Getöteter Eisbär in der Arktis: Wie kann so etwas passieren?

Das Tier wurde auf der Insel Spitzbergen von Crewmitgliedern eines deutschen Kreuzfahrtschiffes erschossen, als es seinen Lebensraum verteidigte. Wie kann es dazu kommen?

Getöteter Eisbär in der Arktis: Wie kann so etwas passieren?

Der tote Bär liegt am Strand von Sjuøyane im Norden der Arktisinsel Spitzbergen. Der Fall sorgt für Empörung. Foto: Gustav Busch Arntsen / Gettyimages

Auf der Polarinselgruppe Spitzbergen, die zu Norwegen gehört, wurde am Wochenende ein Eisbär durch einen Menschen getötet. Der Vorfall ereignete sich, als das Tier sich gegen zwölf sogenannte Eisbärenwächter*innen auf einem Landgang durch seinen Lebensraum wehrte. Es verletzte einen deutschen Eisbärenwächter am Kopf, ein Kollege erschoss das Tier daraufhin „aus Gründen der Notwehr“.

Die Polizei in Spitzbergen teilte mit, dass der verletzte Mann außer Lebensgefahr sei und in dem Fall ermittelt werde. Die Eisbärenwächter*innen sind Teil der Crew des deutschen Kreuzfahrtschiffes MS Bremen. Tierschützer*innen sind empört, auf der Facebookseite des Reiseveranstalters werfen Menschen dem Unternehmen Verantwortungslosigkeit vor und fragen, was es dort überhaupt zu suchen habe, wo der Lebensraum der Eisbären ohnehin schon eingeschränkt ist. Wir greifen diese Frage auf:

Was hat ein Kreuzfahrtschiff dort verloren?

Das Hamburger Unternehmen Hapag-Lloyd Cruises bietet spezielle Arktis-Expeditionen an. Auf der Webseite schreibt es: „Der Lebensraum der Arktis ist ein faszinierender aber zugleich extremer Lebensraum – und die Heimat von unzähligen Polarfüchsen, Walen, Robben, Eisbären und Moschusochsen.“ Während solcher Expeditionen fährt etwa das Schiff MS Bremen mit 160 Passagier*innen an Spitzbergen vorbei. Die Gäste lassen sich solche Reisen ordentlich was kosten: Das Unternehmen verlangt 5.810 Euro für zehn Tage Kreuzfahrt. Die Tourist*innen selbst gehen laut Unternehmen nicht an Land, nur speziell ausgebildete und bewaffnete Eisbärenwächter*innen, um das Gebiet „abzusichern“.

Die Insel ist in verschiedene Naturschutzgebiete eingeteilt, ein generelles Verbot zum Betreten gibt es nicht. Touren außerhalb der besiedelten Gebiete – wie das, in dem der Vorfall sich zugetragen hat – müssen vorher bei der norwegischen Verwaltung angemeldet und genehmigt werden. Das Mitführen ausreichender Bewaffnung für den Fall von Eisbärenkontakt ist nach Angaben des Gouverneurs von Spitzbergen Pflicht.

Warum braucht es Eisbärenwächter*innen?

Der Beruf des*r Eisbärenwächter*in ist eine Erfindung des Verbands Arktischer Kreuzfahrt-Veranstalter (AECO). Die Eisbärenwächter*innen sind nicht beim Staat angestellt, sondern durch Privatunternehmen.

Auf Spitzbergen leben mit über 3.500 mehr Eisbären als Menschen (rund 2.500) – größtenteils in Schutzzonen. Es kommen jährlich aber etwa 70.000 Tourist*innen nach Spitzbergen, die sich für die Tiere interessieren, weshalb es für Reiseveranstalter*innen offenbar diesen Schutz durch Eisbärenwächter*innen bedarf. 2015 verletzte ein Polarbär einen Tschechen, der auf Spitzbergen eine totale Sonnenfinsternis beobachten wollte. Die letzte tödliche Attacke eines Eisbären war 2011; dabei kam ein britischer Student ums Leben.

Wieso wurde das Tier nicht betäubt?

Die Eisbärenwächter*innen sind laut Gouverneur angehalten, gefährliche Konfrontationen zu vermeiden. Es wird „zum Verjagen neugieriger Eisbären“ eine „Signalpistole mit Spezialmunition“ empfohlen. Laut Angaben des Hannover Unternehmen hatte man zunächst versucht, das Tier mit Warnschüssen zu vertreiben, nachdem es den deutschen Eisbärenwächter von hinten attackierte. Das blieb ohne Erfolg, weshalb tödlich geschossen wurde. Warum tödliche Munition verwendet wurde, ist nicht bekannt – es gibt jedenfalls spezielle Munition, die Tiere betäubt.

Eisbären sind auf Spitzbergen gesetzlich geschützt, der Abschuss ist nur in Notwehr erlaubt – auf was die Gruppe der Eisbärenwächter*innen sich im aktuellen Fall beruft. Aber: Jeder Abschuss stellt die Verantwortlichen unter Straftatverdacht. Das zieht eine Untersuchung nach sich. Verantwortlich ist dabei zunächst der*die Schütz*in, aber möglicherweise auch Reisende, die den Abschuss durch verantwortungsloses Verhalten provoziert haben, etwa Entfernen von der Gruppe oder Aufschrecken der Tiere.

Die Polizei Spitzbergen wird den toten Eisbären nun obduzieren. Es bleibt abzuwarten, ob der Fall rechtliche Konsequenzen für die zwölf Eisbärenwächter*innen oder das Kreuzfahrunternehmen nach sich zieht.

Wie steht es um Eisbären generell?

Es gibt weltweit noch etwa 22.000 bis 31.000 Eisbären auf der Welt. Sie verteilen sich laut WWF auf 19 voneinander getrennte Populationen. Sie ernähren sich hauptsächlich von Robben. Aufgrund des von Menschen verursachten Klimawandels schrumpft ihr Lebensraum rasant, sie finden durch das schrumpfende Eis immer weniger Beute. In der Beauford See in Alaska und im Nordwesten Kanadas ist die Eisbärenpopulation seit Beginn des Jahrhunderts um rund 40 Prozent zurückgegangen. Die Tiere gelten als Wunder der Natur und einzigartiges Zeugnis für die Evolution.