#Führen-Kampagne: Die Bundeswehr kann nicht mit Sprache umgehen

Auf aktuellen Bundeswehrplakaten ist das Wort „Führen“ zu lesen. Kritik, das Wort könne negative Assoziationen hervorrufen, wiegelt die Armee ab. Das zeugt von einer erschreckenden Unsensibilität. Ein Kommentar

bundeswehr-fuehren-plakat-kampagne-kommentar

Rechts ist ein aktuelles Plakat der Bundeswehr zu sehen, das in verschiedenen Städten aushängt. Fotos: © dpa / Marco Borth Collage: ze.tt

Sprache hat eine ungeheure Macht. Das weiß jeder Mensch, der schon einmal beleidigt wurde. Oder bei dem*der ein Satz, oder nur ein einzelnes Wort, dafür sorgte, dass Erinnerungen aufkamen, vergangener Schmerz reaktiviert wurde, Unwohlsein hervorrief.

Die Bundeswehr ist sich dieser Macht der Sprache offenbar nicht bewusst. In ihrer aktuellen Plakatkampagne zeigt sie Soldat*innen mit verschiedenen Hashtags. Darunter ist auch eines zu finden, das eine Marineoffizierin mit entschlossenem Blick vor einem U-Boot zeigt. Darunter steht in Großbuchstaben der Hashtag #Führen. Damit sollen laut Angaben einer Sprecherin des Verteidigungsministeriums junge Frauen und Männer für die Offizierslaufbahn gewonnen werden, „unseren zukünftigen Nachwuchs, der Verantwortung übernehmen soll“. Dem Führen von Menschen komme dabei eine große Bedeutung zu, heißt es.

In einem Facebookposting wird die Bundeswehr von einem User auf die Konnotation hingewiesen, also das erweiterte Bedeutungsfeld, das die Geschichte des Begriffs „führen“ und sein Umfeld beinhaltet. Der User fragt, ob die Bundeswehr den Begriff in Anbetracht der deutschen Vergangenheit für gut gewählt empfindet, um eine Organisation, wie die Bundeswehr als Arbeitgeber zu bewerben. Daraufhin entbrennt eine Diskussion zwischen dem User und der Social-Media-Abteilung der Armee. Diese geht in Verteidigungshaltung und schreibt zunächst völlig richtig, das Wort „führen“ sei allgemeiner Sprachgebrauch und werde seit Gründung der Bundeswehr genutzt. In der Stellungnahme heißt es aber auch: „Man kann natürlich gerne in alles irgendetwas hineininterpretieren – muss man aber nicht.“ Dahinter setzt das Social-Media-Team einen Zwinkersmiley.

Eine Konnotation ist etwas höchst Subjektives

Die Kommentare des Social-Media-Teams zeigen einmal mehr, wie unsensibel die Bundeswehr mit Sprache umgeht. Dort ist man offenbar weder in der Lage, zu erkennen, dass das Wort „Führen“ zu Zeiten von rechten Aufmärschen in Chemnitz bedenklich ist. Noch scheint man in der Öffentlichkeitsarbeit die Vorbehalte der Öffentlichkeit ernst zu nehmen. Nein, Menschen sind nicht überempfindlich, sondern die Wortwahl der Kampagne unsensibel.

Die Sprecherin des Verteidigungsministeriums sagt ze.tt, die Bundeswehr weise die „angedeutete Konnotation entschieden zurück“. Das zeugt von einer merkwürdigen Auffassung darüber, wie Sprache funktioniert. Denn eine Konnotation kann gar nicht zurückgewiesen werden.

[Außerdem auf ze.tt: Die Bundeswehr will euch mit neuen Werbeslogans locken]

Eine Konnotation entsteht in jedem Menschen unterschiedlich und subjektiv, dabei ist die Intention einer Aussage völlig egal. Der Duden beschreibt sie als assoziative, emotionale, stilistische, wertende Nebenbedeutung. Salopp gesagt: Es schwingt in Worten immer mehr mit, als nur eine Information. Für die meisten Menschen dürfte beispielsweise das Wort „Hund“ positiv konnotiert sein, sie werden süße Vierbeiner im Sinn haben. Für andere jedoch, denen ein großer, aggressiver Hund ein Körperteil abgerissen hat, ist das sicher anders.

Ja, das bedeutet auch, dass nicht jedem Menschen beim Wort „Führen“ sofort Gedanken an dunkle Zeiten kommen müssen. Dennoch sollte das bitte nicht diesen Menschen so kategorisch abgesprochen werden, die das Wort erschaudern lässt, weil es doch recht nah am „Führer“ liegt. Viele Menschen sind heute immer noch Opfer einer in weiten teilen rassistischen Gesellschaft. Zudem rückt Deutschland derzeit politisch wieder gefährlich weit nach rechts. Es ist also kein Wunder, dass dieses Wort für einige negativ konnotiert ist.

Die Bundeswehr muss sensibel mit Sprache umgehen

Erst kürzlich zeigte die Bundeswehr ein ähnlich problematisches Verständnis von Sprachwirkung, als sie gängige Begriffe aus der Gamingszene für ihr Werbung instrumentalisierte. So wurde aus realen militärischen Einsätzen ein „Multiplayer“, aus realen Einsatzgebieten eine „Open World“. Wenn das wirklich keine bewusste Provokation war, dann kann man der Bundeswehr dafür neben Plumpheit auch Respektlosigkeit vor ihren eigenen Todesopfern vorwerfen.

[Außerdem auf ze.tt: Bundeswehr auf der Gamescom: Eure Kriege sind kein Spiel]

Die Bundeswehr inszeniert sich gerne als eine reguläre Arbeitgeberin. Das ist sie nicht. Sie ist eine Armee, in der Menschen in Auslandseinsätzen sterben und an Posttraumatischen Belastungsstörungen erkranken. Gerade deshalb sollte sich diese staatliche Institution besondere Mühe geben und mindestens doppelt so sensibel mit Sprache umgehen, als etwa ein ziviles Unternehmen. Die Bundeswehr sollte sich penibel genau überlegen, mit welchen Methoden sie junge Menschen in den Kriegsdienst lockt.