Euro zu waschen und zu trocknen. Das ist viel günstiger als in Brasilien. Dort sind die Waschsalons größer und teurer. Ich lebe in Brasilien in einer Studierendengegend, das bedeutet, alle gehen in Salons zum Waschen. Ich treffe dort automatisch meine Kolleg*innen und wir plaudern über das Studium. Hier ist es meistens sehr ruhig, ich bin noch nie mit jemandem ins Gespräch gekommen.

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Laura, 34, Artdirektorin: „Die Waschmaschine ist wohl Teil der deutschen Kultur“

Ich habe vielleicht die kleinste Wohnung in ganz Berlin. Mein Wohnraum im Studio ist zirka 15 Quadratmeter groß. Der Raum ist wunderschön hoch und ich liebe die Architektur, aber für eine Waschmaschine ist auf keinen Fall Platz. Darum komme ich alle zwei Wochen in den Salon und wasche mehrere Maschinen. Ich komme aus Kanada und arbeite hier in der Nähe. Manchmal lege ich morgens eine Maschine ein und nehme die Wäsche abends wieder mit. Gesprochen habe ich dabei noch nie mit jemandem. Meine Wohnung ist günstig und ich liebe die Gegend, darum nehme ich die Größe in Kauf. Aber in den Waschsalon zu gehen, kostet mich viel Zeit. Mein Eindruck ist, dass es in der Stadt sehr wenige Salons gibt, im Vergleich dazu, wie viele Menschen hier leben. Ich denke, es ist Teil der deutschen Kultur, dass sich alle selbst eine Maschine  kaufen.

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