Genozid an Ezid*innen: Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist eine Kriegswaffe

Sechs Jahre nach dem Einfall des IS in Shingal sind Ezid*innen noch immer Verfolgung und Krieg ausgesetzt. Der sexuelle Missbrauch von Frauen wird dabei bis heute gezielt als Waffe eingesetzt. Ein Gastbeitrag

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"Die Welt hat diese Menschen aus dem Blick verloren", sagt Nadia Murad. Illustration: © Elif Küçük

Es ist der 3. August 2014. Der sogenannte Islamische Staat überfällt die überwiegend von der ethno-religiösen Gemeinschaft der Ezid*innen bewohnten Region Shingal im Nordirak. Was folgt, sind Bilder brutaler Gewalt: Dörfer und heilige Stätten der Ezid*innen werden systematisch zerstört. Männer und alte Menschen werden öffentlich exekutiert. Später, nach dem Fund von zahlreichen Massengräbern, sprechen die internationalen Medien von Massenhinrichtungen. Über 6.000 Frauen und Kinder werden verschleppt. Die Jungen werden zwangsislamisiert, indoktriniert und zu IS-Kämpfern ausgebildet. Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, auf Sklav*innenmärkten als Sexsklavinnen inszeniert, verkauft oder als Kriegsbeute unter Anhängern des Islamischen Staats und an Sympathisanten des IS verschenkt.

Einige Frauen können sich befreien oder werden von Familienmitgliedern sowie Religionsangehörigen durch Mittler freigekauft. Die Überlebenden berichten von Einzel-, Gruppen- und Massenvergewaltigungen, Folter und psychischer Gewalt.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist eine bewusst gewählte Kriegswaffe

Was in Shingal mit den ezidischen Frauen geschehen ist, ist kein brutaler Kollateralschaden. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist eine bewusst gewählte Kriegswaffe, womit Familien und Gemeinschaften gebrochen werden sollen. Wie die UN berichten, wird Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt gezielt eingesetzt, um Frauen unter anderem mit Krankheiten zu infizieren, sie ihrer Gebärfähigkeit zu berauben oder gar ganze ethnische Zusammensetzungen der kommenden Generationen zu verändern.

Diese Formen von sexualisierten Kriegsverbrechen trafen UN-Schätzungen zufolge allein 60.000 Frauen im Bürger*innenkrieg in Sierra Leone (1991 bis 2002), mehr als 40.000 in Liberia (1989 bis 2003), bis zu 60.000 im früheren Jugoslawien (1992 bis 1995), 100.000 bis 200.000 in Ruanda im Jahr 1994 und seit 1998 mindestens 200.000 Frauen in der Demokratischen Republik Kongo.

Gewalt an Frauen ist selbstverständlich kein historisch neues Phänomen, sondern hat Kontinuität. Deutsche Soldaten haben im ersten Weltkrieg belgische und französische Frauen sowie im zweiten Weltkrieg sowjetische Frauen gezielt vergewaltigt. Ebenso war sexueller Missbrauch von Frauen und Mädchen während des europäischen Kolonialismus fester Bestandteil der strategischen Gewalt.

Bei Vergewaltigungen steht direkt und indirekt der Kontakt unter Männern im Vordergrund.

Rolf Pohl, Sozialpsychologe

Jahrhundertelange Verfolgungsgeschichte

Mit der systematischen Vergewaltigung ezidischer Frauen werden nach IS-Ideologie muslimische statt weitere ezidische Kinder gezeugt, was den Genozid an den Ezid*innen fortsetzt. Die Verfolgungsgeschichte der Ezid*innen ist somit kein neues Problem. Sie nimmt ihren Anfang in der Islamisierung Mesopotamiens, dem westasiatischen Kulturraum zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, und dauert bis heute an. Zuletzt im Juni 2020, als das türkische Militär ezidische Siedlungsgebiete in Irak bombardierte. In der Zählung der Ezid*innen sind es 72 Genozide. Eine symbolische Zahl, die keine exakte Chronik der Völkermorde, sondern einen Verweis auf die Unendlichkeit ihrer Unterdrückung darstellt. Ezid*innen wurden immer wieder vertrieben, ihre Städte und Gebetsorte niedergerissen und heilige Schriften verbrannt.

Der sexuelle Missbrauch von Frauen wird dabei bis heute gezielt als Waffe eingesetzt, um die Männer sowie die Familien innerhalb der ezidischen Gemeinschaft zu demütigen. Das soziale Gefüge der Ezid*innen soll dadurch geschwächt und möglichst zerstört werden. Innerhalb dieser patriarchalen Machtordnung gilt die sexualisierte Gewalt als Privileg des vermeintlichen Siegers. Der Soziologe und Sozialpsychologe Rolf Pohl verweist in diesem Zusammenhang auf das folgende Motiv: „Bei Vergewaltigungen steht direkt und indirekt der Kontakt unter Männern im Vordergrund.“ Direkt, wenn der sexuelle Missbrauch vor den Augen der Ehemänner und Väter geschieht und indirekt, um das kollektive und individuelle Selbstverständnis der Männer als patriarchale Beschützer und Machtinhaber der Gesellschafts- und Familienordnung zu treffen. So tragen Männer also ihre Kriege bewusst auf den Körpern von Frauen aus, die sie der verfeindeten Seite zugehörig verstehen.

Die Welt hat diese Menschen aus dem Blick verloren.

Nadia Murad, Menschenrechtsaktivistin

Diese gezielt zerstörerische Gewalt gegen Frauen wird in den derzeitigen IS-Prozessen in Deutschland verstärkt thematisiert, vor allem bei dem Prozess am Oberlandesgericht in Frankfurt, wo es explizit um den Völkermord an den Ezid*innen geht. So fordert die Menschenrechtsaktivistin und Journalistin Düzen Tekkal, dass auch sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe anerkannt und die verübten Vergewaltigungen an den ezidischen Frauen und Mädchen als genozidale Strategie des IS begriffen werden. Die ezidische Friedensnobelpreisträgerin und UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad kämpft ebenso für die Betroffenen des Femizids. „Die Welt hat diese Menschen aus dem Blick verloren“, sagt sie der Deutschen Presseagentur anlässlich des Welttages gegen Menschenhandel und Versklavung am 30. Juli. Denn noch immer werden über 2.800 Frauen und Kinder vermisst.