„Futur Drei“ ist die queere Coming-of-Age-Geschichte, auf die du gewartet hast

Wie ist es, als queere Person of Color in Deutschland aufzuwachsen? Der Spielfilm Futur Drei von Faraz Shariat und seinem Kollektiv Jünglinge erzählt es. Eine Kritik

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Benjamin Radjaipour, Banafshe Hourmazdi und Eidin Jalali (v. l. n. r.) erhielten für ihre Darstellungen in Futur Drei den Götz-George-Nachwuchspreis. Foto: © Edition Salzgeber/ Jünglinge Film

Ein letzter Griff in die Hose, kurz nochmal an den Fingern riechen – passt. Parvis (Benjamin Radjaipour) betritt eine helle Wohnung, die Wände säumen Regale voller Schallplatten. Ein gutaussehender Mann in den Vierzigern reicht ihm ein Glas Wein. Doch bevor sie auch nur an den Getränken nippen, befinden sich die beiden Männer bereits in inniger Umarmung. Dann wird gevögelt. Auf dem Sofa, auf dem Teppich.

Der Spielfilm Futur Drei, der auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte, erzählt, wie Parvis sein provinzielles Leben etwas bunter zu gestalten versucht. Grindr-Dates gehören dabei genauso zum Vergnügen wie lange Clubnächte und ebenso langes Ausschlafen in seinem Jugendzimmer. Parvis wächst in Hildesheim auf – als Kind iranischer Einwander*innen, die ihm ein sorgenfreies Leben ermöglicht haben. Und als Teil der Generation Y, der man nachsagt, stetig auf Sinnsuche zu sein.

Als Parvis nach einem Ladendiebstahl Sozialstunden in einem Geflüchtetenheim ableisten muss, lernt er Amon (Eidin Jalali) und dessen Schwester Banafshe (Banafshe Hourmazdi) kennen. Zwischen den dreien entwickelt sich eine intensive Freundschaft. Sie gehen tanzen, crashen Ü-30-Partys und philosophieren auf einem Parkplatz liegend bis zum Morgengrauen über das Leben. Und bald verlieben sich Parvis und Amon ineinander.

In seinem Regiedebüt erzählt Faraz Shariat vom Heranwachsen einer queeren Person of Color in einer weißdominierten Gesellschaft und schafft damit einen gelungenen Gegenentwurf zu den herkömmlichen Coming-of-Age-Geschichten, die das deutsche Kino bisher dominierten. „Ich habe mir die Frage gestellt, wo ich mich gesehen fühlen würde, wenn ich einen Film schaue“, erzählt der 25-Jährige im Interview. Entstanden ist ein Debütfilm, der etwas Revolutionäres in sich trägt.

Futur Drei ist queere Autofiktion

Futur Drei ist autofiktional, die Geschichte weist einige Parallelen zu Faraz Shariats Leben auf: Den Ladendiebstahl, das Aufwachsen als Sohn iranischer Migrant*innen in Deutschland in zweiter Generation und die Erfahrungen, die Parvis als queerer Mensch sammelt – all das hat Shariat in etwa so erlebt. Sogar die Eltern des Regisseurs sind Teil seines Debütfilms geworden, sie spielen quasi sich selbst.

Trotzdem sind der Regisseur und sein Hauptcharakter nicht gleichzusetzen. „Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass viel von mir in der Figur steckt“, sagt Shariat. „Für die Arbeit an der Geschichte war es aber total wichtig, die Unterschiede zwischen Parvis und mir klarzubekommen, um die Figur überhaupt kommunizierbar zu machen.“

Das Drehbuch ist als Gemeinschaftsprojekt entstanden. Zunächst in Zusammenarbeit mit Paulina Lorenz, mit der Shariat das Kollektiv Jünglinge geschaffen hat. Anschließend hat auch die Casterin Raquel Molt geholfen, den ersten eigenen Spielfilm zu verwirklichen.

Zunächst ist es Parvis‘ Perspektive, der die Erzählung folgt – doch erst durch die Verbindung zu Amon und Banafshe gewinnt die Geschichte an Tiefe. Dabei verzichten die Macher*innen bewusst darauf, die Beweggründe ihrer Flucht aufzuschlüsseln. Stattdessen fokussieren sie sich darauf, wie es sich für Amon und Banafshe anfühlt, in einem neuen Land anzukommen.

Manchmal werden die Fluchtbeweggründe miterzählt, damit man eine Empathie erzeugt bei den Leuten, die sich das dann angucken. Dabei sind die Gründe, warum die Menschen jetzt hier sind, egal. Sie sind jetzt hier und wichtig ist, wie wir als Gesellschaft damit umgehen.

Banafshe Hourmazdi

„Das ist auch nur ein Film über Migration und Ankommen in der Bundesrepublik, aber es ist nicht die wahre Geschichte“, sagt Banafshe Hourmazdi zu ze.tt. Ihre Figur trägt zwar denselben Vornamen wie die Schauspielerin, basiert aber nicht auf ihrer Identität und Geschichte. „Ich glaube, manchmal werden die Fluchtbeweggründe miterzählt, damit man eine Empathie erzeugt bei den Leuten, die sich das dann angucken. Es ist doch Quatsch, dass Leute ihr Leid immer wieder beweisen müssen, um hier eine Daseinsberechtigung zu haben, Menschen mit Fluchterfahrung brauchen kein Mitleid, es geht um Menschlichkeit. Dabei sind die Gründe, warum die Menschen jetzt hier sind, egal. Sie sind jetzt hier und wichtig ist, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Man muss nicht sympathisch sein, weil man geflüchtet ist und man braucht auch kein Mitleid.“

Geflüchtete brauchen kein Mitleid

Dass der Charakter, den Banafshe verkörpert, kein Mitleid nötig hat, wird in einer Szene mehr als deutlich: Da ihr Antrag auf Bleiberecht abgelehnt wird, bietet ihr Arbeitgeber (gespielt von Jürgen Vogel) an, sie zu heiraten. Was erst nach einem selbstlosen Akt aussieht, wird binnen weniger Sekunden zur unmissverständlichen sexuellen Belästigung. Dass man als Zuschauer*in damit rechnet, dass Banafshe diesem Deal aus ihrer Not heraus zustimmt, zeigt, wie Geschichten marginalisierter Menschen sonst cineastisch umgesetzt werden.

Wir wollten, dass man auch uns erlaubt, fehlbar zu sein und nicht immer nur das Richtige zu tun oder uns immer moralisch korrekt zu verhalten.

Faraz Shariat

Shariat und sein Team aber erzählen eine andere Geschichte: „Wir hatten das Gefühl, dass wenn über marginalisierte Perspektiven gesprochen wird – oder Filme gemacht werden – die vorkommenden Charaktere immer so perfekt sein müssen. Einerseits gibt es diese Opfer-Täter-Dichotomie, aber auch dieses Gefühl, wir müssten die ganze Zeit fehlerfrei sein und uns super bemühen, um als Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.“ Parvis‘ Figur sollte diese Vorstellung nicht verkörpern. „Er ist frech, scheißt auf vieles, klaut“, sagt Shariat. „Wir wollten, dass man auch uns erlaubt, fehlbar zu sein und nicht immer nur das Richtige zu tun oder uns immer moralisch korrekt zu verhalten. Das ist ein wichtiger Aspekt, um die Menschlichkeit von Figuren ernst zu nehmen und sie auch in ihrer Mehrdimensionalität zu zeigen.“

Das Ergebnis ist beeindruckend. Nicht nur der vielschichtigen Perspektiven wegen, die zeigen, dass deutscher Film auch anders kann als heteronormative Geschichten weißer Figuren zu erzählen. Auch die visuelle Ästhetik macht Futur Drei außergewöhnlich. Halb Musikclip, halb dokumentarisches Homevideo wächst der Film noch während der Handlung – bis er am Ende ein echtes Arthouse-Meisterwerk wird.

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Am 24. September startet Futur Drei in den deutschen Kinos.