„Für mich ist es völlig okay, mit 23 Viagra zu nehmen“

Unser Autor möchte sich nach einer langen Beziehung gerade sexuell austoben. Damit nicht nur seine Fantasie, sondern auch seine Erektion mitspielt, greift er zur kleinen blauen Pille. Ein Erfahrungsbericht

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Foto: © Toa Heftiba / Unsplash | CC0

„Wo befindet sich denn dein Bad?“, frage ich in einem viel zu höflichen Ton in Richtung meines Dates, obwohl wir beide noch kaum einen Schritt in ihre Wohnung gesetzt haben. Sie deutet mit ihrem Zeigefinger auf eine Tür am Ende des Flurs, während sie aus ihren Sneakern schlüpft. Ich mache es ihr nach und verschwinde in ihrem Bad. Auf die Toilette muss ich nicht. Ich öffne den Reißverschluss meiner Bauchtasche und greife nach einer Blisterverpackung mit vier kleinen bläulichen Tabletten.

Auf dem für eine Studenten-WG überraschend sauberen Waschbecken viertele ich eine der Pillen, drehe den  Wasserhahn auf und lasse einen der Teile mit lauwarmen Leitungswasser meinen Hals hinuntergleiten. Ob das wohl schon reicht? „Sicher ist sicher“, denke ich mir und schmeiße ein weiteres Viertel hinterher – 50 Milligramm; 100 werden empfohlen. Auf der Verpackung steht zwar, dass der gewünschte Effekt erst in 30 bis 60 Minuten eintreten wird, aber ich meine bereits nach wenigen Sekunden spüren zu können, wie sich meine Blutgefäße an der gewünschten Stelle weiten. Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ich vor dem Sex Viagra einschmeiße.

„Zu verkopft“ und Stress auf der Arbeit beeinflussen das Stehvermögen

Nach dem Ende einer dreijährigen Beziehung entschloss ich, dass es Zeit sei für eine neue Lebensphase. Meine Eltern sollten in den 60ern schließlich nicht umsonst für die freie Liebe auf die Straße gegangen sein. Tinder, OKCupid, Grindr – alle möglichen Datingapps fanden ihren Weg auf mein Smartphone, um mir dabei zu helfen, die ersten drei Jahre meiner wilden Zwanziger nachzuholen. Mit nur einigen Swipes nach rechts und dem ein oder anderen Super Like konnte ich mir rasch das Leben organisieren, das ich zurzeit für mich vorsah; One-Night-Stands, Freund*innenschaft Plus, spontane Sexdates, egal, Hauptsache keine Beziehung und möglichst viel, möglichst unverbindlicher Spaß. Doch bereits nach wenigen Dates traf mich die ernüchternde Einsicht: Fuck – ich kann das nicht. Fremde Menschen machen mich nervös. So sehr, dass mein Geschlechtsteil mitunter wenig Haltung zeigt.

Ärgerlich, denn ich bin Anfang 20, treibe Sport, ernähre mich gesund – in aller Regel gibt es keine Probleme unterhalb meiner Hüfte. Auch in meiner vorherigen Beziehung lief alles so, wie es sollte. Bei One-Night-Stands ist es die Aufregung und der fehlende Fokus auf den doch eigentlich so schönen Moment, die mich hin und wieder zur blauen Pille greifen lassen.

Und damit bin ich nicht alleine. Nur circa zwei Prozent der 20- bis 29-Jährigen haben tatsächlich Erektionsstörungen. Das heißt, dass sie unabhängig von der jeweiligen Situation in den meisten ihrer Versuche nicht dazu in der Lage sind, eine Erektion zu bekommen oder aufrecht zu halten. Gleichzeitig greifen 16 Prozent derselben Altersgruppe zu Potenzmitteln. Das ergab eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von „zu verkopft“, über „Stress auf der Arbeit“ bis hin zur Verbesserung der Sexualität. Laut Studie ist die Motivation oftmals, dass man denkt, nicht gut genug für sein Gegenüber zu sein. Das ist natürlich eine komplett falsche Motivation. Doch es gibt auch eine richtige.

Viagra überzeichnet das Bild von Sexualität – aber unterstützt Fantasien

In meinem Falle ist es so: Natürlich könnte ich vor jedem Sex mein neuestes Date fragen, ob sie Lust hätte, mir unter dem Duft irgendwelcher Sandelholzräucherstäbchen eine zweistündige Tantramassage zu geben, damit ich mehr im Moment wäre. Selbstverständlich könnte ich auch auf One-Night-Stands von Grund auf verzichten und stattdessen nach einer neuen Beziehung suchen, in der ich mich sexuell sicherer fühle. All das könnte ich. Doch all das möchte ich nicht. Die kleine blaue Pille ermöglicht mir einen Lebensstil, den ich zurzeit nicht missen möchte.

Auch ohne meine Nervosität würde ich hin und wieder zu Viagra greifen. Wenn man lediglich ungefähr alle zwei Wochen mit zu einer Frau oder einem Mann nach Hause geht, dann möchte man die wenige Zeit auch in vollen Zügen auskosten. Mit Viagra ist es ohne Weiteres möglich, mehrere Stunden mehrfach miteinander zu schlafen, ohne zwischendurch schlapp zu machen. Klar, solch ein Bild von Sexualität und Potenz ist nicht natürlich, sondern eine reine Wunschvorstellung. Nichtsdestotrotz macht es Spaß, diese hin und wieder auszuleben. Und falls es einmal doch nicht zum Sex kommen sollte, obwohl man bereits eine Pille heruntergeschluckt hat, ist auch das kein Problem: Viagra wirkt nur, wenn man selbst sexuell erregt ist. Solange ich mir also nicht gerade eine Überdosis einschmeiße, muss ich nicht befürchten, mit einer unerwünschten Dauerlatte auf dem Heimweg ungewollte Blicke auf mich zu ziehen. Meinen Dates erzähle ich im Übrigen nichts vom Medikament. Warum auch? Im Gegensatz zu Themen der Verhütung betrifft Viagra lediglich meinen eigenen Körper und ich habe keine Lust, mich vor jedem Date rechtfertigen zu müssen. Vielleicht verschicke ich zukünftig einfach einen Link zu diesem Text hier – mal schauen.

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Latte an Nebenwirkungen

Wie bei jedem Medikament gibt es allerdings auch bei Viagra Nebenwirkungen. Kopfschmerzen, eine verstopfte Nase, ein roter Kopf – auch ich konnte einige dieser Unannehmlichkeiten manchmal sogar direkt schon beim Sex spüren. Nicht gerade schön, allerdings auch etwas, das ich momentan gerne in Kauf nehme. Was jedoch nicht heißen soll, dass man leichtfertig zu Viagra greifen kann. So erzählte mir der Kölner Facharzt für Urologie Dr. med. Marc Birkhahn in einem Telefonat, dass Viagra zwar in aller Regel keine gefährlichen Nebenwirkungen mit sich bringe, es jedoch trotzdem nicht ohne Grund verschreibungspflichtig sei.

Menschen mit zu niedrigem Blutdruck oder einer schweren Herzerkrankung dürfen zum Beispiel meist keine Potenzmittel einnehmen. Auch der Mischkonsum mit anderen Sexdrogen, wie zum Beispiel Poppers, die ebenfalls den Blutdruck senken, ist ein großes No-Go. Dies kann zu Herz-Kreislauf-Versagen führen – also potenziell tödlich sein. Auch von dubiosen Internetanbieter*innen, die auf Pornoseiten werben, rät Dr. Birkhahn dringend  ab. So berichtete beispielsweise auch die Luzerner Zeitung von Fällen, in denen illegale Potenzmittel mit Autolack beschichtet wurden oder die Präparate anstelle des eigentlichen Wirkstoffes Antibiotika oder Schmerzmittel enthielten. Online bestellen kann man sich die blauen Pillen trotzdem.

Dank der neuen Onlinesprechstunden bei Ärzt*innen war alles, was mich vom rezeptpflichtigen Viagra trennte, eine stabile WLAN-Verbindung und ein kurzer Fragebogen: „Rauchen Sie?“, „Haben Sie Bluthochdruck?“. Nach wenigen Antworten durfte ich meine Adresse angeben und zwei Tage später trudelte auch schon das Paket einer Versandapotheke in mein Haus. Eine legitime Methode, um rezeptpflichtiges Viagra zu bekommen, findet Dr. Birkhahn. Dennoch ist der persönliche Besuch beim Arzt oder bei der Ärztin die sicherste Methode. Schamgefühle sind an dieser Stelle unangebracht. Urolog*innen haben Tag für Tag mit solchen Fällen zu tun.

Du möchtest Viagra nehmen, weil du denkst, du genügst nicht den Ansprüchen anderer? Dann lass es!

Ich weiß, dass in einer woken Generation von Ginger-Shots trinkenden Hobbyboulder*innen, das Einnehmen von Medikamenten aus hedonistischen Gründen seltsam beäugt wird. Und das sicherlich auch zu Recht. Doch es gibt einen verantwortungsbewussten Viagrakonsum. Du möchtest Viagra nehmen, weil du denkst du genügst nicht den Ansprüchen anderer? Dann lass es! Du denkst, du seist nicht gut genug im Bett? Doch, das bist du! Du hast dich vorher nicht zum Thema informiert? Gar nicht schlau! Aber wenn es darum geht, für eine bestimmte Lebensphase etwas Hilfe in Anspruch zu nehmen, oder man hin und wieder eine sexuelle Fantasie ausleben möchte, dann spricht nur wenig dagegen. Solange es bewusst, aufgeklärt und aus einer emanzipierten Haltung heraus passiert. Ich brauche kein Viagra zu nehmen. Aber ich möchte es – zumindest jetzt.

Hinweis: Der Autor ist der Redaktion namentlich bekannt, möchte diesen Text aber aus Angst vor persönlichen Repressalien unter Pseudonym veröffentlichen.