Frisch verliebt? So geht Verknalltheit auf Distanz

Wer frisch verliebt ist, kann nicht genug vom anderen bekommen. Auch körperlich. Aber was tun, wenn das nicht möglich ist? Wir haben mit einer Paartherapeutin gesprochen.

verliebt social distancing
Das Wichtigste ist, den Kontakt zu halten. Foto: Anastasia Shuraeva Pexels | CC0

Meine Freundin Lena* war ganz aufgedreht, als sie mir von ihrem nun bereits fünften Date mit – nennen wir ihn mal Matthias*– erzählte. Die beiden haben sich Mitte April auf einer Datingplattform kennengelernt und bislang nur per Video gesehen. Sie hätten schon zusammen Wein getrunken, Filme geguckt, sich stundenlang alles Mögliche zugeflüstert und sie könne es überhaupt nicht abwarten, ihm endlich in seine – hallo, Corona-Eindämmungsmaßnahmen – immer länger werdenden Locken zu greifen. Wenn nur die Beschränkungen nicht wären und sie sich einfach mal zwanglos treffen könnten. Aber Lena hat Sorge, dass sie die anderthalb Meter Distanz nicht einhalten kann. Dann vorsichtshalber erst mal lieber gar nicht.

Lena seufzt: „Dabei warte ich schon so lange …“ Sie zieht eine Schnute. „Ich weiß“, sage ich und versuche per Video zumindest irgendwelche Trost-Vibes zu senden.

Lena ist ein bisschen verknallt, das merkt man ihr an. Matthias und sie verstehen sich gut, es kribbelt und es funkt, und wäre gerade nicht Social Distancing angesagt, würden sie sich vermutlich nonstop in den Armen liegen. Oder anderes.

Lena fühlt sich sicher mit Matthias. Sie vertraut darauf, dass ihre Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruht. In ihr kocht die Ungeduld auf ein persönliches Kennenlernen, aber das kommt schon noch, wie sie meint. Lena und Matthias haben sich bislang ausschließlich über Laptopbildschirme wahrgenommen, aber sie sehen sich regelmäßig und variieren ihre Treffen – mal mixen sie gemeinsam Cocktails, mal streamen sie parallel einen Film. Laut Diana Boettcher, Paartherapeutin in Berlin, machen die beiden damit auch viel richtig. Denn wie lernt man sich in der Corona-Zeit am Besten kennen?

Die Abstände des Kontakts möglichst kurz halten, empfiehlt Boettcher, und bestenfalls per Video kommunizieren: „Der visuelle Kanal ist sehr wichtig, viele Emotionen werden über das Gesicht ausgedrückt, wir fühlen uns näher und sicherer, wenn wir jemanden sehen.“ Lena kann das nur bestätigen.

Der visuelle Kanal ist sehr wichtig, viele Emotionen werden über das Gesicht ausgedrückt, wir fühlen uns näher und sicherer, wenn wir jemanden sehen.

Diana Boettcher, Paartherapeutin

Apropos Sicherheit: Ein Aspekt, der viele frisch Verknallte oft genug um den Schlaf bringt: Mag er*sie mich auch? Sind die schmachtenden Blicke wirklich an mich adressiert? Und sind sie wirklich schmachtend? Wenn man sich persönlich begegnen kann, steht uns eine ganze Fülle an Zusatzinformationen zur Verfügung, durch die wir die Gegenseitigkeit des Verknalltheitsgrads abklopfen können. Streift er*sie zufällig meine Hand? Wie aufmerksam ist der*die andere? Ja, sogar: „Hat er*sie sich frisch geduscht?“, können wir unter Umständen als Indiz für „da hat sich jemand zumindest ein bisschen Mühe gegeben“ verbuchen. Aber wie lässt sich das per Zoom, Skype und Co. herausbekommen?

„Die einzige Sicherheit ist regelmäßiger Kontakt“, erklärt Boettcher, „Kontakt, der von beiden Seiten gewollt und initiiert wird.“ Tja. Schade eigentlich, dass es keine magischen Tricks gibt für das Kennenlernen während der Pandemie, als kleine Entschädigung für die ganze elende Distanz. Denn auch sonst ist frische Verknalltheit nicht für die aktuelle Situation gemacht. So weist Diana Boettcher darauf hin, dass wir zwar online viel und guten Kontakt haben können, aber dass auch Pheromone nicht zu unterschätzen sind. Botenstoffe also, die eben nicht durch WLAN, sondern nur durch direkten und persönlichen Kontakt übertragen werden: „Es kommt auch darauf an, ob man sich im wahren Leben riechen kann. Ich denke, dass muss man schon austesten, um ganz sicher zu gehen.“ Es könnte also gut sein, dass Lena und Matthias nach einem ersten echten Treffen schon das Weite gesucht hätten.

Die einzige Sicherheit ist regelmäßiger Kontakt.

Diana Boettcher, Paartherapeutin

Und was ist mit Sex?

Sich riechen können ist wichtig, aber was ist mit anfassen? Küssen, lecken, drücken, streicheln? Dinge, die wir im ersten Verliebtheitsrausch oft mit einer Hingabe vollziehen, als würden wir uns den*die andere*n am liebsten einverleiben? Wie kann man fehlende Sexualität in der Corona-Zeit kompensieren? „Das ist sehr individuell“, erklärt Boettcher, „da kommt es ganz drauf an, ob man jemand ist, der öfter und schneller sexuelle Begegnungen haben möchte oder jemand, der mehr Sicherheit braucht und den oder die andere erst mal besser kennenlernen will.“

Egal zu welchem Typus man sich zählt, die fehlende körperliche Nähe ist leider abträglich. „Ich kann mir vorstellen, dass der anfängliche Reiz an Intensität verliert und das Interesse schwindet, wenn der körperliche Kontakt fehlt“, meint Boettcher. Es müsse schon eine sehr besondere Verbindung sein, damit es realistisch ist, den Funken der Verknalltheit über einen langen Zeitraum hin am Leben zu halten. Er ist eben kein stabiles olympisches Feuer, sondern eine zarte Flamme. Aber die lässt sich zumindest – wenn man sich dafür bereit fühlt, ohne einander persönlich zu kennen – durchaus auch versuchen, sexuell ein bisschen anzupusten. Wenn auch nur über die Distanz. Denn sexuelle Begegnungen und das Austauschen von Fantasien ist ja auch online möglich.

Ob frische Flamme wie bei Lena, oder noch frühe Beziehung wie bei vielen anderen, laut Boettcher kommt es grundsätzlich darauf an, den regelmäßigen Kontakt nicht abreißen zu lassen. Also sich gegenseitig über den Alltag zu updaten (auch wenn der für die viele von uns derzeit aus einer zähen Abfolge von Nicht-Erlebnissen besteht) und sich genug Zeit für den oder die andere*n zu nehmen.

So persönlich wie möglich

Auch ist es wichtig, den Kontakt so persönlich wie möglich zu gestalten. Also sich nicht nur ausreichend Zeit zu nehmen, sondern auch den Raum so angenehm wie möglich zu gestalten. Ganz ähnlich vielleicht, wie man es auch bei einem Date zu Hause machen würde. Die Bude (etwas) aufräumen, das Bett frisch beziehen (oder zumindest das Kissen im Hintergrund mal aufschütteln), vielleicht sogar ein paar Gegenstände parat legen, die man dem*der anderen zeigen möchte. Sich gegenseitig Lieblingslieder vorspielen, zum gemeinsamen Kochen (mit den gleichen Zutaten) verabreden, sich schick machen. Gemeinsame Erinnerungen schaffen, sich besser kennenlernen.

Ob das auf Dauer funktioniert? Das wissen wir auch beim realen Kennenlernen erst nach einiger Zeit, vielleicht ist das ein kleiner Trost.

*Namen von der Redaktion geändert

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