Warum Schwangerschaftsabbrüche in Serien und Filmen oft dramatisiert werden

Franzis Kabisch forscht zu Abtreibungen im Film. Hier erklärt sie, warum diese oft emotional ausgeschlachtet werden und was der male gaze damit zu tun hat.

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Die Figur Maeve hat in der ersten Staffel der Netflix-Serie Sex Education einen Abbruch. Foto: © Sam Taylor/Netflix

Franzis Kabisch erinnert sich noch gut an einen Artikel über den Schwangerschaftsabbruch einer Jugendlichen, den sie mit 13 Jahren in der Zeitschrift Bravo gelesen hat. Die junge Frau sei dort als völlig fertig dargestellt worden, mit Kapuze über dem Kopf, alles Grau in Grau. „Das hat sich bei mir stark eingebrannt.“ Bilder sind mächtig. Sie prägen unsere Wahrnehmung der Realität.

Heute ist Franzis Kabisch Filmemacherin und Kulturwissenschaftlerin in Wien und Berlin. Mit Recherchestipendien des Bundeskanzleramts in Österreich und der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa hat sie zur Darstellung von Schwangerschaftsabbrüchen in Filmen und Serien geforscht. Ihre Erkenntnisse veröffentlicht sie in wissenschaftlichen Publikationen und auf dem Instagram-Kanal abortion.tv.

Im Interview mit ze.tt erzählt Kabisch, warum Schwangerschaftsabbrüche filmisch oft emotional ausgeschlachtet werden, welche Rolle der sogenannte male gaze dabei spielt und zeigt Beispiele, die es besser machen.

Frau Kabisch, Sie forschen dazu, wie Schwangerschaftsabbrüche in Serien und Filmen dargestellt werden und sagen: Was am häufigsten gezeigt wird, wenn es um einen Abbruch geht, ist eine Lücke. Was wird da ausgespart?

Franzis Kabisch: Zunächst einmal fehlt der Eingriff selbst. Wenn Abtreibungen thematisiert werden, dann sehen wir oft das Davor – manchmal geht es bis zum Wartezimmer – und dann das Danach. Die Person ist zu Hause, liegt im Bett oder auf der Couch und erst wenn sie darüber spricht, erfährt das Publikum überhaupt, was passiert ist. Dabei wird etwas ausgespart, das im Grunde relativ einfach und vielleicht schon fast zu undramatisch ist, um gezeigt zu werden. Ein Schwangerschaftsabbruch ist heute ein sicherer Eingriff, der chirurgische dauert etwa zehn Minuten, der medikamentöse bedeutet die Einnahme von Tabletten, gefolgt vom Abgang des Fruchtsacks beziehungsweise Embryos zu Hause. Indem aber nicht gezeigt wird, was genau passiert, wird ein Abbruch mystifiziert. Es fehlen Informationen und das lässt Raum, sich alles Mögliche vorzustellen, was dann oft eher negativ ausfällt.

Dieses Nicht-Darstellen ist aber auch eine Darstellung. Der Abbruch wird nicht nur nicht gezeigt, weil sich die Macher*innen denken: Hier sparen wir uns Filmzeit, sondern er wird bewusst umgangen. Die Aussage: Ein Schwangerschaftsabbruch ist etwas Schreckliches, das man nicht zeigen sollte.

Was wird stattdessen gezeigt?

Häufig liegt der Fokus auf einer rein emotionalen und moralischen Auseinandersetzung, zum Beispiel mit Bildern, die die ungewollt schwangere Person isoliert zeigen. Die meist junge Frau, fast immer cis und hetero, fährt allein im Bus oder im Zug und schaut verloren aus dem Fenster. Sie ist überwältigt und unsicher. Was auch oft passiert ist, dass die Person auf Babys oder glückliche Mütter trifft. Konfrontiert mit diesem vermeintlichen Familienideal, bekommt sie Schuldgefühle. Das lässt allerdings außer Acht, dass viele Menschen, die einen Abbruch haben, bereits Kinder haben. Die Gegenüberstellung von glücklichen Müttern und herzlosen Frauen, die abtreiben, ist also gar nicht so realistisch.

Selten tauscht sich die schwangere Person mit anderen aus, zum Beispiel einer Freundin oder sucht sich Hilfe bei einer Beratungsstelle. Stattdessen äußern häufig Personen ihre Meinung, die eigentlich unbeteiligt an der Sache sind. Bei GZSZ gab es beispielsweise eine Szene, in der die zwei Brüder der ungewollt schwangeren Figur Emily ohne sie über sie sprechen. Emily wäre sowieso keine gute Mutter und es wäre besser, wenn sie das Kind nicht bekomme. Nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen wird Emily jedoch nicht gefragt. Und wenn sie diese äußert, werden sie ignoriert.

Wie kommt es zu dieser Darstellung?

Die Funktion ist oft, dass der Charakter eine Entwicklung oder eine Krise durchmachen soll. Wenn jemand schwanger ist, der oder die eigentlich nicht schwanger sein möchte, bietet das viel Stoff für einen Konflikt und lässt sich leicht dramatisieren und emotional ausschlachten.

Es ist sicherlich auch ein Erbe von Zensurvorschriften aus den 20er- und 30er-Jahren, als bestimmte Dinge gar nicht gezeigt werden durften. Alles, was sich um sexuelle Selbstbestimmung drehte – Schwangerschaftsabbrüche, aber auch alternative Lebensentwürfe oder weibliche Sexualität –, wurde gekürzt. Ich denke, dass sich diese Tabuisierung verselbstständigt hat: Schwangerschaftsabbrüche sind bis heute ein gesellschaftlich heikles Thema und gerade weil es so wenig Diskurs darüber gibt, reproduzieren Drehbuchautor*innen und Regisseur*innen häufig, was sie bereits aus anderen Filmen kennen. Eine Art Kreislauf der immer gleichen Darstellungen. Was wir in Filmen und Serien sehen, wird mangels Alternativen als Realität wahrgenommen.

Spielt eine Rolle, wer die Serien und Filme macht?

Die Strukturen sind vielschichtig: Es gibt die Geldgeber*innen, die Sender, die Drehbuchschreiber*innen, die Regisseur*innen. Es hängt nicht an einer Person, sondern an einem Gefüge aus Erwartungshaltungen und Normalisierungen. Hinter uns liegt eine hauptsächlich cis männlich geprägte Filmgeschichte und bis heute sind immer noch viele Positionen cis männlich besetzt. Diese Menschen haben keine eigenen Erfahrungen mit einem Abbruch gemacht und den Entscheidungsprozess nie durchlaufen. Schwangerschaftsabbrüche sind für sie daher ein willkommenes Konfliktthema im Film, denn die Effekte ihrer Dramatisierung betreffen sie nicht.

Es gibt aber auch cis weibliche Regisseurinnen, die ein genauso eher konservatives Bild von Abbrüchen schaffen. Das hat sicherlich damit zu tun, dass auch sie in den Strukturen des sogenannten male gaze, also eines männlichen Blicks, sozialisiert wurden. Es ist auch ihre Sehgewohnheit, Frauen als Filmfiguren eher passiv als Objekte darzustellen und selten Entscheidungen aus ihrer Perspektive heraus treffen zu lassen. Das ist uns unterbewusst stark eingeschrieben und ändert sich nur langsam. Je mehr cis weibliche oder auch nicht-binäre und trans Drehbuchautor*innen das Thema behandeln, desto öfter werden wir aber an den Punkt kommen, wo diese sagen: Moment mal, das ist überhaupt nicht meine Erfahrung. Ich möchte eine andere Story erzählen.

Inwiefern wirkt sich diese Art der Darstellung, die auf Konflikt aus ist, auf die Zuschauer*innen aus?

Das ist ein Aspekt, den ich gerne mehr erforschen würde. Ich nehme an, dass diese Darstellungen bei ungewollt Schwangeren zu einer negativen Wahrnehmung des Abbruchs, aber auch von sich selbst führen. Die Psychologin Miriam Gertz hat in ihrer Forschung an der Uni Wien zu psychischen Erfahrungen im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen festgestellt, dass viele ungewollt Schwangere so sehr erwarten zu leiden, dass sie völlig irritiert und verunsichert sind, wenn sie sich wieder Erwarten gut und erleichtert nach einem Abbruch fühlen. Ich glaube, dass dabei eine Rolle spielt, welche Darstellungen von Schwangerschaftsabbrüchen wir vorrangig kennen und dass viele Erfahrungen auf der Leinwand fehlen.

Dazu passt eine Szene aus der US-Serie Jane the Virgin, wo die Figur Xiomara einen medikamentösen Abbruch hat. Für sie ist das kein großes Drama, bis ihre katholische Mutter davon erfährt und ihr ein schlechtes Gewissen macht. Xiomara beschwert sich daraufhin bei ihrem Freund: „Es ist meine Mutter. Sie gibt mir das Gefühl, schuldig zu sein. Nicht wegen der Abtreibung. Sie gibt mir das Gefühl, schuldig zu sein, weil ich mich nicht schuldig fühle.“

Die Forschung zeigt jedoch, dass die allermeisten Menschen einen Schwangerschaftsabbruch nicht bereuen. Die Turnaway-Studie aus den USA hat über einen Zeitraum von mehreren Jahren über 600 Frauen nach einem Abbruch begleitet und mehrmals befragt. Das Ergebnis: Eine Woche nach dem Abbruch und auch drei Jahre später gaben 95 Prozent Prozent der Teilnehmerinnen an, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Fünf Jahre später fühlten sich die allermeisten erleichtert.

Wer profitiert davon, Schwangerschaftsabbrüche dramatischer darzustellen, als sie offensichtlich für viele Menschen sind?

Vordergründig nützt das natürlich einer Filmlandschaft, die Konflikte als Filmstoff braucht. Bei GZSZ zog sich die vorhin erwähnte Geschichte von Emily, die sich letztlich gegen eine Abtreibung entscheidet, über mehrere Wochen. Sie lässt zwei Termine sausen, trifft immer wieder auf ihren Bruder und dessen Frau, die als Paar ungewollt kinderlos sind und fühlt sich dadurch schuldig – eine emotionale Tortur.

Gesellschaftlich gesehen profitieren von dieser Art der Darstellung Menschen, die Schwangerschaftsabbrüche am liebsten gar nicht thematisieren und vielleicht sogar komplett illegalisieren wollen sowie jene, die Frauen in die Rolle der Mutter und Hausfrau drängen. Je weniger Informationen und Vorbilder zu Schwangerschaftsabbrüchen bekannt sind, desto schlechter können Menschen sich selbst positionieren. Das nützt langfristig sehr konservativen Geschlechter- und Familienmodellen und schadet nicht nur vielen cis Frauen, sondern auch nicht-binären, trans und inter Menschen.

Wie ginge es besser, ohne Schwangerschaftsabbrüche zu beschönigen?

Der Wunsch nach ausschließlich positiven Bildern bedient aus meiner Sicht dieselbe binäre Logik. Es geht vielmehr darum, Komplexität abzubilden. Ein Schwangerschaftsabbruch muss keine lebenseinschneidende Erfahrung sein, trotzdem geht es um eine wichtige Entscheidung: Bekomme ich ein Kind oder nicht? Der Fokus sollte auf Selbstbestimmung liegen: Es ist die alleinige Entscheidung der schwangeren Person und diese Entscheidung kann bewältigt werden. Dabei können Zweifel, Angst und Schmerz gezeigt werden, aber eben auch empowernde Momente.

Ich finde interessant, dass selbst in feministischen Kreisen befürchtet wird, Schwangerschaftsabbrüche könnten trivialisiert werden. Wir sind doch weit davon entfernt, dass Menschen jede Woche eine Abtreibung vornehmen lassen. Ich glaube, eine gewisse Trivialisierung ist genau das, was passieren muss. In der US-Serie Shrill hat zum Beispiel die Protagonistin Annie in der ersten Episode einen Abbruch. Sie überlegt, entscheidet sich letztlich dafür, geht zum Termin und der Abbruch ist in der restlichen Staffel kein großes Thema mehr. Ähnliches ist in dem französischen Film Porträt einer jungen Frau in Flammen zu sehen, in dem es hauptsächlich um eine lesbische Liebe geht und ein Schwangerschaftsabbruch nur ein Nebenschauplatz ist. Auf der emotionalen Ebene kann also gerne trivialisiert werden, dann bleibt auch mehr Raum, um Informationen zu geben. So wird das Thema ernst genommen, aber nicht beschönigt.

Ist das dann noch filmreif?

Was heißt filmreif und für wen? Die Filmlandschaft, so wie sie geschaffen ist, ist sehr patriarchal. Die österreichische Drehbuchschreiberin Kathrin Resetarits verweist in diesem Zusammenhang in einem Vortrag auf das plotzentrierte Erzählen. Damit ist gemeint, dass viele Filme in der 90-Minutenform existieren, in der es eine Person gibt, die einen Konflikt erlebt, den sie löst oder an dem sie scheitert. Klassische Hollywoodfilme bräuchten fast immer diese gängige Heldenreise.

Bei vielen feministischen oder experimentellen Produktionen gibt es das hingegen nicht, zum Beispiel in einem aktuellen Film der Regisseurin Eliza Hittman, in dem es ebenfalls um einen Schwangerschaftsabbruch geht: Niemals selten, manchmal immer. Die jugendliche Protagonistin muss zwar Hindernisse überwinden, aber es gibt kein klassisches Auf und Ab, der Film ist langsam und ruhig erzählt. Ich finde das trotzdem filmreif, auch wenn es einer anderen Sehgewohnheit entspricht. Wenn wir uns ausschließlich auf Konflikt und Drama konzentrieren, wird es schwer, Schwangerschaftsabbrüche auch mal anders zu zeigen. Entweder müssen sie dann überdramatisiert werden, weil sie im Mittelpunkt stehen, oder sie fliegen aus dem Drehbuch, weil es filmökonomisch nicht mehr reinpasst.

In welchen Serien und Filmen gelingt denn eine komplexere Darstellung schon?

In der Serie Sex Education wird ein Schwangerschaftsabbruch zum Beispiel als ein Thema unter vielen behandelt. Die Figur Maeve, die eine ziemlich toughe junge Frau ist und nicht wirklich jemanden an sich heranlässt, öffnet sich durch die Abtreibung gegenüber ihrem Schulfreund Otis – zunächst auch, weil sie muss, denn die Klinik verpflichtet sie, dass jemand sie nach dem Eingriff abholt. Als Otis sie dann abholt, zeigt Maeve ihm sogar, wo sie lebt: in einem Trailerpark, was für sie auch mit Scham verbunden ist. Schön an dieser Szene ist, dass ein Abbruch dafür genutzt wird, um eine Beziehung zu verfestigen, statt sie auseinanderzutreiben.

Ein Film, den ich ebenfalls sehr mag, ist Obvious Child von der Regisseurin Gillian Robespierre, der in den USA als Abortion Comedy vermarktet wurde. Die Hauptfigur Donna ist eine Mittzwanzigerin, die schwanger wird und in dem Prozess sehr viel emotionale Unterstützung von ihrer Mitbewohnerin bekommt. Die hatte schon einmal eine Abtreibung und kann Donna wichtige Informationen geben. Als Stand-up-Comedienne verarbeitet Donna das Thema im Folgenden auf der Bühne. Ich finde sehr schön dargestellt, wie hier Humor nicht dafür dient, um sich über etwas lustig zu machen, sondern von der Person selbst genutzt wird und sie bestärkt. Humor ist Donnas Coping-Strategie.


Weitere Informationen findet ihr in unserem Dossier zum Thema Schwangerschaftsabbruch.