Fusion, Wacken, Rock am Ring – so sehen Festivalgelände ohne Besucher*innen aus

Festivals fallen in diesem Jahr flach. Kein Marteria, kein Casper, kein Kraftklub. Zeit, sich den eigentlichen Stars der Veranstaltungen zu widmen: den Festivalgeländen selbst.

festival-von-oben-luftaufnahmen-fotos2
Weder Motorengeheul noch Rockballaden: Auf dem Nürburgring wird es in diesem Jahr ungewöhnlich still. Fotos: © Sascha Schürmann / AFP, © Gina Wetzler / Getty Images

Normalerweise streichen sich Rockfans das erste Juniwochenende immer ganz dick im Kalender an. Denn dann findet traditionell mit Rock am Ring, eines der größten Festivals Europas, statt. In diesem Jahr hingegen ist bekanntlich alles anders. Denn headbangende Metaler*innen und kopfnickende Hip-Hopper*innen wird man auf den Festivalgeländen Deutschlands in diesem Jahr vergeblich suchen.

Die Coronavirus-Pandemie sorgt dafür, dass der Sommer 2020 für viele Festivalfans wohl der traurigste ihres Lebens werden könnte. Kein Rock im Park, keine Liebe auf der Fusion und keine Moshpits in Wacken. Große und mittelgroße Festivals sind in diesem Jahr abgesagt. Auf Rennstrecken in der Eifel, im Berliner Olympiastadion, auf alten Flughäfen in Mecklenburg oder an sachsen-anhaltischen Seen wird es daher in diesem Sommer ungewöhnlich ruhig. Die Instagram-Feeds, die sonst mit Bildern feiernder Menschenmassen gefüllt würden, bleiben leer.

Diese Leere bietet aber auch die Möglichkeit, sich mal den heimlichen Stars der Festivals zu widmen: Den Festivalgeländen selbst. Nirgends ist Rock am Ring so wie in der „Grünen Hölle“, das Melt! wäre nicht das Melt!, würde es nicht im Schatten der riesigen Schaufelradbagger in Ferropolis stattfinden und das Wacken Open Air ohne Wacken? Undenkbar.

Ein Blick auf die Veranstaltungsorte und deren Geschichte lohnt sich.

Rock am Ring, Nürburgring, Nürburg

Weltweit gefürchtet ist der Nürburgring in der rheinland-pfälzischen Eifel vor allem unter Rennfahrer*innen wegen seiner Nordschleife. Seit 1985 wird die Rennstrecke auch zur Pilger*innenstätte für Rockfans aus ganz Europa. Mit über 85.000 Besucher*innen gehört Rock am Ring zu den größten Festivals Deutschlands. Bis auf die Veranstaltungen in den Jahren 2015 und 2016, als das Festival im rheinland-pfälzischen Mendig stattfand, ist RaR fast durchgängig in der „Grünen Hölle“, wie der Nürburgring auch genannt wird, beheimatet.

Rock im Park, Zeppelinfeld, Nürnberg

Man tausche einen Buchstaben, füge einen weiteren hinzu, und schon wird aus Nürburg Nürnberg. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten beider Städte. Bis auf: Rock im Park. Das Festival in der fränkischen Großstadt wird seit 1997 als Zwillingsfestival zu Rock am Ring veranstaltet. Bis zum Umbau für die Fußballweltmeisterschaft 2006 befand sich die Centerstage des Festivals im Frankenstadion. 2004 zog man um auf das benachbarte Zeppelinfeld, einen Teil des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes der NSDAP, wo das Festival seit 2007 seinen festen Platz hat. Normalerweise spielen bei Rock im Park dieselben Bands wie bei Rock am Ring.

Splash! und Melt!, Ferropolis, Gräfenhainichen

Würden die riesigen Schaufelradbagger im sachsen-anhaltischen Gräfenhainichen heute noch nach Braunkohle baggern, hätte Ende Gelände sie vermutlich längst besetzt. Glücklicherweise ist die „Stadt aus Eisen“ mittlerweile nicht mehr als Umweltzerstörerin bekannt, sondern als Location für zwei der bekanntesten Festivals Deutschlands. Nach der Stilllegung des Tagebaus 1991 entstand auf dem Gelände Ferropolis – Museum, Industriedenkmal, Stahlskulptur, Veranstaltungsareal und Themenpark gleichermaßen. Alles beherrschend: die riesigen Baggermaschinen, die aussehen wie Dinosaurier eines vergangenen Zeitalters.
Diese ungewöhnliche Kulisse wurde und wird von vielen Künstler*innen geschätzt. Seit 1999 hat das Elektro- und Rockfestival Melt! seinen festen Platz in Ferropolis. Seit 2009 findet in der eisernen Stadt zudem das Hip-Hop-Festival Splash! statt.

Fusion Festival, Flugplatz Lärz

Besucher*innen des Melt!-Festivals der ersten Stunde dürfte dieser Veranstaltungsort noch bestens im Gedächtnis sein: Bevor das Festival nach Gräfenhainichen zog, war es vorübergehend auf dem ehemaligen Militärflugplatz im mecklenburg-vorpommerischen Lärz beheimatet. Wo während des Kalten Krieges die Angst eines atomaren Erstschlags durch sowjetische Streitkräfte herrschte, wird heutzutage Jahr für Jahr die Liebe zelebriert.
Nachdem große Teile der ehemaligen militärischen Infrastruktur abgerissen wurden, wurde das Gelände 1994 für die zivile Nutzung freigegeben. Seit 1997 wird auf dem nördlichen Teil des Flugplatzes alljährlich das Fusion Festival veranstaltet, das die auf dem Gelände verbliebenen ehemaligen Flugzeughangars als Veranstaltungsorte nutzt.

Wacken Open Air, Wacken

Eine Apotheke, ein Supermarkt, eine Post und ein Blumenladen. Sonst gibt es im beschaulichen Wacken eigentlich nicht viel. Wäre da nicht eines der größten Heavy-Metal-Festival der Welt, das jährlich bis zu 80.000 Menschen in die schleswig-holsteinische Provinz lockt. Wer die Größe des Festivals verstehen möchte, könnte bei einem Blick auf die Zahlen Schwindel bekommen: Das Gelände umfasst mehr als 240 Hektar, die mit mehr als 45 Kilometern Bauzaun abgesperrt und unterteilt werden. Für das ganze Festival werden 2.200 Lkw mit Material benötigt. Während des dreitägigen Festivals beträgt die installierte elektrische Leistung 12 Megawatt, was in etwa dem Bedarf im selben Zeitraum einer Stadt mit 70.000 Einwohner*innen entspricht. Und als wäre das nicht schon beeindruckend genug, kam 2017 zum ersten Mal eine einen Kilometer lange Bier-Pipeline zum Einsatz, mit deren Hilfe innerhalb einer Stunde bis zu 10.000 Liter Bier an durstige Besucher*innen ausgeschenkt werden können. Na dann, Prost.

Lollapalooza, Olympiagelände, Berlin

Böse Zungen würden behaupten, ob das Olympiastadion in Berlin nun mit Menschen gefüllt oder leer sei, mache für die Stimmung von Heimspielen des Fußballclubs Hertha BSC keinen großen Unterschied. Das erkannte auch die Fußballbundesligistin und bemüht sich daher aktuell um einen Standort für eine neue, kleinere Arena. Denn so viel Historisches in dieser riesigen Schüssel auch steckt, so erweckt sie ihren atmosphärischen Geist erst dann, wenn sie bis auf den letzten Platz mit Menschen gefüllt ist. Diesen konnte zuletzt das jährlich auf dem Olympiagelände stattfindende Lollapalooza wecken.

Das ursprünglich aus den USA stammende Festival fand im September 2015 erstmals in Europa statt – auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Anschließend wechselte es in der Hauptstadt mehrmals das Veranstaltungsgelände, bis es im Jahr 2018 schließlich seine vorläufige Heimat auf dem Olympiagelände in Berlin fand. 2020 sollte das Festival wieder im Olympiastadion stattfinden. Zudem planten die Veranstalter*innen ein riesiges Schwesterfestival mit dem Namen Superbloom in München, das nun ebenfalls abgesagt werden musste.

Außerdem auf ze.tt