Für manche ist Minimalismus Lifestyle, für viele andere Zeichen von Armut

Trotz eines vollen Kontos mit wenig leben? Eine bewusste Entscheidung. Andere haben einfach kein Geld, um Dinge zu kaufen. Warum unsere Autorin vom Minimalismusgetue genervt ist. Ein Kommentar 

Minimalismus – Lifestyle für Rich Kids und beschissene Realität für viele andere

Kein Geld für Einrichtung. Foto: Andrej Lišakov / Unsplash | CC0

Weg mit all dem unnötigen Krempel in der Wohnung! Verkneif dir doch mal den ständigen Konsum! Die wirklich wichtigen Dinge im Leben kann man sich nicht kaufen! Und Tiny-Houses, hach, so schön romantisch! Neun Quadratmeter – und alles meins! Mehr brauch ich doch nicht!

Diese weisen Botschaften der Instagram-Minimalist*innen wabern seit einigen Jahren durch den Alltag und zeigen sich bei der sorgsam abfotografierten Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken. Und ja, alles schön und gut. Freund*innen kann man sich nicht kaufen, und richtig, sie zu haben, ist toller als zehn schwarze Kleider im Schrank. Viele Wohnungen sind vollgemüllt mit Kram, den man nur alle zwei Jahre oder noch nie gebraucht hat und über den eigenen Konsum sollte man nicht nur wegen des Geldbeutels, sondern auch aus ethischen Gründen nachdenken. Und doch stößt mir der Hype um einen minimalistischen Lebensstil immer wieder auf. Denn er ist eben nur für manche ein Lifestyle. Für andere ist er einfach bittere Konfrontation mit ihren Möglichkeiten.

Oder man macht aus dieser bitteren Wahrheit eben einen Lifestyle. So wie neulich, als mir eine Pressemitteilung für ein neues Buch in mein Postfach flatterte. Darin war von einer Frau zu lesen, die Schulden hatte und wieder bei ihren Eltern einziehen musste. Ihr blieb, so hieß es, nichts anderes übrig, als sich zu reduzieren. Und dann entdeckte sie den minimalistischen Lebensstil für sich. Und befreite sich auch mental mit jedem Stück, das sie nicht mehr hatte. Hallo, neues, besseres Leben und erleuchtetes Ich!

Die Botschaft der Minimalist*innen: Ich kann, aber ich will nicht

Aha, so heißt das jetzt also. In meinem Vokabular heißt das: pleite. Und sparsam leben, weil man muss. Oder einfach: Ein Leben als Student*in, als Alleinerziehende*r, oder ein Leben mit dem Lohn eines typischen Frauenberufs, als Kreative*r, oder oder oder. Im Buch wird dann einfach ein Lifestyle draus. Verkauft sich auch besser. Ich meine, warum sagen wir nicht einfach, wie es ist? Der Frau ging es beschissen und sie musste verzichten – nicht weil sie wollte, sondern weil es nicht anders ging. Großartig, dass es heute anders ist – aber wieso muss man daraus eine Philosophie machen? Weil die Wahrheit, dass sich viele Menschen immer weniger leisten können, zu gruselig ist? Ach, aber ich war lange auch nicht besser.

Denn ich bin schließlich auch einer dieser Menschen, der in einer schicken Altbauwohnung innerhalb des S-Bahn-Rings in Berlin lebt. Aber diese schöne Wohnung war lange Zeit ganz schön leer. Mein Wohnzimmer bestand aus einem Schreibtisch, einem Bücherregal und ein paar Stühlen. Kamen Gäste vorbei, waren alle von der Einrichtung begeistert: Toll, so viel Platz, ein richtiger Tanzsaal! Dann saßen wir auf den Holzstühlen rum und wünschten uns wahrscheinlich bald alle ein Sofa unterm Hintern. Aber das gab es einfach nicht. Ich nickte dann immer: Ja, mein Tanzsaal… So habe ich das Zimmer auch genannt, denn das hörte sich schön an. Die Wahrheit war aber: Ich konnte mir schlicht keine anderen Möbel leisten. Ich hätte gerne ein Sofa gehabt, einen schönen Beistelltisch, eine große Kommode, eine Stehlampe, ein weiteres Bücherregal, ach, alles, was eben in so ein Wohnzimmer gehören kann. Aber das ging nicht – und statt offen damit umzugehen, tat ich einfach so, als würde ich es nicht anders wollen. Auch, weil es mir peinlich war.

Neun Quadratmeter zum Leben sind romantisch? Gut verpackter Schwachsinn!

Ich konnte mir also das Dach über dem Kopf leisten, aber nicht das Leben darin – zumindest nicht so, wie ich es mir wünschte. Was auch kein Drama war, schließlich ging es mir immer noch verdammt gut. Für mich muss niemand ein Tränchen verdrücken. Aber ich lebte eben trotzdem gezwungenermaßen minimalistisch und nicht, weil ich mich gerade selbst gefunden hatte – und ich hatte einfach Glück mit dem Zeitgeist und meinem Wohnort, sodass es nicht auffiel. Sodass es gut zu verkaufen war. Ein paar Jahre zuvor und außerhalb von Berlin hätte man wahrscheinlich einfach Mitleid mit mir gehabt. Oder es zumindest leicht komisch gefunden.

Aber wenn ich die Chance gehabt hätte, hätte ich mich verdammt nochmal im Konsum gesuhlt. Ich hätte mir jede Ecke vollgestopft. Und ja, ich würde auch einen Teufel tun, und in eines der Tiny-Häuser ziehen, die jetzt so in sind – wenn ich nicht unbedingt muss. Auf wenig Raum glücklich wird nämlich auch nur, wer sich das explizit aussucht. Für die meisten anderen sind neun Quadratmeter aber ganz sicher kein Wunschtraum, schon gar nicht romantisch, sondern einfach das, was man sich leisten kann. Und überhaupt: Diese Tiny-Houses gibt es ja auch nur, weil wir so eng leben, weil bezahlbarer Wohnraum knapp wird und nicht, weil wir es alle so großartig finden, mit dem Fuß an die Toilettenschüssel zu stoßen, wenn wir am Küchentisch sitzen.

Wenn wir an Minimalismus denken, dann nicht an leere Wohnungen mit alten Möbeln, sondern an sexy, teure skandinavische Designer-Label.

Ja, am Ende muss es jede*r für sich halten, wie er *sie es richtig findet. Und doch ergibt es Sinn, sich auch bei Lifestyle-Themen wie dem Minimalismus über das Privileg Gedanken zu machen, die Wahl zu haben, mit wenig oder viel zu leben, Konsum zu betreiben oder nicht. Und darüber, ob man das Leben mit wenig uneingeschränkt abfeiern sollte. Oder sich zu fragen, ob es wirklich Not tut, am Black Friday die Nase über alle zu rümpfen, die sich von der Industrie einlullen lassen und zuschlagen. Denn es gibt eben Menschen, die warten ein Jahr darauf, diese Prozente zu bekommen – nicht weil sie besonders konsumgeil sind, sondern weil auf dem verdammten Konto nicht mehr viel Geld ist.

Mainstream-Minimalismus ist vor allem eines: Ein Hobby von konsum-gelangweilten Gutverdienenden

Die Wahrheit ist ja auch: Wenn wir an Minimalismus denken, dann nicht an leere Wohnungen mit alten Möbeln, die noch aus dem früheren Kinderzimmer stammen, sondern an sexy, teure skandinavische Designer-Label oder Vintage-Ware aus den 1950ern. Man denkt an Pinterest, nicht an Reportagen zum Konsumverhalten der Deutschen vom letzten Jahr. Was also nach wenig aussieht, kostet manchmal die Welt. Und das macht Minimalismus vor allem zu einem Hobby der finanziell Gutgestellten, die von ihren eigenen Möglichkeiten gelangweilt sind. Ist auch okay, aber dann tut nicht so, als würde es vor allem um Verzicht gehen. Es geht doch viel mehr um Selbstdarstellung, die nach ganz bestimmten Regeln abläuft. Ja klar, es gibt auch die Menschen, die sich über Label keine Gedanken machen, die einfach nur mit dem leben wollen, was sie brauchen – nicht mehr. Das aber ist eben nicht der Mainstream-Minimalismus, der als das schöne Leben verkauft wird und der aus fast allen Wohnmagazinen und aus Instagram tropft. Das ist nicht der Minimalismus, der suggeriert: Wenig ist geil, weil es geil aussieht und weil ich es mir geilerweise aussuchen kann.

Klar: Jede*r soll leben, wie er*sie es möchte. Aber auch das ist eben nur einigen vorbehalten. Wer also wieder in die Versuchung kommt, beim Konsum anderer die Nase zu rümpfen: Lasst es einfach. Vielleicht ist genau das für diese anderen Menschen das Stückchen Luxus, das ihr im Verzicht auf Kram in eurer lichtdurchfluteten Riesenwohnung oder eurem abbezahlten Tiny-House erlebt.


von Silvia Follmann auf EDITION F

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