Genderneutrale Erziehung: Wie Eltern ihren Kindern Vielfalt vorleben

Kinder haben oft konkrete Vorstellungen von Geschlechtern und damit traditionell verbundenen Dingen oder Eigenschaften. Hilft es, Kindern schon früh diverse Geschlechterrollen vorzuleben?

Carolin mit Willi. Foto: privat

Tareq trägt pinke Clip-on-Ohrringe, ein kleines Goldkettchen und einen pinken Trenchcoat, als er seine fünfjährige Tochter Ronja aus der Kita abholt. Sie hüpft ihm auf den Arm, lacht ihn an und sagt: „Coole Kette, Papi. Ist die neu?“ Als die beiden auf dem Nachhauseweg am Berghain entlangradeln, ruft sie: „Da kommt ja ein Mann in einem Jeansrock raus.“ Sie schlägt Tareq vor, dass sie die beiden Prinzessinnen Anna und Elsa nachspielen könnten, „ich will Elsa sein, du kannst Anna spielen.“

Ronja hat einen Vater, den sie schon seit ihrer Geburt immer mal wieder in Kleidern erlebt, der Schmuck trägt und sich ab und an die Nägel lackiert. Gar nicht unbedingt, weil er das persönlich schön findet, sondern in erster Linie, um toxische Männlichkeit aufzubrechen. Um die Menschen in seinem Umfeld damit zu konfrontieren, dass Schönheit nicht (nur) Frauen zugeschrieben werden sollte und Stärke nicht ausschließlich Personen, die sich selbst als männlich definieren. Um die Kleinen im Kindergarten seiner Tochter zum Nachdenken anzuregen und die Menschen, denen er auf der Straße begegnet, ebenso.

Denn die traditionellen Rollen, die noch immer tief verankert sind, machen krank: Nicht nur einzelne Menschen, sondern die ganze Gesellschaft leidet darunter. Sexismus und Homophobie sind immer noch an der Tagesordnung. Wenn Jungen lernen, dass sie nicht schwach oder zart sein und über Gefühle sprechen dürfen, sorgt das dafür, dass sie als Männer eher suizidgefährdet sind und eine verkürzte Lebenserwartung haben. Sie lernen nicht, sich Hilfe zu holen und ihre Gefühle zu kommunizieren.

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Tareq und Ronja auf dem Nachhauseweg. Foto: Marie-Claire Wygand

Auf der anderen Seite lernen Mädchen, sich um andere zu kümmern und sich lieber mal in die zweite Reihe zu stellen. Das führt zum Gender-Pay-Gap, zur finanziellen Ausbeutung und Altersarmut von Frauen. Zusätzlich fördert die ganze toxische Rollenverteilung die hohe Zahl sexualisierter Gewalttaten. Es müssen neue Geschlechterrollen her: selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie wert sind, und softe, einfühlsame Männer, die keine Dominanz und Härte vorgaukeln.

Geschlechternormen abschaffen

So stylt, kleidet und schminkt Tareq sich, damit Ronja nicht mit der typisch binären Trennung zwischen vermeintlich Männlichem und angeblich Weiblichem aufwächst. Andersherum achtet er darauf, dass seine Tochter nicht nur Puppen und rosa Rüschenkleider geschenkt bekommt. Er versucht gegenzusteuern, indem er mit Freund*innen und Familie über die Thematik spricht und Ronja möglichst Kleidung in neutralen Farben kauft. Zum Geburtstag gibt es dann eher mal ein Skateboard, ein ferngesteuertes Auto oder einen Fußball.

Trotzdem wünscht die Kleine sich häufig Dinge in Rosa- und Pinktönen, Puppen und Prinzessinnenzubehör, vor allem im Kleinkindalter sei das zu beobachten gewesen. Tareq versucht, das Ganze möglichst entspannt zu sehen: „Eltern können nur bis zu einem gewissen Maß Einfluss nehmen. Das Umfeld der Kinder prägt sie enorm, egal ob die anderen Kinder in der Kita, Werbung, Bücher oder Fernsehserien und Filme. Doch es ist wichtig, irgendwo anzufangen und Kindern mit auf den Weg zu geben, dass alle alles dürfen und es dabei keinen Unterschied zwischen Geschlechtern geben sollte.“

Das Umfeld prägt

Auch Carolin denkt viel über das Thema nach. Sie hat einen Sohn, der ungefähr so alt ist wie Ronja, und ist aktuell schwanger mit Zwillingen. „Nach Willis Geburt habe ich zuerst gar nicht so sehr darüber nachgedacht, dass die meisten Geschenke blau waren und mit Dinos oder Autos zu tun hatten.“ Carolin und ihr Freund waren einfach dankbar für jegliche Unterstützung und sahen die männlich konnotierten Geschenke noch gar nicht als Problem.

Als Willi ins Kleinkindalter kam, merkte seine Mutter ziemlich schnell, dass sie die männlichen Rollenklischees, die von allen Seiten auf ihr Kind einprasselten, irgendwie abwehren musste. „Ab und zu habe ich wahrscheinlich unterbewusst versucht, dem entgegenzusteuern. Ich schaute mit Willi Peppa Wutz und nähte ihm ein rosafarbenes Schweinchenkostüm. Ich schenkte ihm Glitzerstifte zum Geburtstag und ließ seine Haare immer länger werden.“

Lange Zeit hatte Willi eine beste Freundin, aber irgendwann begannen die Kinder in seiner Kita sich aufzuteilen in die Kategorien Jungs und Mädchen. „Ich kann leider bis heute nicht verorten, woher die spielerischen Kämpfe zwischen Jungen und Mädchen kamen. Doch ich fand es so schade, dass das Geschlecht auf einmal eine Rolle spielte – und noch dazu eine solch destruktive.“ Sie schenkte Willi ein Buch, im dem es genau um dieses Thema geht, und las es mit ihm gemeinsam. „Es ist wichtig, dass wir Großen uns gemeinsam mit den Kindern diesen Problemen stellen. Denn wie sollen sie sonst verstehen, dass diese Geschlechterrollen konstruiert sind und viele Menschen ausschließen und benachteiligen?“

Junge oder Mädchen?

Willi wird mit seinen langen Haaren auch manchmal von Fremden für ein Mädchen gehalten. Und das stört ihn sehr. In solchen Situationen fühlt seine Mutter sich in der Verpflichtung, anzumerken, dass Willi ein Junge ist – um die Situation für ihr Kind erträglicher zu machen: „Ich glaube, ab einem bestimmten Alter ist das eigene Geschlecht für ein Kind etwas ganz Wichtiges, es hat mit dem Finden von Identität zu tun. Besonders bei Kindern, die sich schnell missverstanden fühlen, haben die Eltern die Verantwortung, für das Kind einzustehen.“

Sowohl Tareq als auch Carolin fühlen sich oft, als kämpften sie gegen Windmühlen. Es kostet sie oft Anstrengung, Verwandte und Freund*innen immer wieder für Rollenklischees zu sensibilisieren. Die Gespräche wiederholen sich, die Denkmuster sind tief verinnerlicht. Aber beide Eltern merken auch, dass immer mehr Menschen mitziehen. „In Ronjas Kita sind viele Eltern wirklich offen und interessiert an dem Thema. Es ist schön, zu merken, dass ein Umdenken über Geschlechter stattfindet, das auch von vielen Eltern langsam an die Kinder herangetragen wird. Das geschieht langsam, aber es geht voran.“ Und so wird Tareq Ronja weiterhin im Glitzerpullover und mit Spange im Haar zum Kindergarten bringen – bis er dafür eines Tages nicht mehr schief angeschaut oder darauf angesprochen wird.